Geschwister fast 100 Jahre alt

Frasdorf: Zwei Schwestern und ein Jahrhundert

Anne und Gretl Hamberger aus Frasdorf
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Anne und Gretl Hamberger aus Frasdorf
  • Anton Hötzelsperger
    vonAnton Hötzelsperger
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Wenn heute der neue US-Präsident bekannt gegeben wird, ist das für die Hamberger-Schwestern vom Niggl-Hof in Frasdorf nichts Besonderes: Es wäre der 16., den sie erleben.

Sollte Biden gewinnen, natürlich der 17. Die Niggl-Dirndl, wie Anne und Gretl Hamberger in ihrem Heimatort genannt werden, haben mit ihren 95 bzw. 93 Jahren schon ganz anderes erlebt.

In Kriegszeiten beherbergte ihre Familie auf dem Niggl-Hof Evakuierte und Kinder. „Einmal hatten wir für sechs Wochen einen Buam aus Holland, der hatte in dieser Zeit wegen der vielen Knödel, die es bei uns gab, richtig zugenommen“, erzählen sie. Von 1934 bis 1936 wurde in Frasdorf die Autobahn gebaut. Deswegen mussten viele Bauern Grund abtreten – auch die Niggl-Familie.

„Man wusste vom Lager in Dachau“

„Eineinhalb Tagwerk von unseren insgesamt 45 Tagwerk inklusive Wald gaben wir her, da gab es keine Diskussionen“, erzählt Gretl Hamberger. „Wer Widerstand geleistet hätte, der hätte mit schweren Konsequenzen rechnen müssen. Man wusste schließlich vom Lager in Dachau, wenn wir auch nicht ahnten, wie tragisch sich dort die Schicksale abspielten“, ergänzt ihre Schwester Anne. Die Bezahlung für den abgetretenen Grund erfolgte dann in der Kriegszeit, als das Geld nichts mehr wert war.

Die Nazi-Zeit er- und überlebten sie in einer Art passivem Widerstand. Sie schlossen sich etwa nicht dem Bund Deutscher Mädel (BDM) an, ihr Bruder Sepp nicht der Hitlerjugend. „Wir sind damals nirgends hin, auch nicht zur Eröffnung der Autobahn, als Adolf Hitler beim Vorbeifahren zu sehen gewesen wäre.“ Das hatte natürlich Konsequenzen, erzählen sie: „Wer nicht mitmachte, durfte zum Beispiel nicht zum Turnen, sondern musste bei den Dirndln in die Handarbeitsstunde.

Aktuelle Nachrichten nur aus dem Radio

Abwechslung gab es damals nur ein paar Mal im Jahr, wenn sie mit der Bahn oder dem Bus nach Rosenheim fuhren. Im Krieg wurde der Zugverkehr nach einem Bombentreffer eingestellt. Aktuelle Nachrichten gab es damals nur über das Radio. Denn sogenannte Fremdsender zu hören, war streng verboten. „Dennoch hat auch unsere Mutter gehört und aufgepasst, dass sie nicht erwischt wird“, berichten die Schwestern.

Den Hof noch nie verlassen

Auch das Kriegsende haben die beiden noch gut in Erinnerung: „Als der Frasdorfer Mesner nach einem Anruf vom Pfraundorfer Mesner an der Kirche die weiße Fahne zum Zeichen der Aufgabe anbrachte, drohte ihm von den Nazis der Tod. Der Pfarrer und ein Bürger setzten sich energisch ein, dass das nicht geschah – zumal die Söhne des Mesners im Krieg gefallen waren.“ Der Mesner überlebte – wie auch die beiden Schwestern. Obwohl sie ihren Niggl-Hof nie verlassen haben, liegt ein spannendes Leben hinter ihnen, sagen sie. Eines, das sie Seite an Seite gelebt haben. 

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