Faszinosum Brünnsteinhaus

Sepp und Yvonne Tremml sind seit einem Jahr als Pächter auf dem Brünnsteinhaus. Die Alpenvereins-“Hütte“ gehört der DAV-Sektion Rosenheim. Sie lieben das Haus und die Arbeit, besonders aber die stillen Momente dort oben.

Oberaudorf –. Tourismuschefin und Leiter des Bauhofs – das sind keine Null-achtfünfzehn-Jobs, das sind Positionen.

Die gibt man nicht einfach so auf, dafür braucht man gute Gründe. Entweder man ist ausgebrannt und kann nicht mehr – oder aber man sieht Chancen für einen weiteren Karrieresprung.

Ausgebrannt sind Yvonne und Sepp Tremml sicher nicht gewesen, als sie vor gut einem Jahr, genauer im August 2017, das Brünnsteinhaus bei Oberaudorf übernahmen.

Yvonne und Sepp Tremml beantworten die Frage relativ knapp. Sie hätten ihr Herz schon in ihrer Jugend an das Haus und an den Berg verloren, meinen sie und finden ganz offensichtlich, dass damit alles, was man dazu sagen kann, auch schon gesagt ist. Und das stimmt wahrscheinlich auch: Liebe ist eben ein Gefühl, und Gefühle lassen sich schlecht erklären. Allenfalls lassen sie sich nachfühlen.

Man folgt deshalb dem Rat der zwei und setzt sich an diesem strahlend schönen Wintervormittag ein paar Minuten vors Haus auf 1400 Meter Höhe. Wenn der Begriff atemberaubend für irgendetwas zutrifft, dann für diese Aussicht. Der Blick reicht bis weit in die Zentralalpen hinein, Großglockner und Großvenediger sind auszumachen. Alles, was davor liegt, wirkt wie eine Wellenbewegung von immer heller werdenden Blautönen. Das Ganze noch leichter und spielerischer durch Wolken und Dunst, die in den Tälern hängen, und davor der Kontrast von dunklen Bäumen und dem gleißend hellen Schnee. Den Fotoapparat kann man dabei ruhig stecken lassen, denn kein Foto könnte einfangen, warum die Szene wirkt, als habe die Zeit mit einem Mal aufgehört zu vergehen. Es liegt an dieser absoluten Stille, einer Stille, die einem modernen Menschen völlig fremd geworden ist: Kein Laut ist zu hören, kein Auto, kein Mensch, kein Tier, das Ganze ist Landschaft pur, aus der Zeit gefallen und zu reinem Raum geworden.

Nachvollziehbar also, wa rum sich Yvonne und Sepp Tremml im Juli 2017 fühlten, als hätte ihnen das Schicksal ein Angebot gemacht. Schon einmal, 2012, hatte es auf der Hütte einen Pächterwechsel gegeben, schon damals hätten sie die Hütte gerne übernommen, doch sie wussten nicht, „ob’s hebt mit uns zwei“, ob sie diese Aufgabe ihrer damals noch jungen Beziehung zutrauen könnten. Jetzt ein erneuter Wechsel, von dem sie durch einen Ratsch beim Annafest am Nußlberg erfuhren und diesmal reichte ein einziger Blick über die Bierbank hinweg für die Entscheidung: Wir machen‘s.

Er war als Mitglied der Bergwacht sowieso oft oben gewesen, sie hatte als Jugendliche sogar immer wieder mal als Aushilfe auf der Hütte mitgearbeitet. „Ma muss d`Leid hoid megn“, sagen sie. Einfach gesagt, denkt man, doch schwierig getan, wenn sie an schönen Sommertagen nicht einzeln, sondern zu Hunderten kommen. Yvonne Tremml lässt diesen Einwand nicht gelten. Schließlich seien nur ganz wenige wirklich zwieder, wenn sie auf den Berg kämen. „De meisten ham ja Urlaub, gfrein se und san guat drauf.“ Dann erzählt sie: Am letzten Wochenende vor Weihnachten hatte sich noch eine Besuchergruppe angemeldet. Als die eintrafen, hätte Yvonne Tremml drin sitzen bleiben und dann bei ihrem Eintreten ganz dem Klischee der grantigen Hüttenwirtin entsprechend ein „Seids jetzt da“ muffeln können. Stattdessen ging sie raus und sagte: „Schön, dass da seids. Mir gfrein uns und was Warmes zum Trinken hergricht hamma auch.“ Dass sich da die Gäste von Anfang an wirklich willkommen fühlten, ist keine Frage, das entscheidende aber sei, dass deren Freude über den herzlichen Empfang automatisch auf sie selbst zurückwirke.

Von daher erklärt sich auch, warum die beiden so viel Wert auf eine für eine Berghütte ungewöhnlich gute Küche legen, mit immer wieder wechselnden Gerichten vom Schweinebraten über Schupfnudeln und Ochsengulasch bis zum auf einer Hütte wohl ziemlich seltenen Thai Curry, dazu viele Suppen und stets frischen, selbst gebackenen Kuchen. Natürlich könnte man seine Gäste auch mit Wiener Würstl oder einem vorpanierten Schnitzel samt Kartoffelsalat aus dem Eimer satt kriegen. Aber, so Sepp Tremml, „des macht koa Freid“. Er muss es wissen, denn er ist der Koch auf dem Brünnsteinhaus, eine Tatsache, die für ihn mit zu den größten Herausforderungen bei der Hüttenübernahme zählte. Gekocht hat er zwar immer gerne, doch macht es einen Unterschied, ob man ein, zweimal im Jahr für vielleicht 15 Gäste kocht und ansonsten nur für sich, oder ständig für 50, 60, manchmal auch für 100 oder gar 200 Leute.

Schwierig, so erzählt er, war am Anfang vor allem das Einkaufen gewesen. Nach Gefühl einzukaufen ging am Anfang gar nicht, denn da war ein stetes Schwanken zwischen „das reicht doch nie“ und „um Himmelswillen, wohin mit all dem Zeug“. Kein Wunder, schließlich verbraucht er im Sommer an einem schönen Wochenende gut und gern einen Zentner Kartoffeln. Mittlerweile aber hat er das Einkaufen im Griff und ist auch „Meister des Kaiserschmarrns“. Das ist entscheidend, denn vor allem für die Münchner Gäste wird eine Alpenvereinshütte gleichgesetzt mit Kaiserschmarrn und Kaspressknödelsuppe. Beides muss es einfach immer wieder geben, sonst ist die Hütte keine Hütte und auf dem Brünnsteinhaus ist deshalb übern Winter hinweg am Mittwoch, am sogenannten Rodelabend, auch immer „Kaiserschmarrn-Abend“.

Bleibt die Frage, woher man auf Dauer die Kraft schöpft, es seinen Gästen schön zu machen und auch beim Kochen immer wieder Kreativität und Einfallsreichtum walten zu lassen. Das geht ja nur, wenn man selbst nicht ausgepowert ist, sondern stattdessen ausgeglichen und gut drauf. Man muss sich also auch entspannen können, was einem vor allem im Sommer, bei vollem Betrieb nicht leicht erscheint.

Die Hütte, so sagen beide, helfe einem dabei und gebe das gratis, wofür man sonst viele schlaue Bücher oder gar Coaching-Seminare bräuchte. Man lerne schnell, die kleinen Freizeiten, die sich zwischendurch immer wieder mal finden, ganz intensiv zu nutzen: „Da setzt man sich dann mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen in ein Eck, schaut in die Landschaft und ist nur noch im Augenblick, ist ganz und gar im Jetzt.“

Auch mit dem Tagesablauf sind die beiden zufrieden. Man ist abends körperlich müde, aber man ist nicht auch noch geistig ausgelaugt, ist im Kopf nicht schon beim nächsten oder gar übernächsten Tag. Wenn abends die Küche aufgeräumt und geputzt, wenn das nötige fürs Frühstück der Übernachtungsgäste hergerichtet ist, dann ist das heutige Tagwerk beendet. Der nächste Morgen beginnt dann, an diesem Ritual halten die beiden eisern fest, mit einem gemeinsamen Frühstück ohne Zeitdruck.

Und noch einen ganz wesentlichen Punkt gibt es, der viel von der Faszination des Hüttenlebens erklärt, den man aber wohl nur dann ganz begreift, wenn man selbst einige Zeit auf der Hütte verbracht hat: Je länger man oben ist, desto weiter weg rutschen die Probleme aus dem Tal. Es ist buchstäblich, als würden diese Dinge mit dem Blick aus der Höhe ihre Wichtigkeit verlieren und den Platz frei machen für das wirkliche, das eigene und eigentliche Leben. „Das Dasein kann so schön sein. Schade nur, dass das Wissen darum unten so leicht verloren geht.“

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