Erschossen aber nicht erlegt

Qualvoll verendeter Hirsch: Streit über die Jagdgepflogenheiten im Revier Kiefersfelden

Ein junger Rothirsch auf Nahrungssuche im Winter.
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Ein junger Rothirsch auf Nahrungssuche im Winter.

Im Revier eines Jagdpächters in Tirol wird ein verendeter Hirsch gefunden. Das Tier irrte verletzt wohl über Tage durch die Gegend. Nun klagt der Jagdpächter unwaidmännische Gepflogenheuten auf der deutschen Seite an und damit auch die dortige Jagdgenossenschaft in Kiefersfelden.

Von Jens Kirschner

Kiefersfelden – Der Anblick ist alles andere als appetitlich: Am 29. Dezember 2020 findet ein Jäger im Revier Thiersee Nord einen verendeten Hirsch. Zwei bis drei Tage lag das Tier wohl schon tot an diesem Ort: von Füchsen und Vögeln bereits geöffnet und ausgeweidet. Viel schlimmer wiegt für Thomas Schmid: Der Hirsch war angeschossen, die Kugel erlegte das Tier nicht, sondern verletzte es nur. Über einen Zeitraum von sieben bis 20 Tagen, schätzt Schmid, muss das Tier wohl verletzt und unter Schmerzen herumgeirrt sein, bevor es schließlich qualvoll verendete.

Nachsuche mit Spurhunden

Thomas Schmid ist Jagdpächter im Revier Thiersee Nord am Vorderen Sonnberg. An jenem Dezembertag habe ihn einer der Jäger in seinem Revier angerufen, berichtete ihm von diesem grausigen Fund. Er reagiert prompt und wendet sich mit dieser Sache unter anderem an das Landratsamt Rosenheim.

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Üblich ist nämlich bei solchen Fehlschüssen ¨– wenn das Projektil das Tier nur verletzt, nicht tötet – sich auf die Suche nach dem verletzten Wild zu machen, um es tatsächlich zu töten. Die Suche geschieht üblicherweise mittels Spürhunden. Fehlt dem Jäger diese Möglichkeit, ist er verpflichtet, zumindest die Polizei zu informieren, die sich dann beispielsweise mit dem zuständigen Förster in Verbindung setzen.

Schuss von deutscher Seite?

Doch für Schmid ist diese Geschichte vor allem symptomatisch für das Verhalten, dass Jäger im benachbarten Revier Kiefersfelden an den Tag legen. Denn er schließt nicht aus, dass der Schuss möglicherweise von deutscher Seite aus Kiefersfelden abgefeuert wurde.

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Zumindest stellt Schmid diese Frage in seinem Schreiben an das Rosenheimer Landratsamt.

Dort, berichtet er, seien die Jagdreviere nicht in Jagdpacht, sondern in Eigenbewirtschaftung. Das bedeute, die Eigentümer der Flächen verpachten ihre Gelände nicht an Jagdpächter. Stattdessen darf dort ein jeder jagen, der zur Jagd zugelassen ist, sprich: der einen Jagdschein besitzt.

Landratsamt:: Zu früh für Erkenntnisse

In einer E-Mail hat sich Schmid inzwischen an das Landratsamt Rosenheim gewandt und seinen Fall geschildert. Am Dienstag ist das Schreiben dort eingetroffen, wie die Behörde bestätigt. Derzeit werde „ein Verfahren zur Überprüfung“ eingeleitet, wie die zuständige Pressesprecherin, Ina Krug, auf Anfrage mitteilt.

Für erste Erkenntnisse sei es zwei Tage nach Eingang der Mail freilich noch zu früh. Doch zumindest kann Krug bereits sagen, was dem unbekannten Jäger droht, der den Hirsch entgegen Recht und waidmännischer Gepflogenheiten erlegt haben soll, ohne es am Ende auch wirklich zu töten: 5 000 Euro Bußgeld drohen.. Doch wie gesagt: Noch ist der Sachverhalt für die Jagdbehörde im Landratsamt zu frisch, um genaueres zu sagen.

Problem Eigenbewirtschaftung?

Thomas Schmid hingegen mutmaßt zumindest, wo der Hase im Pfeffer begraben liegt: in der Eigenbewirtschaftung. Diese Praxis, meint Schmid, diene den Eigentümern der größtenteils bewaldeten Jagdflächen vor allem dazu, ihren Forstbestand zu schonen. Das, indem sie den Rotwildbestand möglichst klein halten. Und hier seien den Eigentümern, lässt Schmid im Gespräch mit dieser Zeitung erkennen, offenbar auch Mittel jenseits von Gesetz und waidmännischer Moral recht.

Gespräch mit Rotwildbeauftragter

Dass es im Jagdrevier Kiefersfelden seit der Einführung der Eigenbewirtschaftung ein Problem gibt, bestätigt auch der Vorsitzende der Jägervereinigung Rosenheim, Franz Sommer. „In Kiefersfelden haben sie den Bogen total überspannt“, beschreibt Sommer auf Anfrage den Umstand, dass die Jagd auf das Rotwild in Kiefersfelden offenbar ausufert. Auch die Klage Thomas Schmids über diese Umstände hat Sommer inzwischen erreicht. Er berichtet, dass man sich nun mit der Rotwildbeauftragten und Vertretern der zuständigen Behörde beim Landratsamt die Sache „im kleinen Kreis“ besprechen wolle, um das Problem zu lösen und – gegebenenfalls auch „mit Nachdruck“ – darauf hinzuweisen, dass man derartige Praktiken wie in Kiefersfelden nicht toleriere.

Jagdgenossen wehren sich gegen Vorwürfe

Der Vorsitzende der Jagdgenossenschaft Kiefersfelden, Engelbert Fuchs, kann die Vorwürfe gegen die Gemeinschaft, der er vorsteht, nicht nachvollziehen.

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Zwar findet er die Rotwildpopulation im Kiefersfelder Revier tatsächlich zu hoch, jedoch halte man sich an den Abschussplan, wie viel Wild geschossen werden darf. Gehe man über diesen hinaus, stelle man einen „Nachschussantrag“.

Seit dem Jahr 2000 betreibe man die Jagd in Eigenbewirtschaftung, und das vor allem transparent: „Jedes Stück Rotwild, das von uns erlegt wird, wird von einem Berufsjäger gesichtet“, sagt Fuchs auf Anfrage. Vor allem: „Dass ein Tier angeschossen wird, verendet und man sagt: Der war‘s! – das möchte ich weit von mir weisen“, entgegnet der Vorsitzende der Jagdgenossenschaft darauf, dass Thomas Schmid wohl mit seiner Anfrage an das Landratsamt die Jäger aus Kiefersfelden zumindest indirekt verdächtigt, sie hätten besagten Hirsch verletzt und nicht erlegt.

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