75 Jahre Kriegsende: Für Christine Wittke aus Rohrdorf begann damals die Hölle

Christine Wittkewar schon als junge Frau sehr sportlich und auch jetzt, mit 80 Jahren, liebt sie das Fahrradfahren.
  • vonBarbara Forster
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An den 8. Mai 1945 kann sich Christine Wittke aus Rohrdorf erinnern, als sei es gestern gewesen. Damals war die heute 80-Jährige gerade mal fünf Jahre alt. Und an diesem Tag, der heute als Kriegsende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland gilt, wurde ihr Vater am Gartentor von den Russen erschlagen.

Rohrdorf/Rosenheim – „Kriegsende?“, sagt Wittke mit bitterem Unterton in der Stimme. „Da ging für uns die Hölle erst los.“  Und dann beginnt sie von ihren Kindheitserinnerungen zu erzählen.

Die Familie lebte damals in einer alten Villa in Radebeul, etwa 15 Kilometer von Dresden entfernt. Die Russen marschierten über die Weinberge ein. „Das hatte sie schon rumgesprochen“, schildert Wittke. Gegenüber gab es einen Gasthof.

„Heiterer Blick“ hieß der, erinnert sie sich. „Da war noch deutsche Wehrmacht drin.“ Und die Russen hatten mit ihren Ferngläsern beobachtet, dass die schon am Abziehen waren. Dadurch gerieten auch ihr Vater und zwei weitere Männer in Verdacht. „Die dachten, das seien alles SS-Leute“, erklärt Wittke. Überlebt hatten nur die Frauen im Haus. Wittkes Mutter habe im Keller nach Alkohol gesucht und den Russen vorgesetzt.

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„Deshalb haben sie von uns Frauen abgelassen“, schildert die 80-jährige. Es sei bekannt gewesen, dass die Soldaten sich an Frauen und jungen Mädchen vergingen. Kein Mensch hätte sich mehr auf die Straßen getraut. „Die Russen waren grausam.“ Die Zeit nach dem Krieg beschreibt die 80-Jährige als „die schlimmste Zeit“. Kriegsende, ja. „Aber es ging trotzdem weiter“, sagt sie. Hungersnot, Elend und Angst vor den Russen prägten die damalige Zeit.

Ein Erlebnis ist Christine Wittke besonders im Gedächtnis geblieben: die Bestattung ihres Vaters und der anderen toten Männer. Etwa zwei Wochen lang lagen sie in ihrem Garten begraben. „Bis dann mal jemand vom Friedhof kam“, schildert Wittke. Dann wurden die Leichen wieder ausgegraben und „ordentlich bestattet“.

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Der Vater war tot. Ein schlimmer Verlust für die Familie. Aber das Leben musste irgendwie weitergehen. Fortan sorgte die Mutter für die vier Mädchen. „Das war ein Kampf“, sagt Wittke. Zu essen gab es praktisch nichts. Ab und zu einmal ein paar Kartoffeln oder Milch. Die Mutter habe viel Schmuck verkauft oder gegen Lebensmittel getauscht. Später arbeitete sie in einer Seifenfabrik, erzählt Wittke. Bis zu ihrer Einschulung verbrachte sie das Leben zuhause mit ihren drei Schwestern, hatte quasi keinen Kontakt zu anderen Kindern.

Liebe zum Bergsteigen

„Ich war sehr schüchtern“, erinnert sich Wittke. Das änderte sich etwas mit dem Schuleintritt: Dort habe sie viel Zeit verbracht. Es gab ein breites sportliches Angebot. „Da wurde viel für die Kinder getan“, berichtet die 80-Jährige. Früh habe sie damals schon ihre Liebe für das Bergsteigen entdeckt, war als Jugendliche Mitglied im Dresdener Bergsteigerclub. In den späten Fünfzigern – 1957 –  machte sie mit dem Club Bergurlaub in Berchtesgaden. Die Alpen: der Grund für ihren späteren Entschluss, nach Bayern zu ziehen.

Der Krieg habe ihre Mutter stark gemacht, sagt Michaela Wittke, die Tochter der 80-Jährigen. „Wenn mich jemand nach einem Helden in meinem Leben fragen würde, dann würde ich sagen: meine Mutter.“ Optimismus. Dieses Wort würde ihre Mutter am besten beschreiben, findet Michaela Wittke. Trotz all dieser Geschehnisse habe sie stets nach vorne geblickt und ihren Kindern gelehrt, dass es für alle Probleme eine Lösung gebe.

Nur mit einem Koffer nach Bayern

Besonders fesselnd seien die Erzählungen über die abenteuerliche Flucht nach Bayern in den späten Fünfzigern gewesen. Mit gerade mal 19 Jahren und mit nichts als einem Koffer und ihre Ausbildungspapiere in der Hand, stieg Christine Wittke in den Zug und kehrte Ostdeutschland den Rücken zu. „Ich wollte zu meiner Schwester nach Prien“, erklärt die 80-Jährige. Damals seien die Grenzen noch „durchlässig“ gewesen. Trotzdem gehörte viel Glück dazu. Glück und Mut: „Hätte ich damals gewusst, wie gefährlich das ist, hätte ich mich vermutlich nicht getraut“, gesteht die 80-Jährige heute. Aber damals? „Ich war jung und abenteuerlustig.“ Ihr Vorhaben war letzten Endes auch erfolgreich: Seit über 40 Jahren wohnt sie nun im Landkreis Rosenheim. Bereut habe sie ihre Entscheidung, die DDR zu verlassen, nie.

Bombennacht in Dresden

Auch die Dresdener Bombennacht hat die 80-Jährige noch miterlebt. Am 13. Februar 1945 – genau an ihrem fünften Geburtstag. Radebeul sei größtenteils verschont worden, erklärt Christine Wittke. Sie könne sich nur noch erinnern, dass „im Tiefflug“  Bombenflieger über ihr Haus hinweg geflogen seien. „Uns persönlich hat es nicht getroffen. Aber Dresden wurde dem Erdboden gleichgemacht.“ Spurlos seien diese Erinnerungen nicht an Christine Wittke vorrübergegangen: „Es gruselt mich heute noch, wenn ich Sirenen oder Fliegergeräusche höre.“

Wie sie zur aktuellen Corona-Krise steht? Das könne man mit dem Krieg nicht vergleichen, entgegnet sie. Die aktuelle Krise sei auf eine andere Weise schlimm. Besonders für diejenigen, die wirkliche Existenzängste plagen oder an dem Virus erkranken. Aber auch diese Zeiten würden vorübergehen. „Man muss immer die Ärmel hochkrempeln.“ Das sei Wittkes Lebensmotto geworden. „Ich habe kein leichtes Leben gehabt, aber trotzdem das Beste daraus gemacht.“

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