Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Sechs Jahre nach Horror-Crash in Rosenheim

Schwester, Freundin und Gesundheit verloren: So geht es Lena Daxlberger (25) heute

Lena Daxlberger liebt die Ausritte mit ihrem Pferd Willy, auch wenn sie dabei an den Unfall, der ihr Leben für immer verändert hat, erinnert wird.
+
Lena Daxlberger liebt die Ausritte mit ihrem Pferd Willy, auch wenn sie dabei an den Unfall, der ihr Leben für immer verändert hat, erinnert wird.
  • Mathias Weinzierl
    VonMathias Weinzierl
    schließen

Bei einem Horrorunfall am 20. November 2016 in Rosenheim hat Lena Daxlberger ihre kleine Schwester Ramona (15), ihre Freundin Melanie (21) und ihre eigene Gesundheit verloren. Gegenüber den OVB-Heimatzeitungen gibt die 25-jährige Samerbergerin Einblicke in ihren Weg zurück ins Leben.

Samerberg – Zeit heilt alle Wunden. Ein Sprichwort, das Lena Daxlberger in den vergangenen Jahren hunderte Male gehört hat. Doch die 25-jährige Samerbergerin weiß: Dieses Sprichwort ist nicht wahr. Ihre tiefen körperlichen und seelischen Wunden, die vor sechs Jahren ein schwerer Unfall in Rosenheim gerissen hat, werden sie ihr Leben lang begleiten. Auch wenn Daxlberger, die bei dem Unfall ihre kleine Schwester Ramona (15), ihre gute Freundin Melanie (21) und ihre Gesundheit verloren hat, heute immerhin sagen kann: „Ich lerne, damit umzugehen, damit zu leben.“

Verloren bei dem schweren Unfall am 20. November 2016 in Rosenheim ihr Leben: Ramona Daxlberger (links) und Melanie Rüth.

Plötzlich ist alles anders

Es ist Sonntag, 20. November 2016, 21.04 Uhr, als sich das Leben der damals 19-Jährigen für immer ändert. Auf dem Rückweg von einem Pizzeria-Besuch kommt dem Auto ihrer Freundin Melanie Rüth, die am Steuer des Nissan Micra sitzt, auf der Miesbacher Straße in Rosenheim auf der eigenen Fahrbahn ein roter VW Golf entgegen. Die 21-Jährige hat keine Chance, auszuweichen, den Frontalcrash zu verhindern. Sie wird dabei so schwer verletzt, dass sie noch an der Unfallstelle stirbt. Lena Daxlbergers kleine Schwester Ramona, die mittig auf dem Rücksitz Platz genommen hatte, wird zwar noch ins Krankenhaus gebracht, stirbt aber wenige Stunden später an ihren schweren Verletzungen.

Lebensbedrohliches Schädel-Hirn-Trauma

Die einzige Insassin des Nissan Micra, die den Unfall überlebt, ist Beifahrerin Lena Daxlberger, die aber lebensbedrohliche Verletzungen erleidet. Sie wird sofort in ein Münchner Krankenhaus geflogen, wo die Ärzte unter anderem ein schweres, offenes Schädel-Hirn-Trauma diagnostizieren. Zudem ist das linke Bein völlig zertrümmert, eine Hand gebrochen, ebenso ein Schlüsselbein und zahlreiche Knochen im Gesicht.

Lena Daxlberger vor dem Unfall. An ihr neues Gesicht musste sich die heute 25-Jährige erst gewöhnen.

Für die damals 19-Jährige folgen wochenlange Klinikaufenthalte, fünf schwere, stundenlange Operationen, in denen aber ihr Knie gerettet werden kann. Dafür sind die Gesichtsverletzungen so schwerwiegend, dass sich die junge Frau beim Blick in den Spiegel nach den Operationen selbst nicht mehr erkennt. „Ich kann mich noch erinnern, dass es, wenn ich zu den Röntgenuntersuchungen gebracht worden bin, in den Aufzügen immer große Spiegel gab“, sagt Daxlberger. „Ich habe mich beim Blick in den Spiegel dann immer gefragt, wer diese Frau ist, die ich dort sehe.“

Nun, sechs Jahre nach dem Unfall, an den sie selbst keine Erinnerungen mehr hat, hat sich die junge Frau an ihr neues Gesicht gewöhnt. „Ich kann es ja sowieso nicht ändern“, sagt die 25-Jährige, die froh ist, dass auch ihre jüngere Schwester Helena, die damals drei Jahre alt gewesen ist, ihre „neue“ Schwester ins Herz geschlossen hat. Denn als Lena Daxlberger nach Wochen im Krankenhaus erstmals seit dem Crash wieder nach Hause kam, war Helena in Tränen ausgebrochen und hatte sich aus Angst vor der „fremden Frau“ hinter dem Sofa versteckt. „Sie war damals ja noch ganz klein“, erinnert sich Daxlberger. „Heute weiß sie gar nicht mehr, dass ich mal anders ausgesehen habe.“

Auch ihr Freund Thomas, mit dem sie schon vor dem Unfall zusammen war, hat sich an das neue Erscheinungsbild der Samerbergerin gewöhnt. Wobei dieses Thema für ihn nie eine Rolle gespielt habe: „Für ihn war es nicht wichtig, dass ich jetzt anders aussehe, als vor dem Unfall“, sagt Daxlberger. „Für ihn war nur wichtig, dass ich überlebt habe.“ Und schiebt dann eine Liebeserklärung hinterher: „Ich hätte niemanden besseren finden können.“

Während ihr neues Aussehen für die 25-Jährige heute keine Rolle mehr spielt, bestimmen andere körperliche Auswirkungen des Unfalls weiterhin einen Großteil ihres Lebens. Zweimal je fünf Stunden die Woche kann sie am Empfang und im Büro eines Unternehmens im Inntal arbeiten. „Ich hab‘s auch schon mit mehr Stunden probiert, das ging aber leider nicht“, sagt Daxlberger. Ihren Job als Sprechstundenhilfe bei einem Allgemeinmediziner hatte sie aufgegeben, weil „ich nach dem Unfall nichts mehr mit Krankheiten und Medizin zu tun haben wollte“. Damit die Kopfschmerzen, eine Folge des Schädel-Hirn-Traumas, zumindest einigermaßen erträglich bleiben, muss sich Daxlberger jeden Mittag hinlegen.

Auch das beim Unfall völlig zerstörte Knie – ein künstliches Gelenk konnte durch eine aufwändige Operation verhindert werden – bereitet ihr immer wieder Probleme. Beispielsweise, wenn sie auf ihrem Pferd William, das sie liebevoll „Willy“ nennt, einen Ausritt unternimmt – eine ihrer großen Leidenschaften. „Da spüre ich das Knie dann manchmal schon ganz schön heftig“, sagt die 25-Jährige gegenüber den OVB-Heimatzeitungen.

Wobei Ausritte auf ihrem Pferd für die hübsche Frau mit den dunklen Haaren auf der einen Seite zu ihren schönsten, auf der anderen zu den traurigsten Momenten gehören. Denn der Tag des Unfalls hatte für Lena Daxlberger ebenfalls mit einem Ausritt begonnen – und zwar gemeinsam mit den späteren Todesopfern Ramona und Melanie sowie mit Melanies Schwester Chiara. „Von daher denke ich natürlich gerade, wenn ich auf dem Pferd sitze, viel an das, was damals passiert ist.“

Der Unfall sei für sie „eigentlich jeden Tag in irgendeiner Form präsent“, macht die 25-Jährige deutlich, dass nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Wunden immer noch da sind. Und sie ihr ganzes Leben begleiten werden. Doch sie versucht nun, „das Leben so anzunehmen, wie es ist“, wie sie mit fester Stimme betont. Nur wenige Sekunden später, als ihre Gedanken zum Jahrestag des Unfalls abschweifen, kommen der 25-Jährigen dann aber doch die Tränen.

Unfassbar traurig, aber auch glücklich

Momente, in denen sie unfassbar traurig ist – aber auch glücklich darüber, „eine so tolle Familie, einen großartigen Freund und so tolle Freunde wie Chiara Rüth zu haben“, denn: „Die verstehen mich in diesen Momenten, sind immer für mich da und geben mir immer Halt.“

Halt, den ihr auch ihre großen Wünsche und Ziele für ihre Zukunft geben sollen. Gemeinsam mit ihrem Freund will sie später einmal den Hof der Eltern übernehmen. Auch wenn sie es damit noch nicht eilig hat: „Ich bin ja erst 25 Jahre alt“, sagt die Samerbergerin, „und froh, dass meine Eltern selbst noch so jung sind“. Und natürlich will sie mit ihrem Thomas eine Familie gründen, selbst Kinder bekommen und groß ziehen.

Ein Bilderrahmen und eine Karte

Und ihnen dann natürlich auch von ihrer Tante Ramona erzählen, die sie nie persönlich kennenlernen werden. Sie wird ihnen dann den Bilderrahmen mit den vielen gemeinsamen Aufnahmen zeigen, den ihr Ramona einst geschenkt hat und den sie natürlich in Ehren hält. Und die „liebevolle und berührende“ Karte lesen lassen, die ihr Ramona einst geschrieben hat. Und die heute in der Küche hängt. Und in der Ramona ihrer größeren Schwester verspricht, immer für sie da zu sein. Was für Lena Daxlberger auch stimmt: „Sie ist ganz oft bei mir, das fühle ich einfach.“

So weiß Lena Daxlberger heute, sechs Jahre danach, dass das Sprichwort „Zeit heilt alle Wunden“ nicht wahr ist. Dafür hat sich für die 25-Jährige aber ein anderes Zitat von Johann Wolfgang von Goethe bewahrheitet: „Was man tief in seinem Herzen besitzt, kann man nicht durch den Tod verlieren.“

Prozesse enden mit Bewährungs-, Haftstrafe und Freispruch

In mehreren Prozessen haben verschiedene Gerichte versucht, den tödlichen Unfall vom 20. November 2016 in Rosenheim, bei dem zwei Menschen ihr Leben verloren haben und drei schwer verletzt wurden, aufzuarbeiten. Der Unfallfahrer, ein damals 23-jähriger Mann aus Ulm, der mit dem Auto von Melanie Rüth frontal zusammengestoßen war, wurde vom Amtsgericht Rosenheim zu einer Bewährungsstrafe von 20 Monaten verurteilt.

Ebenfalls zunächst vor dem Amtsgericht Rosenheim, später dann auch vor dem Landgericht Rosenheim mussten sich ein zum Unfallzeitpunkt 21-jähriger Kolbermoorer sowie ein 22-jähriger Riederinger verantworten. Ihnen wurde vorgeworfen, den überholenden Ulmer am Wiedereinscheren gehindert zu haben. Der Kolbermoorer wurde letztlich zu einer Haftstrafe von 27 Monaten verurteilt. Auch gegen den Riederinger wurde zunächst eine Haftstrafe ausgesprochen. Da es in der Verhandlung allerdings zu einem Formfehler gekommen war, wurde der Fall erneut verhandelt. Der Prozess endete schließlich mit einem Freispruch für den heute 28-Jährigen.

Kommentare