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Söchtenauerin zeigt, wie „vielfältig und interessant“ der Beruf ist

Mütterchen? Hausfrau? – Johanna kämpft als Botschafterin für Hauswirtschaft gegen Attacken

Den Likör, das Pesto, ein Stirnband, Armbänder und Ohrringe – alles auf dem Tisch hat Johanna Heissler in ihrer Abschlussprüfung gefertigt.
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Den Likör, das Pesto, ein Stirnband, Armbänder und Ohrringe – alles auf dem Tisch hat Johanna H. in ihrer Abschlussprüfung gefertigt.
  • VonPaula L. Trautmann
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Hauswirtschaft ist was für Küchenmädchen, Mütterchen und Hausfrauen. Das ist das Klischee. Die Realität sieht anders aus, zumindest für Johanna aus Osterfing bei Söchtenau. Sie ist Botschafterin für Hauswirtschaft und will beweisen, dass dieser Beruf mehr abverlangt, als viele denken. Ein Besuch bei einer jungen Frau, deren Arbeit nicht aktueller sein könnte.

Söchtenau – Johanna H. wartet im Garten ihres Zuhauses. Ein alter Bauernhof wie aus dem Bilderbuch. Rote Geranien hängen vom Balkon, zwischen den Bäumen baumelt eine Wäscheleine. Am Hauseingang prangt eine 18 aus Stroh, vor wenigen Wochen hatte Johanna Geburtstag. „Die Oma konnte sich noch nicht davon trennen“, sagt sie.

Auf Messen und in sozialen Medien

In der Küche steht alles bereit für den Likör, den sie heute machen will: Erdbeeren aus der Region, Zucker, Sahne und Korn. Das Rezept hat sie von einer Mitarbeiterin eines Erdbeerfeldes. Heissler wäscht die Früchte, sortiert die schlechten aus und schneidet sie in Stücke. „Viele Leute meinen, außer Putzen und Kochen machen wir nichts“, sagt sie.

Frauen hätten früher Hauswirtschafterin gelernt, damit sie heiraten durften und den Haushalt führen konnten. Johanna will zeigen, wie „vielfältig und interessant“ der Beruf heute ist. Deshalb ist sie seit einem Jahr Botschafterin beim Landwirtschaftsministerium. Die Botschafter kommen aus ganz Bayern, treffen sich in München oder online über Videoplattformen. Mit ihren Kollegen organisiert die 18-Jährige Veranstaltungen, wirbt auf Messen und sozialen Medien für ihre Arbeit.

Die 18-Jährige füllt den Erdbeer-Sahne-Likör in eine Flasche, die sie zuvor sterilisiert hat.

Jeder Handgriff sitzt

Sie steckt den Stabmixer in die Steckdose und püriert die Erdbeeren, bis eine homogene Masse entsteht. Dann zieht sie das Kabel vom Strom ab. Es sei wichtig, auf Sicherheit zu achten. Heissler füllt die Masse in einen Topf, lässt sie aufkochen, gibt die Sahne und später den Alkohol hinzu. Jeder Handgriff sitzt.

Auch Handwerken kann Johanna Heissler

„Als Hauswirtschafter sind wir Köche, Floristen, Reinigungsfachkräfte, Schneider, Raumausstatter und vieles mehr“, sagt die junge Frau. Sie kennt sich mit Hühnern aus, kann Kühe melken und Käse sowie Milch herstellen. Auch Säuglingsbetreuung war ein Teil ihrer Ausbildung an der Berufsfachschule in Miesbach. Sie hat Heilmittel gegen Kinderkrankheiten und Wickeln gelernt. Auch Handwerken kann sie nach eigenen Angaben. Sie habe die Küche abgebaut und renoviert. Einen Mann hat sie dafür nicht gebraucht, sie kann anpacken.

Wie ihre Mutter, sie sei die handwerklich Begabte im Haus. Von ihr habe sie auch gelernt, zu servieren und drei oder vier Teller gleichzeitig zu tragen. Ihre Mutter ist keine Hauswirtschafterin, sie hat Hotelfachfrau gelernt. Dennoch kommt Johanna Heissler aus einer Familie von Hauswirtschafterinnen. Ihre Großmutter hat vornehmlich Schülerinnen in dem Fach ausgebildet. Eine Cousine ist Hauswirtschaftsmeisterin. Die andere Cousine ist Dorfhelferin und unterstützt Familien in Not.

Beleidigungen und Anfeindungen

Während der Likör auf dem Herd steht, sterilisiert Johanna die Flaschen. Erst wäscht sie die Deckel und Gläser mit heißem Wasser aus. Dann kommen sie in den Ofen für zehn Minuten bei 110 Grad. Die 18-Jährige rührt im Topf und berichtet von Anfeindungen. Mit einem Botschafter-Kollegen habe sie ein Video über ihren Beruf gedreht. „So was kommt raus, wenn man nicht studieren kann“, hat ein Nutzer kommentiert. Angriffe wie dieser verletzen die junge Frau nach eigenen Angaben jedoch nicht. Das zeige nur, wie wenig Ahnung derjenige habe. „Solche Kommentare kommen von Leuten, die Fertigpizzen und Instant-Nudeln essen.“ Einer ihrer Kollegen habe jedoch besonders mit den Klischees zu kämpfen. „Wieso machst du einen Frauenberuf?“, werde der junge Mann oft gefragt.

„Je wichtiger der Beruf, desto schlechter bezahlt“

Beim Feiern reagierten die Leute „perplex und komisch“, wenn die Hauswirtschafterin ihren Beruf erwähnen. „Was ist das?“, fragen viele. Wenn sie es erklärt, seien die meisten Menschen verwundert, wie viel sie kann. Für die 18-Jährige ist es ein sinnstiftender Beruf, durch den sie anderen helfen kann.

Doch ein Manko gibt es der Botschafterin zufolge: „Je wichtiger der Beruf, desto schlechter bezahlt.“ Dennoch liebt Johanna ihre Arbeit. Die Wertschätzung der Menschen sei mehr wert als Geld. Ein Lächeln als Dank sei genug.

Die Gläser sind fertig sterilisiert. Sie steckt einen Trichter in eine Flasche und füllt den Likör mit einem Schöpflöffel um. Mit dem Teigschaber kratzt sie den Topf aus. Sie will nichts verschwenden. „Nachhaltigkeit und Umweltschutz wird immer mehr gefragt“, sagt die Teenagerin. Auch deshalb will sie ihr Wissen an Kinder weitergeben und Fachlehrerin werden. Dafür wird sie ab September zwei Jahren in Bad Aibling studieren. Danach kann sie Handarbeit und Kochen an Grund- und Mittelschulen unterrichten. Sie wolle den Kindern helfen, Hintergründe zu verstehen.

Die stolze Großmutter

„Wenn sie sich was vornimmt, schafft sie es auch“, sagt ihre Großmutter Rosa Demmel. Die 81-Jährige kommt gerade nach Hause und zeigt, wie stolz sie auf ihre Enkelin ist. Sie sei tüchtig, ehrgeizig und nun auch noch Botschafterin für das Ministerium in München. Johanna H. größter Fan scheint ihre Großmutter zu sein. Und sie weiß, woher die Hilfsbereitschaft ihrer Enkelin kommt: „Bei uns dahoam wars scho immer so, dass ma de Leid helft.“

Das Rezept hat Johanna von Erdbeer Niederthanner in Pang.

Tipps und Tricks:

Lieferschwierigkeiten und Inflation – der Beruf der Hauswirtschafterin könnte nicht aktueller sein. Johann Heisslers Motto ist: „Mit Hirn einkaufen und essen.“ Wenn eine Frucht nicht mehr gut aussehe, schneidet die die eingedrückten Stellen weg. Sie rät ohnehin, Obst und Gemüse in Hofläden oder auf dem Bauernhof zu kaufen. Dort gebe es Produkte, die „nicht so top aussehen“, aber besser schmecken. Zudem könne jeder Kunde bei regionalen Bauern oder Läden nachfragen, wie viel Früchte und Gemüse gespritzt werden. Das schade der Gesundheit von Arbeitern und Konsumenten. Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist Heissler zufolge wichtig. „Was wir jetzt essen, dankt uns der Körper später.“ Auch für den Haushalt hat sie zwei Tipps. Geschirrtücher müssen gebügelt werden. Mikroorganismen und Bakterien blieben selbst nach einem Waschgang oft in den Fasern. Ähnlich bei Holzbrettern. Eine Spülmaschine dringe nicht in die Poren ein. Deshalb solle man Scheuerpulver auf ein Brett zu geben und es mit einer Bürste entlang der Maserung einmassieren.

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