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Gedenken in der Region „tief verwurzelt“ - Interview mit Obmann Pius Graf zum Volkstrauertag

Das Wohlergehen der Vereinsmitglieder in Zeiten von Corona sei wichtiger als das ehrende Gedenken an verstorbene Kameraden, findet Pius Graf, erster Obmann der IG Rosenheim.
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Das Wohlergehen der Vereinsmitglieder in Zeiten von Corona sei wichtiger als das ehrende Gedenken an verstorbene Kameraden, findet Pius Graf, erster Obmann der IG Rosenheim.
  • vonHeinrich Rehberg
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Zaisering – Pius Graf aus Zaisering führt die Interessengemeinschaft der Krieger- und Soldatenvereine der Stadt- und Landkreise Rosenheim – Bad Aibling (IG Rosenheim) seit 2003 als erster Obmann an. Den OVB-Heimatzeitungen erklärt er, warum man den Vereinen in Zeiten von Corona keine Regeln vorgeben kann.

Herr Graf, die Gedenkfeiern zum Volkstrauertag stehen vor der Tür. In diesem Jahr ist wegen Corona alles anders. Was empfehlen Sie und die IG Rosenheim den angeschlossenen Vereinen?

Pius Graf: Meine Bitte ist, einen Weg zu finden, den Volkstrauertag oder Jahrestag im Rahmen der vorgeschriebenen Corona-Regelungen durchzuführen. Wir als IG können und wollen den Vereinen keine Regelungen vorgeben. In einigen Gemeinden im Landkreis spielt Corona kaum eine Rolle, in anderen dafür umso mehr. Sehr viele unserer Mitglieder in den Vereinen gehören den Risikogruppen an; die Vorsitzenden müssen in Abstimmung mit der politischen Gemeinde dafür sorgen, dass die Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Mitglieder oberste Priorität haben. Erst danach kommt das ehrende Gedenken an die verstorbenen, gefallenen und vermissten Kameraden.

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Welche Möglichkeiten sehen Sie für die Vereine?

Graf: Das kann nicht allgemein verbindlich erklärt werden. Wenn die Vorgaben der Behörden und die AHA-Regeln eingehalten werden können, spricht nichts gegen eine Gedenkstunde am örtlichen Kriegerdenkmal. Dabei reicht die Bandbreite der Möglichkeiten von einer Kranzniederlegung durch den Bürgermeister und die Vorstandschaft über eine Feierstunde mit dem gesamten Verein am Denkmal bis hin zu einer Feldmesse oder einem Libera für die Pfarrgemeinde am Denkmal.

Wenn in diesem Jahr keine Gedenkfeiern in den Gemeinden stattfinden, ist das der Anfang vom Ende der Gedenkkultur in der Region?

Graf: Nein. Das Gedenken an die verstorbenen, gefallenen und vermissten Kameraden ist bei uns in der Region und den betroffenen Familien so tief verwurzelt, dass auch ein Jahr aussetzen nichts daran ändert und der Idee des Gedenkens nichts ausmacht. Die Namen der am Kriegerdenkmal Verewigten sind in den Gemeinden noch überall vorhanden und in der Bevölkerung verwurzelt. In manchen Orten sind mittlerweile bereits drei Generationen mit dem Namen des vermissten Onkels oder gefallenen Großvaters aus dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Das Gedenken am Kriegerdenkmal wird in den Gemeinden ebenso präsent bleiben wie das Gedenken am Familiengrab auf dem heimischen Friedhof.

Viele Vereine halten ihre Jahresversammlungen am Volkstrauertag ab. Sollten diese heuer stattfinden oder lieber verschoben werden?

Graf: Hier gilt das Gleiche wie bei den Gedenkfeiern: Wenn die Corona-Regeln, vor allem die Abstände untereinander in den Versammlungsräumen, eingehalten werden können, spricht nichts gegen eine Versammlung. Aber auch hier gilt: Das Wohlergehen der Vereinsmitglieder kommt zuerst.

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Die IG Rosenheim pflegt eine enge Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Viele Vereine sammeln für den Volksbund. Wie will man heuer durch den Wegfall der Versammlungen ein befriedigendes Sammlungsergebnis erreichen?

Graf: Wenn der Sammler nicht zum Bürger gehen kann, dann kann der Bürger vielleicht zum Sammler kommen. Die Vorsitzenden der Veteranenvereine sind in der Regel in der Gemeinde bekannt und telefonisch erreichbar. Jeder, der spenden möchte, kann in den nächsten Tagen auf die Vorsitzenden zugehen. Man kann seine Spende auch bei der Gemeindeverwaltung abgeben. Viele Gemeinden haben die Spendenkonten im jeweiligen Gemeindeblatt bekannt gegeben. Wer also spenden will, hat viele Möglichkeiten dazu.

Die IG Rosenheim ist bekannt für ihre mehrtägigen Sonderzugreisen in alle Länder Europas. Im Vorjahr war eine Reise nach Tschechien, nach Prag und zur Kriegsgräberstätte nach Eger geplant. Wird diese Reise irgendwann nachgeholt?

Graf: Ja, auf alle Fälle. Aber wegen Corona ist es leider nicht möglich, Termine für unsere Reisen, die Jahresversammlung oder weitere Gedenktage bekannt zu geben. Auch Voraussagen sind schwer zu treffen. Wir bitten hierfür um Verständnis.

Die IG Rosenheim:

Die Anfänge der Interessengemeinschaft der Veteranen- und Kriegervereine gehen im Landkreis Rosenheim bis ins Jahr 1891 zurück. Zunächst bestand unter dem Namen „Gauverband“ ein Zusammenschluss mehrerer Vereine, nach dem Zweiten Weltkrieg regte sich erneutes Interesse an einer Gemeinschaft der Veteranenvereine. 1951 fanden sich die Vorstände von 15 Veteranenvereinen zusammen und riefen die „Interessengemeinschaft der Krieger- und Soldatenvereine der Stadt- und Landkreise Rosenheim – Bad Aibling“ (IG Rosenheim) ins Leben. Dieser umfasst im Landkreis Rosenheim aktuell 84 Vereine.

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