Im Priental schwelt der Streit um Wald und Wild

Majestätischer Waldbewohner oder Verhinderer der Waldverjüngung? Im Priental ist der Streit über die Rolle von Rotwild entbrannt.
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Majestätischer Waldbewohner oder Verhinderer der Waldverjüngung? Im Priental ist der Streit über die Rolle von Rotwild entbrannt.

Noch im Sommer gibt es Streit ums Wintergatter: Im Priental sind Waldbesitzer, Jäger und Staatsforsten einander nicht grün. Legt es der Forstbetrieb Ruhpolding auf rotwildfreien Wald an? Ganz und gar nicht, beteuert man dort und wirft Waldbesitzern Nachlässigkeit vor. Einblicke in eine Fehde.

Von Michael Weiser

Aschau – Es gärt im Priental. Unter der Sommer-Sonne rottet auf fünf, sechs Quadratmetern etwas vor sich hin, was mit Gülle übergossener Rasenabfall sein könnte, eine bräunliche Masse. Es riecht ein wenig nach Apfelmost, in den Geruch mischt sich die Schärfe von Verwesung. „Silage“, erläutert Wolfgang Wörndl, „unsachgemäß entsorgt“.

Rottet im Priental harmloses Grünzeug oder entsorgter Abfall?

Das faulende Futter treibt den Jäger und Sägewerksbesitzer Wörndl um. Es wird irgendwann weg sein, eingegangen in den natürlichen Kreislauf, Staub zu Staub, Pflanzenreste zu Pflanzenresten. Wörndls Unbehagen wird dann immer noch da sein, davon muss man ausgehen. Denn es gärt auch im Verhältnis von Waldbesitzern, Jägern und allgemein den Bayerischen Staatsforsten, speziell dem Forstbetrieb Ruhpolding. Meist schwelt der Streit. Manchmal flammt er auf. Die Schauplätze sind unterschiedlich. Im Kern steckt hinter allem dasselbe. Es geht um die Frage: Wer entscheidet, wie man Wald nutzt?

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Mal geht es um angeblich oder wirklich unrechtmäßig abgeschossene Hirsche, mal um Abfall im Wald. Mal um Winterfütterung. Vielleicht ist das sogar der Punkt, der den Beginn der Spannungen markiert. Monatelang hatte man gestritten, um das Wintergatter Kreuth. Der Forstbetrieb Ruhpolding hatte angekündigt, die Einrichtung aufzulösen und den Rotwildbestand zu reduzieren. Um diese Pläne zu stoppen, hatte die „Allianz für Wildtiere im Chiemgau“ eine Petition an den Landtag eingereicht.

Die Allianz argumentierte, bei der Auflösung des Wintergatters – zur Rotwildfütterung während des Winters – und dem damit verbundenen „Abschuss von 50 bis 70 Rotwild“ gehe es nur um „Gewinnmaximierung im forstwirtschaftlichen Betrieb“.

Verjüngung des Baumbestandes ist das Ziel

Der Forstbetrieb Ruhpolding setzte dagegen, dass die Verbissschäden zu groß seien, man den Bestand an Rotwild verringern müsse. Im Revier Aschau finde man eine „herausragend schlechte“ Situation vor, was die Verjüngung des Baumbestands betreffe, sagt Forstbetriebschef Paul Höglmüller. „Da ist es mein Auftrag, den Rotwildbestand stärker zu bejagen.“

Die Petition scheiterte, das Wintergatter wurde vor knapp fünf Jahren aufgelöst. Und der Grimm ist geblieben. „Wenn man Wild nur als störend wahrnimmt, wäre das gesetzeswidrig“, sagt Christine Miller aus Miesbach, selber Jägerin und Wildbiologin, die ihren Blick auf Missstände in ganz Oberbayern richtet. „Wir argumentieren, dass Wildtiere ganz normaler Teil des Naturhaushalts und des Gemeinguts sind.“ Die „Allianz“ heißt mittlerweile „Wildes Bayern“, Christine Miller ist die Vorsitzende. Auf den Konflikt mit dem Forstbetrieb und seinen Leiter verwendet sie viel Zeit, Energie und Kenntnis.

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Möglicherweise auch Ideenreichtum? Das hängt womöglich auch von der Perspektive ab. Höglmüller spricht von „Nadelstichen“, wenn er die Anzeigen und Dienstaufsichtsbeschwerden Revue passieren lässt. All die Angriffe wegen unsachgemäßen oder mangelhaften Rotwildmanagements. Oder wegen wildschadensfördernder Jagd im Winter. Oder falschen Kirrens.Er betont, dass noch jede Untersuchung nur und ausschließlich sein korrektes Verhalten belegt habe.

Auf dem Boden des Gesetzes

Höglmüller ist nicht ausschließlich in Wald und Flur unterwegs, sondern verbringt auch viel Zeit am Schreibtisch. Etwa um so beredt wie scharf auf Vorwürfe Wolfgang Wörndls zu antworten. Der hatte in einem offenen Brief im Spätwinter 2020 unter anderem beklagt, dass außerhalb des Wintergatters Maurach so ausgiebig gekirrt worden sei, dass sich schließlich mehr Wild außer- als innerhalb der Einfriedung befunden habe.

Der Forstbetriebsleiter konterte: Keine der umfangreichen Anschuldigungen liefere einen konkreten Beleg auf irgendeinen Verstoß gegen das Recht. „Generell gilt, dass die bezüglich der Pflege des Rotwildbestands im Priental erhobenen Vorwürfe schon seit Jahren immer wieder in den Raum gestellt werden und bisher keinerlei Bestätigung für das Zutreffen der erhobenen Vorwürfe festgestellt werden konnten“, verteidigt die Zentrale der Bayerische Staatsforsten in Regensburg ihren Mitarbeiter Höglmüller.

Landratsamt Rosenheim bestätigt Aussagen

Das sei auch mit dem Silofutter so, versichert Höglmüller – was das Landratsamt den OVB-Heimatzeitungen bestätigte. Man solle bedenken, „dass keine Behörde einer anderen ein Auge aushacken würde“, sagt dazu hingegen Wolfgang Wörndl

Tun die Vertreter der Obrigkeit, was sie wollen?

Übermächtiger Staat, ohnmächtige Rotwildschützer? Die herrschende Stimmung bei den Staatsforsten sei wohl, „mir können machen, was mir wolln“, vermutet Christina Miller. Sie wird weiter in Richtung Ruhpolding schießen, verbal wohlgemerkt, Wegen des Wildes, das doch im Wald seinen Lebensraum haben müsse, wegen der negativen Außenwirkung auch, die das Verhalten des Forstbetriebs entfalte. Höglmüller hingegen spricht von Diffamierung.

Ludwig Ganghofer starb vor 100 Jahren. Die Welt war eine andere, seinerzeit. Der Wald in der Region aber würde den großen Heimatschriftsteller noch heute inspirieren. Vor allem der im Priental.

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