Weg zur gelungenen Ortsentwicklung: Pruttinger Gemeinderat spricht sich für Leitbild aus

Damit die Dorfidylle in Prutting langfristig gewahrt wird, kann ein Leitbild sinnvoll sein.
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Damit die Dorfidylle in Prutting langfristig gewahrt wird, kann ein Leitbild sinnvoll sein.

Wie will sich die Gemeinde entwickeln? Und ergibt es Sinn, ein Leitbild für die kommenden zehn Jahre aufzustellen? Diesen und vielen weiteren Fragen rund um das Thema Ortsentwicklung haben sich die Pruttinger Gemeinderäte in der jüngsten Sitzung des Gremiums im Dorfstadl beschäftigt.

Von Tina Blum

Prutting – Wie ein solches Konzept zur Ortentwicklung entstehen kann, stellte Korbinian Kroiß von der „Nonconform Ideenwerkstatt“ vor. Das Unternehmen mit Sitz in Österreich und sieben Standorten zwischen Berlin und der Steiermark ist derzeit auch mit der Leitbilderstellung für den Stephanskirchener Ortsteil Haidholzen beauftragt.

Alle Pruttinger sollen Leitbild entwickeln

„Schon während der Wahlkampfphase wurde dieses Thema diskutiert“, sagte Bürgermeister Johannes Thusbaß (CSU). Inzwischen habe er in Erfahrung gebracht, dass die Erstellung eines Leitbilds mit 50 bis 90 Prozent gefördert wird. Genaueres müsse man aber noch in Erfahrung bringen.

Zunächst ginge es darum, so Thusbaß, zu entscheiden, ob ein Leitbild für Prutting eine Option für sei. „Etwas in Auftrag geben und einen endgültigen Beschluss fassen wir erst, wenn wir wissen, wie hoch die Förderung ist“, sagte Thusbaß. Er betonte, dass der Gemeinderat dieses Leitbild nicht alleine entwickeln könnte. Die Beteiligung aller Pruttinger sei bei diesem Prozess unverzichtbar. Um die offenen Fragen zu diesem Thema zu beantworten, hatte Thusbaß Korbinian Kroiß von der „Nonconform “Ideenwerkstatt eingeladen. Dieser erklärte den Räten den Weg zur „gelungenen Ortsentwicklung“.

Prutting – ein Beispiel für bayerische Dorfidylle

„Als ich nach Prutting gefahren bin, dachte ich mir: ‚Toll, was für eine bayerische Dorfidylle‘“, sagte Kroiß. Dabei zeigte er dem Gremium Bilder von der Ortsmitte: zum Beispiel der Kramerladen mit dem Kirchturm im Hintergrund.

Kroiß erklärte, dass die Ortsentwicklung von vier Akteuren beeinflusst wird: von der Politik, den Bürgern, der Wirtschaft und der Verwaltung. Zwar sei die Wirtschaft immer ein treibender Faktor. Was aber passiert, wenn deren Einfluss zu groß wird, zeigte er am Beispiel eines Gewerbegebiets. „Wenn sich dort eine große Discounter-Firma ansiedelt, dann können Sie sich vorstellen, was mit dem Kramerladen in der Ortsmitte passiert“, sagte er. Das Beispiel des Radwegs, der in Bamham in die Staatsstraße mündet und dort endet, nutzte er als ein Illustration dafür, dass es viel zu tun gebe in Prutting.

Gemeinderäte unternehmen Orientierungsfahrt

Sollte sich der Rat für eine Zusammenarbeit mit der Nonconform Ideenwerkstatt entscheiden, unternehmen die Nonconform-Berater eine gemeinsame Fahrt durch andere Gemeinden, die bereits ein Leitbild für sich entwickelt haben. So sollen die Gemeinderäte Ideen für ihr eigenes Leitbild suchen – oder sich darüber klar werden, was sie nicht wollen. Anschließend bauen Gemeinderat und die Nonconform Ideenwerkstatt ein Gemeindemodell, welches dann weiterentwickelt wird. Daran sollen Zukunftsvision sichtbar gemacht werden. Sobald der Visionsplan stünde, könne man sich an die Umsetzung des Leitbilds machen. „Dieser Prozess braucht Zeit“, sagte Kroiß. Zudem müsse man vorausdenken.

Im Anschluss an den Vortrag hatten die Gemeinderäte die Möglichkeit, Fragen zum Prozess einer Leitbildentwicklung stellen. Stefan Schöne (FWB) wollte wissen, ob man die Entwicklung und Arbeitsweise der Nonconform Ideenwerkstatt als österreichisches Unternehmen auch auf Deutschland übertragen könne. Kroiß erklärte, dass der größte Unterschied primär beim Baurecht läge. Zudem wollte Schöne wissen, über welchen Zeitraum ein solches Leitbild reichen kann, wenn sich doch viele Dinge mit der Zeit verändern: zum Beispiel 5G-Netz und Corona. „Wichtig ist, dass ein Leitbild klar strukturiert wird, dabei aber flexibel bleibt, um sich an gewisse Veränderungen anpassen zu können“, sagte Kroiß. Das sei die Herausforderung dabei.

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Gemeindebild ist nicht einheitlich

Die Teilung der Gemeinde und die fehlende Infrastruktur im Westen Pruttings thematisierte Barbara Stein (FW). „Grundsätzlich finde ich die Idee gut, aber unsere Gemeinde ist kein einheitliches Gefüge“, sagte sie. Dem entgegnete Kroiß, dass auch andere Gemeinden das schon geschafft hätten. Thusbaß wandte ein, dass er sich durch ein Leitbild erhoffe, dass die Gemeinde zusammenwächst.

Dr. Mathias Huber (CSU) wandte ein, dass ein Leitbild für den Pruttinger Ortskern weniger relevant sei als für das Gewerbegebiet außerhalb. Geschäftsleiter Georg Plankl setzte dem entgegen, dass sich auch die Dorfmitte in den vergangenen 15 Jahren stark verändert hätte. „Man darf das nicht unterschätzen“, sagte er.

Nonconform Ideenwerkstatt arbeitet unabhängig

Petra Linner (CSU) sagte, dass der Gemeinderat schon in der Vergangenheit mit dem Gedanken eines Leitbilds gespielt hatte. „Die Idee ist aber wieder eingeschlafen“, sagte sie. Von Kroiß wollte sie wissen, ob die Ideenwerkstatt mit bestimmten Baufirmen zusammenarbeite, oder ob sie unabhängig agieren. „Wie der Name ‚Nonconform‘ schon sagt, operieren wir unabhängig“, sagte Kroiß. Christoph Vorderhuber (ULP) merkte an, dass die Bebauungspläne mit berücksichtigt werden müssten, da diese jahrelang gültig seien. Laut Kroiß sei dem selbstverständlich so, da für das Leitbild auch die Baulandplanung eine wichtige Rolle spiele.

Als alle Fragen geklärt waren und der Beschluss gefasst werden sollte, wandte sich Thusbaß mit einer Bitte an das Gremium. „Ich würde gerne zwei Beschlüsse fassen: Zum einen, ob wir grundsätzlich ein Leitbild wollen. Zum anderen wäre mir wichtig, dass wir uns auch dran halten“, sagte er. Die Gemeinderäte stimmten beiden Beschlüssen einstimmig zu.

Wissenswertes über Nonconform

Eigentlich ist Nonconform ein Architekturbüro – eigentlich. Seit fünfzehn Jahren arbeitet Nonconform mit einer eigens entwickelten Methode der partizipativen Planung: der Nonconform Ideenwerkstatt. Nonconform organisiert und moderiert dabei Prozesse, bei denen möglichst viel Beteiligte Antworten auf räumliche Aufgaben in Gemeinden, Städten und Schulen suchen und finden. Das Team – bestehend aus Architekten, Stadt- und Raumplanern, Kommunikationsexperten, Pädagogen und Moderatoren – wird bei Bedarf durch weitere Experten ergänzt und arbeitet vor Ort. Entscheidungen werden transparent und unter Einbindung vielfältiger Interessen getroffen. Dies ist Teil einer gemeinschaftsbildenden Zukunftsentwicklung, die zum gegenseitigen Verständnis beiträgt. Nonconform wurde 1999 gegründet. Derzeit arbeiten rund 30 Mitarbeiter im Team. Neben den österreichischen Standorten in Wien, Kärnten, Oberösterreich und der Steiermark ist Nonconform seit 2016 auch in Berlin und Bayern vertreten. Den Rosenheimer Ableger gibt es seit März 2020.

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