„Immer mit vorne dran“: Prutting hat mit Hans Loy einen neuen Alt-Bürgermeister

Prutting stets im Blick: Von seinem Garten aus hat Pruttings Alt-Bürgermeister Hans Loy auf die Gemeinde blicken, in der 24 Jahre als Gemeinderat und 12 Jahre als Bürgermeister tätig war.
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Prutting stets im Blick: Von seinem Garten aus hat Pruttings Alt-Bürgermeister Hans Loy auf die Gemeinde blicken, in der 24 Jahre als Gemeinderat und 12 Jahre als Bürgermeister tätig war.
  • vonTina Blum
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Hans Loy wurde in der jüngsten Gemeinderatssitzung der Ehrentitel „Alt-Bürgermeister der Gemeinde Prutting“ verliehen. Er blickt auf ein bewegtes Leben zurück – politisch wie auch privat. So ganz aus der Kommunalpolitik zurückziehen will sich der 67-Jährige aber nicht.

Prutting – 17. Juni 1953, Tag des Volksaufstandes in Berlin. Und weit weg, im oberbayerischem Söchtenau wurde Hans Loy geboren. „Vielleicht kommt daher das Widerständige in mir“, sagt der Alt-Bürgermeister der Gemeinde Prutting und lacht. Schon immer sei er sehr umtriebig gewesen: Egal, ob in der Schule als Klassensprecher oder später als Vorstandsmitglied zahlreicher Vereine, Ortsverbände und Mitglied von Arbeitskreisen, in denen er sich sozial engagierte. „Ich war immer mit vorne dran“, sagt er.

Landwirt, Pfarrer oder Mechaniker?

Mit 14 schloss er die Volksschule ab. Damals hatte er gleich mehrere Ideen für seine berufliche Zukunft. „Ich wollte Landwirt, Mechaniker, Bankkaufmann oder Pfarrer werden“, erinnert sich Loy. Sein Taufpate war damals Chef der Raiffeisenbank. Als Junge habe er ihn in die Bank zum Geldzählen begleiten dürfen.

Die Bankkarriere ließ aber noch auf sich warten. Denn Loy begann zunächst eine landwirtschaftliche Lehre, die er mit einem Staatspreis (Notendurchschnitt besser als 1,5; Anmerk. d. Red.) abschloss. „Ich wollte immer der Beste sein in der Schule“, sagt er.

Von Hof des Onkels ins Sägewerk nach Ziegelberg

Geplant war, dass Loy den Hof seiner kinderlosen Onkels in Eggstätt, auf dem er auch arbeitete, übernimmt. Doch dazu kam es nicht. „Mein Onkel starb und meine Tante durfte als Angeheiratete den Hof nicht vererben“, erzählt Hans Loy. Nach zwei Jahren verließ der damals 22-Jährige den Hof und begann eine neue Lehre im Sägewerk in Ziegelberg. Berufsbegleitend schloss er die Holzbaufachschule ab – ebenfalls mit Staatspreis. In dieser Zeit lernte er auch seine Frau kennen.

Am 7. Januar 1978 veränderte ein Unfall alles

Dann, als er 24 Jahre alt war, verheiratet mit Kind, sollte das Ehepaar den Hof der Schwiegereltern in Rapolden übernehmen. Allerdings kam auch diesmal alles anders: Am 7. Januar 1978 traf ihn eine Baggerschaufel beim Brunnenbau am Rücken. Neben zahlreichen Rippen und dem Becken waren auch zwei Wirbel gebrochen. Die Diagnose: Querschnittslähmung.

Nach Unfall: Hof der Schwiegereltern ging an Schwager

Doch auch davon ließ sich Hans Loy nicht ausbremsen. „Ich habe mich nie unterkriegen lassen. Selbst als ich in der Klinik in Murnau lag, habe ich Pläne geschmiedet, wie man den Hof bewirtschaften könnte“, erzählt der 67-Jährige. Doch als klar war, dass es nichts mehr wird mit dem Laufen, ging der Hof an seinen Schwager. Die Schwiegereltern stellten dem Ehepaar ein Grundstück neben dem Hof zur Verfügung, auf dem sie ihr zu Hause bauten.

Mit dem Rollstuhl in den Kreißsaal

Insgesamt ein dreiviertel Jahr hätte Loy nach seinem Unfall in Murnau bleiben sollen. In der Zeit sollte sein zweiter Sohn zur Welt kommen. Bei der Geburt wollte Loy unbedingt dabei sein. „Also bin ich früher raus. Damals war ich der erste Rollstuhlfahrer, der in Rosenheim bei einer Entbindung dabei war“, erzählt er.

Im Sägewerk konnte Loy nach seinem Unfall nicht mehr arbeiten. Also machte er sich selbst wieder auf die Suche nach einer neuen Lehrstelle. „Bei der Sparkasse konnte ich ohne Eignungsprüfung anfangen“, sagt er. Nach Abschluss der Ausbildung war er sechs Jahre in der Revision tätig und weitere 14 Jahre bis zu seinem Ausscheiden in der Großkreditstelle. „In dieser Zeit habe ich viel gelernt und wichtige Kontakte geknüpft“, sagt Loy.

Diskriminierung am Stammtisch

Mit 43 ging er in den Ruhestand. Nach kurzer Erholungszeit „kam wieder das Umtriebige“, sagt er. Nach zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten kandidierte er 1996 erstmals als Bürgermeister. Und verlor die Wahl. „Damals hatte einer am Stammtisch gesagt: ‚Wir können doch da keinen Behinderten mit Rollstuhl als Bürgermeister haben‘“, erinnert sich Loy. 2002 wurde der Rollstuhlfahrer Zweiter Bürgermeister.

Kommunalwahl 2008: Mit 69 Prozent ins Rathaus eingezogen

In diesen sechs Jahren kümmerte sich Loy überwiegend um Bauangelegenheiten. „Das hat mir schon immer Spaß gemacht“, sagt er. Als er sich 2008 – dann schon als Vorsitzender des CSU-Ortsverbandes – als Erster Bürgermeister aufstellen ließ, holte er 69 Prozent der Wählerstimmen, sagt er. „Ich hatte sechs Jahre eine eingeschworene Mehrheit hinter mir.“ Sechs Jahre später, bei der Wahl 2014, ging es in die Stichwahl – mit 98 Stimmen Vorsprung schaffte es Loy abermals ins Amt.

Zu seinen wichtigsten Projekten gehören unter anderem der Bau der Bahnbrücke Inzenham, der Sportanlagen, des Dorfstadls, die Dorferneuerung, der neue Trinkwasserbrunnen der Gemeinde und das geplante Seniorenheim. „Die Baugenehmigung steht noch aus“, sagt Loy.

Seniorenheim ist Herzensprojekt

Die Wohnanlage für Senioren, zwischen Wirt und Kirche am Dorfweiher, ist Loys Herzensprojekt. „Ich habe zur Weihnachtszeit alle Pruttinger Senioren besucht, die in Einrichtungen im Landkreis leben. Viele haben den Wunsch geäußert, dass sie lieber in der Gemeinde geblieben wären“, sagt er.

Der Alltag eines Bürgermeisters ist sehr anspruchsvoll. Das weiß auchLoys Amtsnachfolger Johannes Thusbaß (CSU): „Ich habe großen Respekt vor dem, was Hans Loy geleistet hat und noch immer leistet“, sagt er. Vor allem die soziale Ader von Loy sehe er als sehr außergewöhnlich an. Auch wenn sie in manchen Dingen unterschiedlicher Ansicht sind, „jeder darf dem anderen sagen, was er denkt“, sagt Thusbaß.

Mehr Zeit für Enkelin Elina

Auf seinen Nachfolger hält Loy große Stücke. „Er verfügt über unternehmerisches Denken und traut sich was“, sagt Loy. Als Gemeinderat wollte sich Loy nicht mehr aufstellen lassen. „Ich will nicht der G’schaftler sein, der ewig rummosert“, sagt er und lacht.

Politisch aktiv bleiben will er dennoch. „Ich möchte die Barrierefreiheit im öffentlichen Raum vorantreiben“, sagt Loy. Besonders viele Seeufer, Bushaltestellen und Radwege seien nicht für Rollstuhlfahrer und Handbike-Fahrer erschlossen.

Besonders viel Zeit und Aufmerksamkeit will er aber seiner bislang einzigen Enkelin Elina (17 Monate) widmen. „Sie ist der Sonnenschein der Familie“, sagt Hans Loy.

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