50 JAHRE ROHRDORFER AMATEURBÜHNE HARLEKIN

Die große Lust am Laienspiel

2010 – „Isidor“ spielte die junge Garde von „Harlekids“. : Sennhenn
+
2010 – „Isidor“ spielte die junge Garde von „Harlekids“. : Sennhenn

50 Jahre Bühnenjubiläum, das muss ein ländliches Amateurtheater erst mal schaffen. Die Mitglieder des Vereins „Harlekin – die Komödie in Rohrdorf“ dürfen dieser Tage genau dies feiern, auch wenn ihr „Kind“ erst etwas später seinen heutigen Namen erhielt.

Rohrdorf – Die Aufführungen des Bühnenensembles gehen bis aufs Jahr 1966 zurück, als sich die Mitglieder vom Sportverein TSV Rohrdorf/Thansau ein Stück für die gemeinsame Weihnachtsfeier einfallen ließen. Auf den alten Fotos von „Heimatglocken am Weihnachtsabend“ lässt sich bereits erkennen, dass schon damals viel Liebe zum Detail in Bühnenbild, Requisiten und Kostüme flossen. Die Aufführung war der Renner und so kam eines zum anderen. 1975 inszenierte das einstige Sportler-Ensemble mit „Boeing, Boeing“ sein erstes Boulevard-Stück und entschloss sich, um der Bauernbühne des Trachtenvereins keine Konkurrenz zu machen, fortan Komödien und Krimis auf die Bühne zu bringen.

„Hoher Kraftaufwand, aber das Zusammen- gehörigkeitsgefühl ist dabei jedes Mal überwältigend.“ Marcus Bauer

Marcus Bauer ist zwar noch nicht 50 Jahre dabei, aber lange genug, um schon einige Haupt- und Nebenrollen bei „Harlekin“ gespielt zu haben. Für ihn hängt die Erfolgsgeschichte des Amateurtheaters eng zusammen mit der allzu menschlichen Sehnsucht nach Geschichten, nach einem Rollentausch ohne Risiko, der einen für eine gewisse Zeit aus dem Alltag herausholt. Nicht umsonst kommen die Harlekin-Schauspieler querbeet aus allen möglichen Richtungen: Sie sind Handwerker oder Unternehmer, arbeiten im sozialen Bereich oder sind im normalen Leben Hausfrau. Auf der Bühne jedoch schlüpfen sie in eine Art zweites Ich. „Auch das Publikum findet es bestimmt interessant, Menschen aus dem eigenen Umfeld auf der Theaterbühne mal ganz anders zu erleben“, ist Marcus Bauer überzeugt. Wie macht sich der Nachbar, die Mutter einer Mitschülerin oder der Schreiner aus dem Ort so in der Rolle als Liebhaber, Mörderin, Heiratsschwindler? Bauer denkt auch, dass die spürbare Freude der Laiendarsteller am Spiel das Publikum fasziniert: „Ich bin der Meinung, wir bringen ein Stück, das wir uns selbst erarbeitet haben und das ein paar Mal aufgeführt wird anders rüber als die Schauspiel-Profis der großen Bühnen, die die gleiche Rolle an fünf oder sechs Abenden pro Woche während einer Saison spielen.“ Vielleicht seien die Laien da leidenschaftlicher, authentischer, weniger abgeklärt.

„Harlekin setzt hinter jedes Bühnenstück einen enormen Kraftaufwand“, so Bauer: Sehr viel Arbeit neben dem eigenen Beruf und bis zu einem Dreivierteljahr Vorbereitungszeit. „Aber das Zusammengehörigkeitsgefühl ist dabei jedes Mal überwältigend.“ Je nach Umfang der zu spielenden Rolle kann schon mal ein Zeitaufwand wie bei einem Teilzeitjob drin stecken. Bauer zum Beispiel beginnt dieser Tage damit, sich auf seine neue Hauptrolle fürs Herbststück vorzubereiten. Ausnahmsweise hat er dazu diesmal nur noch knapp drei Monate Zeit, denn im Moment sind alle Harlekins mit den Feierlichkeiten zum 50-Jährigen (wir berichteten) beschäftigt. Tagsüber als Drucker bei Schattdekor in Thansau tätig, schnappt sich der gebürtige Rohrdorfer dann in seiner Freizeit erst einmal das Originalwerk und liest es mehrere Male durch: „Ich muss den Stoff richtig durchdringen, um ein Gefühl für meine Rolle zu bekommen, aber auch für die anderen Charaktere.“

Neben dem Lernen der Dialoge geht es an die Feinarbeit: Wie sollen die einzelnen Szenen gespielt werden? Welche Körperhaltung, Mimik und Gestik unterstützen die Rolle? Wie macht sich das, was man zu Hause für sich erarbeitet hat, überhaupt auf der Bühne? Selbstredend kommen dazu noch die Proben. „Ich werde schon manchmal gefragt, warum ich das mache, so viel Freizeit ins Theater stecke und was für mich dabei herumkommt“, erzählt Bauer. Das frage er sich selbst eigentlich gar nicht: „Es macht einfach Riesenspaß und man bekommt so viel zurück.“ Damit meint Bauer nicht nur den Applaus des Publikums, sondern vor allem die freundschaftlichen Beziehungen im Verein: „Wir unternehmen das ganze Jahr vieles gemeinsam.“ Zum Beispiel Ausflüge oder gemeinsame Fahrten zu Inszenierungen anderer Amateurtheater. „Wir sammeln dabei neue Ideen und Impulse. Man findet immer etwas, das man auf der eigenen Bühne anders umsetzen könnte.“ Inzwischen hat sich ein Netzwerk unter den regionalen Laienbühnen entwickelt, das sich untereinander auch hilft, etwa mit dem Verleih von Requisiten oder technischem Know-how.

Außerdem bilden sich die Vereinsmitglieder ständig in ihrer Freizeit weiter. Der Verein ist Mitglied beim Verband bayerischer Amateurtheater, der seinen Sitz in Rosenheim hat und das ganze Jahr über professionelle Seminare und Kurse für Laienspieler veranstaltet und alle an einem Amateurtheater Beteiligten: Schließlich braucht es für ein erfolgreiches Bühnenstück nicht nur Schauspieler, sondern auch einen Regisseur, Techniker, Maskenbildner, und und und…

Bei „Harlekin“ wechseln diese Posten zum Teil. So gibt es mehrere Regisseure, die reihum Stücke inszenieren. Diese wählen sie in der Regel selbst aus, genauso wie die Schauspieler dafür. „Es gibt auch Mitglieder, die lieber nur im technischen Bereich mitarbeiten, am Bühnenbild oder in der Maske. Nicht jeder will direkt auf der Bühne stehen“, sagt Bauer. Insgesamt sorgen rund 100 Vereinsmitglieder mit unterschiedlichsten Aufgaben dafür, dass bei „Harlekin“ alles läuft. Nicht zu vergessen die vielen stummen Zeugen aus fünf Jahrzehnten Theater, die Requisiten: Außer im Rohrdorfer Turner Hölzl hat „Harlekin“ noch zwei weitere Lager für all die Möbelstücke, Bühnenhintergründe, Stoffe, Kostüme und Accessoires, die sich angesammelt haben. „Vieles davon haben unsere Mitglieder selbst gestiftet, oder wir erwerben das eine oder andere Stück bei der Diakonie. Wir haben uns auch schon von Möbelhäusern Einrichtung ausgeliehen.“

„Ich muss den Stoff richtig durchdringen, um ein Gefühl für meine Rolle zu bekommen“ Marcus Bauer

Geht es ums Bühnenbild und Kulisse, ist beim Verein jeder gefragt, mit anzupacken. Da ist es wieder gut, dass die Laienspieler aus Handwerks- oder Technikberufen kommen oder Hobbybastler sind. Sie schrecken auch vor komplizierten Bühnenaufbauten nicht zurück und tüfteln so lange daran herum, bis alles passt: „Wir haben zum Beispiel schon mal ein Bühnenbild mit Erdgeschoss und erstem Stock aufgebaut“, erinnert sich Bauer und lacht bei dem Gedanken. „Da musste eine Treppe auf die Bühne.“ Die sollte freilich begehbar sein und keine Attrappe – ein Fall für den Zimmerer. Schmunzelnd erzählt er von der einen oder anderen kleinen Live-Panne, welche die Schauspieler souverän überspielten. Auch das gehört zur Amateurbühne. Wie das Wandtelefon, das während einer Aufführung immer wieder runterfiel. Erst brachte das unzuverlässige Requisit die Schauspieler mächtig ins Schwitzen, dann wurde es zum Running Gag des Stücks.

Nachwuchssorgen kennt „Harlekin“ übrigens nicht. Mit den „Harlekids“ hat sich der Verein eine kleine, eigene Schauspiel-Schmiede für junge Talente ab dem Grundschulalter geschaffen. Wer schon als Jugendlicher auf der Bühne steht, meint Bauer, der spielt als Erwachsener erst recht souverän und selbstsicher. So ist der jüngste Laiendarsteller in Rohrdorf heute acht Jahre alt, der älteste um die 70 Jahre. Dass die Spieler teilweise schon Jahrzehnte dem Theater die Treue halten, spricht für sich.

Kommentare