Keramikerin Helga Bauer aus Grainbach hat eine besondere Liebe: heimischen Seeton

Helga Bauer ist fasziniert vom heimischen Material, das schöne Glasuren ermöglicht. Nitzsche

Seeton aus einer Baugrube aus Achenmühle als Werkstoff? Helga Bauer vom Samerberg ist fasziniert von diesem heimischen Material - über Jahrzehnte hat sie diese so besonderen Keramiken gefertigt. Den Stoff ihrer Keramikerträume hat sie vor Jahrzehnten entdeckt und ihn lieben gelernt.

Samerberg – Bunt und rund in jeder Hinsicht ist das Leben von Helga Bauer vom Samerberg – ganz besonders dann, wenn man ihre Liebe und ihr Können zur Keramik und dabei die Verwendung von Achenmühler Seeton für die Glasurherstellung betrachtet. Bei einem Besuch in ihrem Haus in Hartbichl oberhalb von Grainbach gewährt Helga Bauer einen Einblick in ihre außergewöhnlichen Tätigkeiten.

„Die Glasuren für meine Arbeiten stelle ich selbst her. An der Kunsthochschule in Hamburg durfte ich von 1965 bis 1969 im Rahmen der Volks- und Realschullehrerausbildug (Wahlfach Werken) bei Professor Jan Bontjes van Beek die Ausbildung in Keramik genießen.

Hier lernte ich neben dem Formen und Herstellen von Drehton und Aufbauton das Herstellen und Beurteilen von Glasuren. Damals habe ich auch schon unter der Anleitung von Professor Jan Bontjes van Beek Glasurenversuche mit einem Lehm von der Ostseeküste gemacht“.

Ein Biertragerl für geschenkten Aushub

Mit diesen Worten erinnert die in Aschau geborene Künstlerin an den Beginn einer bis heute anhaltenden Keramik-Leidenschaft. 1983 erfüllte sie sich einen lange gehegten Wunsch mit der Einrichtung einer eigenen Keramikwerkstatt im Wohnhaus in Hartbichl. Seitdem beschäftigt sie sich mit keramischer Arbeit mit Glasurentwicklung (Asche- und Lehmglasuren) sowie mit dem Aufbauen und Drehen von keramischen Gefäßen und Objekten.

Für ihre Arbeit hat Helga Bauer einen Elektroofen, der Westerwalder Steinzeugton und Porzellantone bei 1240 Grad Celsius brennt. Der Scherben dieser Keramiken wird durch die hohe Brenntemperatur glasartig verdichtet, ist also nahezu wasserdicht und ist somit für die Spülmaschine und Mikrowelle geeignet.

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Was ist Seeton?

Erstmals mit dem Seeton in der Samerberger Nachbarortschaft Achenmühle (Gemeinde Rohrdorf) kam Helga Bauer bei einer dortigen Baugrube in Verbindung. Hierzu erinnert sie sich wie folgt: „Es war im Jahr 1983, als ich des Öfteren an einer großen Baustelle vorbeikam und sah, wie lastwagenweise dunkler Ton abgebaut wurde. Da bat ich den Fahrer, mir eine Fuhre nach Hartbichl zu fahren, gab ihm dafür ein Tragerl Bier und ich probierte den Ton aus.

Der Ton ließ sich gut drehen

Der Ton ließ sich gut drehen, bei der Brenntemperatur von 950 Grad Celsius hat er eine hellrote Farbe. Allerdings bei 1040 Grad wurde er bräunlich und bekam Risse. Dann stellte ich mal eine Probe in den Glattbrand bei 1240 Grad in den Ofen, da schmolz er aus zu einer Glasur. So wusste ich, dass man mit diesem Ton Glasuren machen kann und begann damit zu experimentieren. Ich hab dann nur noch mit Westerwälder Steinzeugton getöpfert und war fasziniert davon, welch schöne Glasuren man mit dem Seeton machen kann. Anregungen über das Glasieren mit Ton holte ich mir aus der Fachliteratur. Man nennt diese Glasuren „Lehmglasuren“. Der Achenmühler Ton ist feiner als Lehm, man nennt ihn deshalb nach Auskunft von Robert Darga vom Naturkunde-Museum Siegsdorf „Achenmühler Seeton“.

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Dieser Achenmühler Seeton besteht aus feinsten Ablagerungen des Inngletschers nach der letzten Eiszeit (Würmeiszeit). Die Geschiebe der Gesteine des Inngletschers kommen bis vom Ötztal und Engadin her. Somit haben sich die feinsten Abriebe von verschiedenen Gesteinen unseres Alpenraums in Achenmühle abgesetzt.

Ihre Erfahrungen mit dem Seeton von Achenmühle hält Helga Bauer wie folgt fest: „Die Vielfalt von Mineralien gibt dieser Lehmglasur ein lebendiges Aussehen. Somit kann ich aus diesem Seeton auch eine echt ausgeschmolzene seidenmatte Glasur herstellen.

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Echt ausgeschmolzen heißt: Wenn sich ein Bleistiftstrich von der Glasur abwischen lässt. Ich machte viele Versuchsreihen mit diesem Seeton indem ich Gesteinsmehle (Feldspat, Quarz, Kalkspat usw.) dazu mischte. Wegen der hohen Brenntemperatur von 1240 Grad kann ich auf die giftigen Flussmittel wie Blei und Cadmium völlig verzichten! In Keramik-Fachbüchern habe ich auch Informationen über die Verwendung von Aschen für Glasuren bekommen.“

,So stellte sie sich selbst Aschen von verschiedenen Hölzern her, mischte diese mit dem Achenmühler Seeton und mit Gesteinsmehlen und erhielt letztlich bei der hohen Brenntemperatur auch schöne Glasuren.

In unserem südbayerischen Raum ist das Glasieren mit Lehm und feinerem Seeton wenig bekannt.

Bunzlauer Keramiken

Doch die Bunzlauer Keramiken, die dunkelbraun glasierten, lebensmittelgeeigneten „Rahmhaferl“ werden bei uns schon lange verwendet. Dieses Steinzeug wird bei circa 1300 Grad gebrannt, die Glasur besteht aus rotbraunem Lehm, Aschen und Feldspat. Auch diese Glasur ist bleifrei und cadmiumfrei“.

Für Leute, die sich näher für den Achenmühler Seeton interessieren, empfiehlt sie die Veröffentlichung von Robert Darga „Wanderungen in die Erdgeschichte“ mit dem Beitrag „Auf den Spuren des Inn-Chiemsee-Gletschers“).

Bewunderung für Keramiken aus China

Die Herstellung von Keramiken erfüllt Helga Bauer und so zeigt sie ihre farbigen und ideenreichen Erzeugnisse gerne bei Handwerkermärkten oder nach vorheriger telefonischer Anmeldung (Telefon 08032/8763) bei ihr zu Hause in Hartbichl. Beispiele ihrer Produkte finden sich auch auf ihrer neuen Internetseite www.helga-bauer-keramik.de.

Wenn man Helga Bauer fragt, was sie neben dem Achenmühler Seeton noch besonders fasziniert hat, sagt sie: „Die chinesischen Keramiken der Sungzeit (um 1200 nach Christus) bewundere ich am meisten. Im Original konnte ich sie bei Reisen nach Japan in den Jahren 2000, 2007 und 2017 in Tokio, Kyoto und Osaka bewundern, ebenso 2015 in Hongkong“.

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