Die Heimat auf dem Teller

Neun Wochen lang zeigte Werner Sommer aus der Gemeinde Rohrdorf sein Können in der Backstube im Old World Village.

Christstollen und Zwetschgendatschi an der Pazifikküste; Schweinsbraten und Leberknödel in Südkalifornien – bereits zum zweiten Mal hat der Rohrdorfer Werner Sommer nun schon für mehrere Wochen jenseits des großen Teichs im großen Stil gebacken und aufgekocht.

Rohrdorf – Zu verdanken im besten Wortsinn hat der 71-Jährige seine „Auslandseinsätze“ eigentlich seinem Sohn Maximilian. Der hielt ihm im Juli 2014 eine Annonce aus den OVB-Heimatzeitungen unter die Nase: Eine Dame aus Bruckmühl suchte einen erfahrenen Koch, der im Restaurant ihres Bruders in Huntington Beach original bayerische Kost auftischen sollte. Für den Sprössling des ehemaligen Küchenchefs vom Gasthaus Stocker in Rohrdorf war sofort klar: „Das ist genau das Richtige für Dich.“

Nur wenige Tage später radelte Sommer nach Rosenheim, um seine Bewerbung auf die Chiffre-Anzeige in der OVB-Geschäftsstelle in der Hafnerstraße abzuliefern. Allein: Der rührige Rentner hatte seinen Unterlagen kein Foto beigelegt. Ein Lapsus, der weitreichende Folgen haben sollte. Das Bild lieferte er bei einem Treffen mit besagter Dame in Stephanskirchen nach – stilecht „aufgemascherlt“ mit Lederhosen, Trachtenhemd, Wadlstrümpfen und Haferlschuhen. „Ich war also für Amerika bestens gerüstet“, grinst Sommer.

Im Herzens Oberbayerns zeigte sich dann einmal mehr, wie klein die Welt doch ist: Man redete über dies und das; die Dame erzählte von ihrem Bruder Joe (Johann) Bischof, der vor 60 Jahren in die Neue Welt ausgewandert war und im Süden des Golden State das Old World Village, ein Dorf nach bayerischem Vorbild, aufgebaut hat; Sommer erzählte von sich, von seiner Familie und seinem Heimatort an der Pforte zum Chiemgau – und hatte damit unwissentlich schon mehr als einen Fuß in der Tür. Denn bereits vor 25 Jahren hatte ein Rohrdorfer bairische Lebensart in die „Alte Welt“ in Kalifornien gebracht; damals hatte dort der Sanftl Xari mit seiner Klarinette beim „Oktoberfest“ aufgespielt – Sommers Nachbar. „Das war mein Flug“, ist der unternehmungslustige Ruheständler noch heute überzeugt.

Zwei Wochen lang Englisch gepaukt

Im September 2014 ging‘s dann los – nachdem Sommer in einem zweiwöchigen Crash-Kurs mit einer Englisch-Lehrerin aus dem Ort die notwendigen Fachbegriffe gepaukt hatte. Gemeinsam mit Frau Annette und Sohn Maximilian stieg Werner Sommer in die Maschine nach Los Angeles, machte noch eine Woche Urlaub mit der Familie und stellte sich dann für sechs Wochen im „German Restaurant“ an den Herd. Er briet Enten, grillte Schweinshaxen, drehte alle erdenklichen Arten von Knödel, stach Grießnockerl und schmorte Sauerkraut – servierte gewissermaßen seine Heimat auf dem Teller. Und nicht zuletzt zeigte er den Amerikanern, was ein bayerischer Kartoffelsalat ist – „Ohne Schale!“ Den eingefleischten Liebhaber zünftiger Schmankerl schüttelt es noch heute, wenn er an den american style mit ungeschälten Erdäpfeln denkt.

500 bis 600 Gäste galt es für die Küchenmannschaft täglich zu bekochen; die vielen zusätzlichen Veranstaltungen wie Hochzeiten und natürlich das dortige „Oktoberfest“, bei dem – ebenfalls typisch amerikanisch – das Bier in Strömen aus Plastikbechern fließt, gar nicht mitgezählt.

Vier Jahre liegt das Koch-Abenteuer inzwischen zurück. Der Alltag kehrte wieder ein; der Clubberer mit Leib und Seele, der vor Jahren den Rohrdorfer Nürnberg-Fanclub aus der Taufe gehoben hat, ging radeln, traf sich mit seinen Freunden vom Köcheverein, spielte bei der Kartelrunde im Haus St. Anna in Thansau regelmäßig Schafkopf und Skat. In diesem Juni ging‘s dann nach Hamburg, um Silberhochzeit zu feiern; und just in dieser Zeit trudelte auf dem Anrufbeantworter eine Anfrage der Dame aus Bruckmühl ein: Diesmal sollte Sommer im fernen Kalifornien den Bäckern über die Schulter schauen. „Also hab’ ich mich wieder auf den Weg gemacht.“ Diesmal ging es via Amsterdam nach Los Angeles. „Und am nächsten Tag um fünf Uhr früh stand ich in der Backstube“.

Innerhalb von neun Wochen verarbeitete er gemeinsam mit dem Küchenteam 50 Zentner Mehl, 1500 Eier und Unmengen an Honig unter anderem für Lebkuchen und Stollen, für Plunder und Biskuit. Der „German Market“ wurde zudem täglich mit 150 Broten und 300 Brezen versorgt, die ebenfalls weggingen, wie die warmen Semmeln.

Für die 50 Blechkuchen fürs traditionelle Pflaumenfest mussten außerdem 250 Kilo Zwetschgen entsteint werden. Und seine Schwarzwälder Kirschtorten und Sachertorten wurden regelmäßig mit einem herzhaften „Oh, my God!“ bedacht.

Gut zwei Monate lang brachte Sommer also die Backstube am Pazifik auf Vordermann, sorgte für klare Strukturen und Abläufe, legte ein Rezeptbuch an und half auf dem dortigen Oktoberfest aus. Bei Verständigungsschwierigkeiten hatten die Mexikaner in der Küchenmannschaft übrigens eine ganz pragmatische Lösung parat: eine Übersetzungs-App auf dem Handy.

Weil der Rohrdorfer, der von jeher mit dem Showbusiness geliebäugelt hat, aber nicht nur als Koch und Konditor ungern etwas anbrennen lässt, tauschte er eines Abends kurzerhand den Kochlöffel gegen das Mikrofon aus und schmetterte zur Begeisterung der 800 Gäste deutsche Schlager wie „Marmor, Stein und Eisen bricht“ und „Rote Lippen soll man küssen“.

Doch es sollte nicht sein einziger „großer“ Auftritt bleiben. Als Sommer aus 30 Kilo Mehl und 300 Eiern ein echtes „historic dessert“, nämlich Kaiserschmarrn, zauberte, rückte sogar das Lokalfernsehen an.

Zurück in Good Old Germany führte ihn sein erster Weg auf die Theresienwiese, aufs Original-Oktoberfest, wo er sich echtes bayerisches Bier schmecken ließ – aus Glaskrügen wohlgemerkt.

„Ich bin gerne drüben. Aber noch lieber ihn Bayern!“, betont Sommer. Dennoch dürfte sein jüngster Amerika-Trip nicht sein letzter gewesen sein.

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