Jetzt heißt es „Tanken dahoam“: Reinhild Gruber erlebt in Niederaudorf Boom

Reinhild Gruber und Enkel Maxi.Die 63-Jährige betreibt eine Tankstelle in Niederaudorf. Die Grenzschließung zu Tirol stellt ist Segen und Fluch zugleich. Gruber
  • vonEva-Maria Gruber
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Keine Schule, weniger Aufträge, keine Vorstellungsgespräche, kein Feierabendbier in der Stammkneipe, keine sonnigen Nachmittage auf dem Spielplatz, Homeoffice statt netter Kollegen, Klopapiermangel – meist ist der Coronavirus tief einschneidend. Die wenigsten profitieren. Reinhild Gruber schon.

Niederaudorf – Seit der Grenzschließung heißt es für viele wieder „tanken dahoam“. Verbilligt tanken im nahen Tirol ist durch die Grenzschließung momentan nicht möglich. Und so erfährt die kleine Tankstelle mitten in Niederaudorf erheblichen Zulauf. Reinhild Gruber geht mit dem momentanen Run gelassen um. „Ich kenne auch Durststrecken“, sagt sie mit Tränen in den Augen.

Eine Tankstelle als Lebenswerk

Alles habe man schon mitgemacht: den Zweiten Weltkrieg, Diphterie und sonstige Krankheiten. Die Corona-Krise werde man mit Besonnenheit und Augenmaß bewältigen, betont Seniorchefin Maria Gruber und schaut ihre Tochter beruhigend an. Die alte Dame kann mit ihren fast 90 Jahren auf ein bewegtes Leben blicken. Besonders prägend war die Gründung der Tankstelle in Niederaudorf „1927 durch meinen Großvater Michael“, so Reinhild Gruber.

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Die 63-Jährige steht ihr gesamtes Berufsleben lang in der Tankstelle. Sie ist ihr Leben und auch ihr Lebenswerk. Sechs Tage die Woche, von Montag bis Samstag, von 7 bis 19 Uhr, hält sie den Laden am Laufen. In diesen Krisentagen ist sie besonders gefordert, denn die Corona-Krise zwingt sie, Oma Maria sozusagen Kassenverbot zu erteilen. „Die Mama ist einfach Risikopatientin. Die darf nicht in den Laden.“ Und so kümmert sich Reinhild Gruber um alles alleine: Vom Öffnen verklemmter Tankdeckel bis hin zur Reparatur der technisch hoch komplizierten Kasse ist alles drin.

Nerven bewahren

Natürlich gilt es in diesen Tagen auch, Nerven zu bewahren: Nicht jede Kundschaft ist freundlich. „Da gibt es schon welche, die sauer sind und fragen, wann die Tiroler Tankstelle wieder offen haben wird. Den kleinen Tagesausflug nach Niederndorf oder Kufstein mit dem Tanken zu verbinden – das wird wohl über Wochen hinweg nicht mehr möglich sein.

„Tja, dann müssen die Leute da bleiben.“ Es ist keine Schadenfreude, die bei Reinhild Gruber da mitschwingt. Sie weiß, was es heißt, wenn es einem wirtschaftlich schlecht geht. Mehrmals habe ihr die Steuerberaterin in den vergangenen Jahren schon geraten, die Tankstelle zu schließen. „Doch viele Nieder- und Oberaudorfer sind der Tankstelle treu geblieben. Dafür möchte ich mich heute ganz besonders bedanken.“

Schlangen im kleinen Shop

Reinhild Gruber bricht kurzzeitig die Stimme. Ihr Enkel Xaver durchbricht die Stille mit einem lauten Lachen. „Oma, komm, wir müssen kassieren.“ In dem kleinen Shop hat sich eine Schlange gebildet. Reinhild Gruber wischt sich die Tränen weg. „Wenn‘s mir zuviel wird, dann denk ich an meine Mama, die schwierigen Zeiten, die sie bewältigen musste. Dann geht es wieder.“ Es muss ja auch gehen, denn sie hat heute noch mehrere Stunden an der Kasse zu bewältigen.

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