Forellendrama in Kiefersfelden: Tiroler Dreck erstickt Kieferbach

Die Verschmutzung im Uferbereich ist deutlich zu sehen: Der dunkle Schlamm erstickte alles Leben unter sich. Hoffmann

50 seltene Bachforellen tot, Kleinstlebewesen im Schlamm erstickt, ein stinkender Kieferbach – und der Verursacher spricht von einem „kleinen technischen Fehler“.

Von Franz Hoffmann

Kiefersfelden – Von einem „kleinen technischen Fehler“ spricht der Tiroler Verursacher, die Kiefersfeldener Sportfischer nennen es einen „biologischen Super-GAU“: Die Rede ist von einem massiven Schmutzeintrag inklusive giftigem Faulschlamm von Tiroler Seite in den Klausenbach auf Höhe von Wachtl. Der Klausenbach fließt auf deutscher Seite als Kieferbach weiter bis in den Inn.

Übler Geruch als Warnsignal

War es zunächst nur eine vom Kieferbach ausgehende deutliche Geruchsbelästigung, die Anwohnern und Spaziergängern in die Nase stieg, stellte wenig später der inzwischen benachrichtigte Kieferer „Sportfischereiverein E. W. Sachs“ eine erhebliche Menge erhebliche Schmutzwasser im Kieferbach fest, wie der Vorsitzende des Vereins, Stefan Sporer, berichtet. Mit Vereinskollegen ging er auf Spurensuche. Auf Höhe des Tiroler Ortes Wachtl wurden sie fündig: „Wir sahen, dass eine große Menge von Schmutzwasser in den Klausenbach eingeleitet wird.“

Schwefelhaltiger Bodenschlamm läuft ungefiltert in Bach

Bei genauerer Überprüfung stellte sich heraus, „dass der Eigentümer eines zum dortigen Kraftwerk gehörenden Stausees eben diesen abgelassen hatte“. Dabei wurden große Mengen von Bodenschlamm „und das damit erheblich verschmutzte Wasser des Stausees ungeklärt und ungefiltert in den Bach abgeleitet“. Der Vereinsvorsitzende schiebt nach: „Wie am Geruch unschwer zu erkennen war, enthielt das Wasser sehr starke Verunreinigungen mit schwefelhaltigem Bodenschlamm“.

Kieferbach erstickt im Bodenschlamm

Es kam noch schlimmer, denn 24 Stunden später, bei einer erneuten Kontrolle, war das Wasser des Kieferbachs „komplett schwarz von Schlamm“. Sporer vermutet, dass in der Zwischenzeit auch noch der komplette Bodenschlamm abgelassen worden war – mit verhängnisvollen Folgen: „Dieser Schlamm hat sich auf den Kiesflächen auf der gesamten Bachlänge abgesetzt und das komplette Leben darunter erstickt.“

Verunreinigtes Wasser in der Fischzuchtanlage

Der entsetzte Sportfischer spricht von einem „biologischen Super-GAU an Kleintieren und Fischbrut“. Das schwarze, verunreinigte Wasser gelangte in die Fischzuchtanlage des Vereins. Viele Tiere überlebten dies nicht. Sporer spricht von einem „erheblichen Verlust an Zuchtfischen“.

Besonders betroffen ist ein gerade eingesetzter Zuchtstamm eines alten Stammes der Bachforelle. Dieses Zuchtprojekt mit rund 300 sehr wertvollen Fischen sorgte nicht nur in der Kiefer für Aufsehen. „Wenn uns dieser Zuchtstamm jetzt eingeht, ist der Schaden enorm“, so Sporer. 50 Fische sind schon verendet.

Fische und Wasser zur Untersuchung

Aktuell werden die bisher überlebenden Forellen von einem Fachinstitut in München untersucht. Erst wenn das Ergebnis dieser Untersuchung vorliegt, fällt die Entscheidung, was zur Rettung der Tiere getan werden kann und muss. Im Gespräch ist der kostenintensive Einsatz eines geeigneten Antibiotikums.

Das verunreinigte Wasser wird gerade beim Bayerischen Tiergesundheitsdienst in Poing untersucht, die Analyse steht aber noch aus.

Auswirkungen aktuell nicht abzusehen

Insgesamt sind die Auswirkungen laut Sporer heute noch nicht abzusehen, aber schon jetzt sei festzustellen, „dass nahezu alle Sandbänke des Kieferbachs und der Grund des Baches verschlammt sind. Die Nahrung der Fische – wie Köcherlarven, Eintagsfliegen und Mikroorganismen – ist erstickt in dem hochtoxischen Faulschlamm oder total verseucht. Der Bach hat einen schweren ökologischen Schaden genommen“, so ein zutiefst getroffener Vereinspräsident.

Kufstein bekommt Schadensaufstellung

In einem Schreiben an die zuständige Bezirkshauptmannschaft in Kufstein – der Schmutzwassereintrag erfolgte auf Tiroler Seite – schlüsselte der Verein diesen Sachverhalt genau auf und kündigte zugleich an, dass eine Schadensaufstellung „zeitnah“ nachgereicht wird. Auch die Fachberatung für Fischerei und der Fischereiverband Oberbayern sind informiert, ebenso das Wasserwirtschaftsamt in Rosenheim als zuständige bayerische Fachbehörde.

Einleitung nur bei Hochwasser erlaubt

In einem jüngst geführten Telefonat des ehemaligen und langjährigen Vorsitzenden des Kieferer Sportfischervereins, Hans Hanusch, mit der zuständigen Dezernentin in der Kufsteiner Umweltbehörde, Magister Anita Hofer, erklärte diese laut Hanusch, dass der Bauer bisher die Auflage hatte „nur bei Hochwasser eine Einleitung in den Klausenbach“ durchführen zu dürfen, „um Umweltschäden zu vermeiden“. Und die Dezernentin schob nach, „dass wir bei der Wiedererteilung einer Einleitungsgenehmigung sehr genau darauf achten werden“.

Einleitung angeblich technischer Fehler

Die verbotene Einleitung jetzt, bei Niedrigwasser im Bach, begründete der eindeutig festgestellte Verursacher, ein Tiroler Landwirt, „mit einem Notfall an der Rechneranlage des Stausees“, wobei er allerdings nicht mit den ökologischen Ausmaßen seines Handelns, das er laut Hanusch bereits seiner Versicherung gemeldet hat, gerechnet hat.

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Für den betroffenen Sportfischereiverein ist nur ein dünnes Trostpflaster, denn die Schäden, die durch die Schmutzwassereinleitung entstanden, sind noch gar nicht abzusehen. Eine Aufstellung des Schadens wird nach Abschluss aller Untersuchungen erfolgen und dem zweifelsfrei ermittelten Verursacher in Rechnung gestellt.

Für den sedimentreichen Inn und seine Fischpopulation befürchten die Fachleute aufgrund dessen Wassermenge und Fließgeschwindigkeit keine schädlichen Auswirkungen.

Stundenlange Säuberungsarbeiten

Die Vereinsverantwortlichen der Sportfischer haben die Initiative ergriffen, den Kieferbach – soweit möglich – in stundenlangen Einsätzen ihrer Mitglieder von den Verunreinigungen größtmöglich befreit. Sie erhoffen sich neben einer weiteren Selbstreinigung des Baches vor allem, „dass die Schäden bei Zucht und Aufzucht der sehr wertvollen Bachforellen nicht irreparabel sind“.

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