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Horst Pfaus über Kindheit im Heim

Zahlreiche Besucher interessierten sich für das Thema "Eine Kindheit im Heim" im Erzählcafé in Bad Endorf. Foto willer
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Zahlreiche Besucher interessierten sich für das Thema "Eine Kindheit im Heim" im Erzählcafé in Bad Endorf. Foto willer

Sein Start ins Leben war denkbar schlecht. Horst Pfaus kam im Alter von zwei Jahren ins Heim. Die alkoholkranke Mutter hatte die Familie verlassen, der Vater brachte ihn und seinen jüngeren Bruder in ein Kinderheim. Als dann der Vater wieder heiratete, holte er seine Buben zurück - und da begann die lange Leidenszeit des kleinen Horst. Nun erzählte der inzwischen 48-Jährige über seine Kindheit im Heim beim Erzählcafé in Bad Endorf.

Aschau - In der neuen Familie mit der Stiefmutter und einem Halbbruder seien die zwei Buben schwer vernachlässigt und misshandelt worden. Fassadenmaler entdeckten die zwei kranken Kinder in ihrem Zimmer - nackt, obwohl es Winter war. Das Jugendamt wurde alarmiert, die zwei Buben kamen zuerst ins Krankenhaus und schließlich wieder in ein Heim - diesmal in das Bezirkskrankenhaus Haar. Horst Pfaus war damals sieben Jahre alt. Statt eine Schule zu besuchen, teilte er von nun an vier Jahre lang einen Saal mit vielen weiteren Buben. Und schon damals sei er mit Medikamenten vollgestopft worden, "um uns ruhig zu stellen". Auf das Bezirkskrankenhaus folgte die Heckscher Klink in München. "Dort habe ich einmal einen Aufstand gemacht und die Tabletten verweigert. Sofort kam ich auf die Isolierstation", erzählt der heutige Priener beim Erzählcafé in Bad Endorf. Mit 13 Jahren kam er schließlich ins Wohnheim der Stiftung Attl - und erhielt erstmals eine geregelte Schulbildung in der heutigen Förderschule in Wasserburg, damals hieß sie Sonderschule.

Der heute 48-jährige Pfaus erlebte diese Heimsituationen in den 1960er- und 1970er-Jahren - in einer Zeit, als in Deutschland die Situation der Kinder in vielen Heimen von psychischen und körperlichen Misshandlungen und Unverständnis für kindliche Bedürfnisse bestimmt waren. 1970 lebten in Deutschland eine Million Kinder und Jugendliche in rund 3000 Heimen. 1975 wurde die Psychiatrie-Enquete-Kommision des Bundestages eingerichtet. In der Folge verbesserten sich die Lebensbedingungen in der heilpädagogischen Betreuung psychiatrischer Einrichtungen. Die Heimsituation der 1950er- bis 1970er-Jahre erfährt heute eine Aufarbeitung.

Ein Entschädigungsfonds für ehemalige Heimkinder soll nun deutschlandweit für die damals Betroffenen einen Ausgleich schaffen. Der Sozialausschuss des Bayerischen Landtags entschied im Oktober 2011 über eine finanzielle Beteiligung am Entschädigungsfonds.

Die monatliche Veranstaltungsreihe Erzählcafé des Katharinenheims bot Horst Pfaus erstmals Gelegenheit, öffentlich über seine tragische Kindheit zu sprechen. Unterstützung erhält er von der Priener Fachärztin Heide Hübner, die seine Lebensgeschichte niedergeschrieben hat und beim Erzählcafé im Wechsel zu seinen Erzählungen daraus vorliest. Der Schüler Vinzenz Gabriel untermalte die Veranstaltung mit Zithermusik.

"Nach dem, was Sie alles erlebt haben, sehen Sie ja aus wie das blühende Leben", meinte eine Besucherin. Der braungebrannte Horst Pfaus strahlt. Er freut sich über das Kompliment und spricht über seine sportlichen Aktivitäten als Rettungsschwimmer. Viele Menschen hätten ihm immer wieder geholfen, so dass er heute ein selbstständiges Leben führen könne. Zum Beispiel setzte sich sein Onkel gegen den Wunsch seiner Stiefmutter dafür ein, dass er eine Ausbildung in der Förderwerkstätte Traunreut machen und Attel verlassen konnte. Oder seine Großmutter, die ihn fast täglich in den Heimen in München besuchte. "Wenn ich meine Oma nicht gehabt hätte" so sein Fazit. wll

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