Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Harte Zeiten auch in Aschau und Umgebung - Flüchtlinge im Schulhaus

Erinnerungen an die Nachkriegszeit

Helgard Mohr liest aus ihrer "Lebensreise". Foto re
+
Helgard Mohr liest aus ihrer "Lebensreise". Foto re

Aschau - Das vierte Erzählcafé im Seniorenheim Priental fand zum Thema "Kriegsende - Beginn der Friedenszeit" unter der Moderation von Maria Anna Willer statt. Bei strahlendem Frühlingswetter trafen sich im Wintergarten der Senioreneinrichtung Besucher und Bewohner, um über ihre Erinnerungen zum Kriegsende und den Monaten danach zu erzählen oder aus Geschriebenem vorzulesen.

"Damals im Mai 1945 war es kalt, wir hatten sogar Schnee", erzählt eine Teilnehmerin gleich zu Beginn. Die Zeitzeugen erlebten das Kriegsende in unterschiedlichen Gegenden, entsprechend rege gestalteten sich der Austausch und die Beiträge des Erzählnachmittags. Detailgenau ist die Schilderung Helgard Mohrs, die als Neunjährige mit zwei Geschwistern und ihrer Mutter aus Berlin evakuiert und auf einem Gutshof in Mecklenburg untergekommen war und dort die russische Besetzung erlebte. Es waren ihr kleiner, naiver Bruder, der die russischen Soldaten freimütig zum Essen einlud und eine polnische Zwangsarbeiterin, die die Familie vor Übergriffen bewahrte. Mohr hat ihre Lebenserinnerung in dem Buch "Lebensreise" fest gehalten, beim Erzählcafé las sie daraus vor.

Aschauerinnen erzählten vom Kriegsende im Priental, wie Brücken gesprengt werden sollten, die Autobahnbrücke und die Prienbrücke, und dass schließlich doch die weißen Fahnen gehisst wurden. Ein Gemeindediener sei von Haus zu Haus gelaufen, habe die friedliche Kapitulation bekannt gegeben. "Wir hatten keine Schule, weil im Schulhaus Flüchtlinge und Evakuierte aus den Städten untergebracht waren", erzählten sie. Die Notunterkunft wurde schließlich auf Schloß Hohenaschau verlegt. "Dann ging zwar der Unterricht weiter, doch mit bis zu 50 Schülern in einer Klasse. Da fiel es nicht auf, wenn einer fehlte."

Die Erzählungen gingen weiter zur ersten Schokolade, die die amerikanischen Soldaten an Kinder verteilten, an die Erinnerung Einzelner, ständig Hunger gehabt zu haben, und die große Bedeutung von Tabak als Tauschmittel. "Meine Mutter, die nie rauchte, baute Tabak an, trocknete die Blätter und verkaufte oder tauschte sie", so eine Besucherin aus Stephanskirchen.

Hunger gab es auch auf dem Land, auch in Aschau. Wer keine Landwirtschaft und keinen Garten hatte, war auf die knappen Zuteilungen durch die Lebensmittelmarken angewiesen. Ein Aschauer erinnert sich: "Ich war unterernährt. Daher kam ich als etwa fünfjähriges Kind für einen Monat nach Sylt. Dort konnte ich mich das erste Mal in meinem Leben richtig satt essen."

Rudi Godschan, Leiter des Seniorenheims Priental, weiß: "Manche Senioren wollen an diese für sie traumatische Zeit nicht erinnert werden, für andere dagegen ist es hilfreich, darüber reden zu können." Biografiearbeit ist deshalb ein ständiges Angebot im Aschauer Seniorenheim. So findet jeden Donnerstag die "Erzähl- und Schreibwerkstatt für Lebensgeschichten" sowohl für Bewohner der Senioreneinrichtung als auch für Senioren aus Aschau und Umgebung als Kursangebot statt. Zur Veranstaltung des Erzählcafés lädt das Seniorenheim Priental jeweils am letzten Sonntag im Monat ein.

Das nächste Erzählcafé findet am Sonntag, 30. Mai, statt und hat das Thema "Die Zeitung - ihre Zukunft und ihre Macher". Zu Gast ist Rainer Olbert, Redakteur der Süddeutschen Zeitung. re

Kommentare