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Exklusiv-Interview vor der Premiere

Grenzüberschreitende Leidenschaft: Ein Oberaudorfer komponiert die Musik für die Passionsspiele in Thiersee 

Drei Christusse gibt es in dem Stück: (von links) Sie werden von Christian Juffinger, Leo Lamprecht und Michael Juffinger gespielt.
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Drei Christusse gibt es in dem Stück: (von links) Sie werden von Christian Juffinger, Leo Lamprecht und Michael Juffinger gespielt.
  • VonRainer W. Janka
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Thiersee/Oberaudorf – Die Passion Christi wird heuer wieder in Thiersee in Tirol aufgeführt. Am 12. Juni wird die Premiere in der Vorderthiersee 17 aufgeführt. Im Interview haben der Oberaudorfer Komponist Josef Pirchmoser und Regisseur Norbert Mladek verraten, warum man für den See Genezareth ein Hackbrett und auch sonst satanische Musik braucht, welche Rolle der Davidstern spielt und warum es drei Christusse braucht.

Wie sind Sie beide zu Ihrem Auftrag gekommen?

Norbert Mladek: Über Empfehlung des Regisseurs von 2016, Diethmar Straßer, mit dem ich schon vor 30 Jahren beim Landestheater Tirol zusammengearbeitet habe. Darauf ist eine Abordnung aus Thiersee nach Virgen in Osttirol gekommen, wo ich die „Piefke-Saga“ inszeniert habe – ein Stück, das nicht unbedingt in Verbindung mit einer Passion zu nennen ist (lacht). Danach hat man mich gefragt, ob ich die Passion in Thiersee übernehmen möchte.

Josef Pirchmoser: Ich bin bereits seit acht Jahren Kapellmeister in Hinterthiersee, meine Eltern sind beide aus Thiersee. Ich bin hier also kein Fremder. Ich wurde schon 2016 gefragt, ob ich die musikalische Leitung der Passionsspiele übernehme, was ich sehr gern gemacht habe. Nachdem in diesem Jahr ein neuer Text gefragt war, war auch eine neue Musik vonnöten. Ich empfinde das als eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Es ist was anderes, als wenn man Marsch schreibt. Da muss man in die Materie abtauchen und sich ganz tief reindenken.

Woher nehmen Sie Ihre Inspirationen?

Josef Pirchmoser: Mir hat sehr geholfen, dass ich 1988 eine Reise nach Be’er Sheva in Israel hab machen dürfen, damals war ich Dirigent vom Rosenheimer Landkreisjugendorchester. Und da hatte ich das Glück, alle Originalschauplätze der Passion zu besichtigen: Golgotha, den See Genezareth, den Jordan.

Wie wird sich Ihre Musik anhören?

Josef Pirchmoser: Je nachdem, was sich auf der Bühne abspielt: Es sind Szenen mit Satan, dabei, da wird man kein Liebeslied hören (schmunzelt), Szenen am See Genezareth, die sind – erstmals! - verbunden mit einem Hackbrett. Wir haben Holz- und Blechblasinstrumente und Schlagzeug. Streicher gibt’s keine. Es gibt auch dramatische Szenen, so die Verhaftung und die Verhandlung vor dem Hohepriester, da besteht die Musik natürlich nicht mehr aus Wohlklängen, sondern sie unterstützt die Dramatik der Szenen. Beim Höllenfeuer kann man sich kompositorisch austoben. Es gibt immer wiederkehrende Motive, das Genezareth-Motiv kommt wieder, wenn Jesus übers Wasser geht.

Sind das Zwischenakt- oder Begleitmusiken?

Josef Pirchmoser: Es ist keine Pausenmusik, es ist auch ein großer Chor dabei, es ist mehr wie eine Oper. Die Chorsänger sind miteingebunden als Schauspieler. Während der Musik wird auf der Bühne weitergespielt und weitergeführt in die nächste Szene.

Was sind die Hauptideen der Inszenierung?

Norbert Mladek: Neue Ideen in einer Passion sind natürlich schwierig (lächelt). Der Grundgedanke ist: Das Judentum ist aus dem Christentum entstanden, was sich auch im Bühnenbild widerspiegelt. Der Davidsstern wird als eine Art Steinbruch verwendet. Er ist zerlegbar und aufklappbar, daraus wird die Dornenkrone werden. Nachdem der Davidstern ja aus Dreiecken besteht, werden Kinder diese Dreiecke für den Boden unter den christlichen kathedralähnlichen Strebebögen nehmen: Das Judentum ist die Basis des Christentums.

Sie setzen also auf starke Bilder.

Norbert Mladek: Auf jeden Fall, das ist das, wobei man noch Spielraum hat für das Verständnis bzw. zur Anregung des Nachdenkens.

Wird Christus leiden, zornig oder menschlich sein?

Norbert Mladek: Christus wird als Mensch dargestellt. Auch seine Entwicklung wird dargestellt, wie er zu seiner Berufung, seiner Vision kommt. Das ist ja schließlich gar nicht so einfach: Deshalb fügen wir aus den apokryphen Evangelien eine Kindheitsszene von Christus ein, wo gezeigt wird, wie Jesus draufkommt, dass er besondere Kräfte, Möglichkeiten und Talente hat und wie er sich erst aufraffen muss, das auch anzunehmen. Diesen menschlichen Kampf wollen wir darstellen.

Haben Sie diese Hauptideen schon gekannt, bevor Sie zu komponieren begonnen haben?

Josef Pirchmoser: Ich war mit dem Autor ab den ersten Zeilen verbunden, wir haben uns in Telefonaten und Videokonferenzen ausgetauscht, auch mit Norbert Mladek. Es war von Anfang an dieses Dreierteam da.

Ist dies Ihre erste Passion?

Norbert Mladek: Ja. Seit einigen Jahren gestalte ich aber das Tiroler Adventsingen in Innsbruck mit, in dem wir zeitgenössische Autoren beauftragen, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben aus heutiger Sicht, die in Volksmusik eingebettet ist. Damit war ich schon ein bisschen in die christliche Sphäre eingebunden.

Wie viele Christusse wird es geben?

Norbert Mladek: Wir haben Jesus, das Kind, dann Jesus als Mann und Jesus als Auferstandenen. Beide Jesus-Darsteller können beide Rollen. Der Autor wollte damit darstellen, dass Jesus als Auferstandener ja zuerst nicht als Jesus erkannt wird.

Das heißt: Die Passion erstreckt sich bis zur Auferstehung?

Norbert Mladek: Bei uns ist die Kreuzigung vor der Pause, im dritten Teil geht es von der Auferstehung über das Reich der Toten bis zu Christi Himmelfahrt.

Sind Sie christlich erzogen, beziehungsweise erfahren oder mussten Sie Vieles nachschlagen?

Norbert Mladek: Ich gestehe: Ich musste mich mit vielen Dingen auseinandersetzen, die ich bisher so nicht kannte. Ich bin christlich erzogen, aber das, was ich mir hier aneignen durfte, lässt mich nach mehr suchen.

Sie verantworten die Passionsspiele: Der Komponist Josef Pirchmoser (links) und Regisseur Norbert Mladek.

Was waren die größten kompositorischen Herausforderungen?

Josef Pirchmoser: Die Kreuzigungsszene. Da fange ich mit einem lateinischen Text an: „In honorem crucis“, der von einem dreistimmigen Männerchor gesungen wird. Erst wenn Jesus am Kreuz ist, wechselt der Text auf Deutsch, sodass alle verstehen, was da passiert ist, und dass alles, was den christlichen Glauben ausmacht, da ja erst losgeht: die Auferstehung nämlich. Die Kreuzigung ist ja vor der Pause, dann fragt man sich: Was soll da noch kommen? Da kommt aber das Wichtigste, die Auferstehung, sonst hätte der christliche Glaube ja gar keinen Sinn.

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