Feierabendhalbe am Simssee: Waldgasthof Liebl in Stephanskirchen wird wiederbelebt

Karl Mair, Bürgermeister und Heimatpfleger in Personalunion, genießt den Blick vom Biergarten über den See in die Berge.
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Karl Mair, Bürgermeister und Heimatpfleger in Personalunion, genießt den Blick vom Biergarten über den See in die Berge.
  • Sylvia Hampel
    vonSylvia Hampel
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Kurz bevor es nicht mehr weitergeht leicht rechts, da liegen Waldgasthof und Strandbad Liebl. Seit Jahren fahren nur noch eine Handvoll Anlieger dort hin, die Idylle steht leer. Noch.

Stephanskirchen – Bis Mitte Juli wachsen ein paar Tische auf der frisch aufgekiesten Terrasse, dann gibt es dort die Feierabendhalbe mit Panoramablick über den gesamten Simssee.

Gemeinde kaufte Gasthof und Strandbad

Der Haupt- und Finanzausschuss des Gemeinderates hat dem Mietvertrag einmütig zugestimmt.

Gemeinderat? Biergarten? Ja, doch: „Die Gemeinde hat den ehemaligen Waldgasthof und das Strandbad 2012 gekauft“, erzählt Bürgermeister Karl Mair, in Personalunion auch Heimatpfleger, und genießt sichtlich den Blick über den See. Der 1933 angebaute Saal gehört einem Privateigentümer. Als die Gemeinde Gasthof und Strandbad kaufte, standen beide schon Jahre leer.

Probelauf über zwei Sommer

Jetzt beenden die Macher der Simsseer Braumanufaktur den Dornröschenschlaf. „Das passte einfach“, findet Mair. Ein Probelauf über zwei Sommer ist vereinbart. „Mal schauen, was sich entwickelt“, sagt der Bürgermeister am See und sagt der Neu-Wirt Thomas Riedrich am Telefon.

Von der Hütte zum Waldgasthof mit Bad

Aus einer Hütte mit „Sommerschänke“ und Ruderbootverleih hatte sich ab 1900 eine ganze Menge entwickelt. Etwa zehn Jahre später wurde das Waldgasthaus gebaut, mit Fremdenzimmern und einer Gaststube. „Alle Zimmer sind mit Blick auf den See und die Berge“ warb später die Besitzerfamilie Wurzer. „In der Wirtschaftswunderzeit war hier richtig was los“, weiß Mair zu berichten, damals machte der Stephanskirchener Fremdenverkehrsverein mit einer Trachtengruppe bundesweit Reklame für die Gemeinde am Simssee. Zuvor war die Holzterrasse vor der Gaststätte entfernt worden, 1925 schon, am Ufer wurde aufgeschüttet und die heutige Fläche vor der Wirtschaft geschaffen. 1933 kam der Saal dazu, die Freischankfläche wuchs noch ein Stück.

Strandbad und Waldgasthof Liebl in den 1960er Jahren auf einer Postkarte. Der Biergarten vor dem Gasthof wird in kleinerer Form jetzt wieder geöffnet. Hampel

Damen ziehen sich oben um, Herren unten

Damit es Badegäste auch kommod hatten, entstand 1929 die Badekabinenanlage. Zweistöckig. „Oben die Damen, unten die Herren“, erzählt Mair schmunzelnd. Zum Erfolg des Waldgasthofes Liebl mit Badenastalt und Pension trug sicher auch bei, dass es von den 1930er bis 60er Jahren in Spuckweite der Anlage eine eigene Bahnstation „Simssee“ gab.

Rimini statt Simssee

Irgendwann war die Bahnstation weg, die Bundesbürger fuhren nach Rimini oder Bibione, der Simssee war als Urlaubsziel nicht mehr so gefragt. Es wurde mit den Jahren immer stiller um den Waldgasthof. 2012 kaufte „diesen Ort mit viel Tradition in Seelage“, so Mair, damals Mitglied des Gemeinderates. Den angeschlossenen Saal hatte sich da bereits ein Privatmann aus München gesichert.

Es habe vereinzelte Anfragen zur Nutzung gegeben, erinnert sich Mair, auch Überlegungen von Studenten der TH Rosenheim, aber nichts Konkretes. Die Gebäude verfielen leise vor sich hin, Bis die Simsseer Baumanufaktur auf die Gemeinde zukam.

Nur Biergarten, Gasthof bleibt zu

Mitte Juli soll es losgehen, sechs Wochen lang donnerstags bis sonntags „von elf bis elf“ und coronabedingt mit wenigen Plätzen. Ist vielleicht auch ganz gut so, denn die Braumanufaktur hat nur die Außenfläche gemietet. Die Bausubstanz ist zwar nach Einschätzung Mairs in Ordnung, sämtliche Versorgungsleitungen sind aber sanierungsbedürftig.

Getränke gibt‘s durchs Fenster

In der komplett leeren Küche stehen laut Riedrich, im Hauptberuf Apotheker, im Nebenberuf Biermacher und nun noch Wirt, nur Getränkekühlschränke und eine Spülmaschine für die Gläser. Die Geträne wwerden durchs Fenster verkauft. Die sanitären Anlagen der Wirtschaft sind im Saal, stehen damit nicht zur Verfügung, ein Toilettenwagen wird aufgebaut.

Vroni Lutz sorgt fürs Essen

Biergarten ohne Essen geht nicht. Das aber konnten Riedrichs nicht auch noch übernehmen, suchten sich mit der Riederingerin Vroni Lutz eine erfahrene Partnerin. „Die hat sofort zugesagt und vor lauter Begeisterung gleich einen Foodtruck gekauft“, lacht Riedrich. Gepflegt regional soll‘s werden, die Currywurst bleibt außen vor.

Nachbarn freuen sich auf Wiederbelebung

Die Nachbarn freuen sich, dass wieder Leben im Wirtshaus einzieht, erzählt Riedrich. Damit das auch so bleibt, sollten Autofahrer ihr Gefährt schon auf der entsprechend beschilderten Summererwiese abstellen, bittet Riedrich oder „am besten mit dem Fahrrad kommen“. Er freut sich darauf, „diesen tollen Ort wieder zugänglich zu machen.“ Riedrichs größte Sorge: Seine Produktionsstätte stößt an ihre Kapazitätsgrenzen, bei zu großem Ansturm könnte es knapp werden mit der Feierabendhalbe mit Simsseeblick.

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