"Endorphine für den ganzen Tag"

Ein Balanceakt in schwindelerregender Höhe: Julian Mittermaier auf dem Weg zu seinem Weltrekord. Foto RE
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Ein Balanceakt in schwindelerregender Höhe: Julian Mittermaier auf dem Weg zu seinem Weltrekord. Foto RE

Der Brannburger Slackliner Julian Mittermaier stellte vor kurzem auf einer sogenannten Highline mit 224 Metern Länge im Schweizer Kanton Wallis einen Weltrekord auf. Er entthronte damit den Amerikaner Jerry Miszewski, der mit der Überquerung eines 214 Meter langen Bandes der bisherige Rekordhalter war.

Seit 2010 ist das Slacklinen die große Leidenschaft des Maschinenbau-Studenten.

Brannenburg - Die Euphorie überwältigte Julian Mittermaier, nachdem er die letzten Meter der Weltrekord-Länge auf der Highline geschafft hatte. "Ich hatte danach Endorphine für den ganzen Tag", erzählte der 21-jährige Brannenburger. Das Highlinen ist eine spezielle Variante der Sportart Slackline, bei der es darum geht, ein in großer Höhe aufgespanntes Band zu überqueren.

Zirka 40 Minuten lang war Mittermaier 200 Meter über dem Staudamm Mauvoisin im Schweizer Kanton Wallis auf der 2,5 Zentimeter breiten Slackline unterwegs. Beim Aufsteigen auf die Highline hatte der Brannenburger ein sehr gutes Gefühl. Trotz schwieriger äußerer Bedingungen mit Windböen gelang Mittermaier ein sogenannter "Onsight", eine Begehung im ersten Versuch.

Seinen Rekord hat der Bergliebhaber auf einem Band aus Dyneema geschafft, einer Hightech-Faser, die im Vergleich zu Polyester-Bändern weniger Gewicht und weniger Dehnung sowie eine höhere Bruchlast aufweist. Bei Slackline-Rekorden wird wegen der unterschiedlichen Eigenschaften zwischen beiden Materialien unterschieden.

"Neue Längen und die Überwindung, über alte Grenzen hinaus zu gehen, sind sehr interessant", sagt Mittermaier über seine Motivation. Darum entschloss er sich trotz Problemen im linken Knie nach einer Kontaktaufnahme von Slacklinern aus Wallis zu dem Weltrekord-Versuch. "Davor stand ich wegen des Knies drei Wochen lang nicht auf der Slackline."

Nur knappe Vorbereitung

Der Entschluss, zur Staumauer in Wallis zu fahren, stand dann erst eine Woche vor dem Versuch fest. Denn ein Problem bei der Planung von Highline-Begehungen ist laut Mittermaier immer das Wetter. Die knappe Vorbereitung stimmte den Brannenburger dann auch nicht besonders optimistisch. "Um die Höhe, bei der man den Boden nicht sieht, zu simulieren, habe ich mit einer über Wasser gespannten Line trainiert", erzählt er. Hier hatte der Sportler aufgrund der straffen Slackline mit nur fünf Metern Durchhang ein ungutes Gefühl. Schließlich läuft er normalerweise weitaus lockerere Lines, die acht bis zehn Meter in den Hang ragen.

An seinen Erfolg hat Mittermaier darum nicht recht geglaubt und ging so komplett ohne Druck in den Rekord-Versuch: "Mit dem Gedanken, dass ich es sowieso nicht ans Ende schaffe, habe ich es einfach ausprobiert."

Drei Tage nach dem Weltrekord probierte der Regensburger Student an gleicher Stelle sogar eine 276 Meter lange Highline aus. "15 Meter vor dem Schluss bin ich leider gestürzt. Aber auch 260 Meter hat ja noch keiner geschafft."

Fühlte sich Mittermaier bei diesem zweiten - gescheiterten - Rekord-Versuch angespannt, so ist die nervliche Belastung beim Highlinen ohnehin enorm: "Das ist ein mentaler Kampf mit dir selbst, bis der Kopf irgendwann schlapp macht." Da bleibt dem Brannenburger keine Zeit für viel Gedanken: "Auf der Line spüre ich eine komplette Entleerung."

Neben der extremen Konzentration muss beim Slacklinen auf Topniveau auch der Körper gut trainiert sein, um die Spannung halten zu können. Damit hat der sportbegeisterte 21-Jährige aber keine Probleme. Neben zwei bis drei wöchentlichen Slackline-Tagen in der Studienzeit und fünf in den Ferien betreibt Mittermaier nämlich noch andere Sportarten: "Ich turne, klettere, gehe Skifahren und mache alles, worauf ich Lust habe."

Auf einwöchige Slackline-Touren geht der Weltrekordler ungefähr zehnmal im Jahr. In Österreich, der Schweiz, Frankreich, Tschechien, Kroatien und der Türkei hat Mittermaier bereits seine Bänder eingehängt. Aber auch auf die heimischen Berge trägt er sein Material. "Ich war zum Beispiel oft auf dem Heuberg, dem Wendelstein, der Maiwand und dem Lechnerköpfl."

Zu seiner Begeisterung für das Slacklinen ist der Student durch eine Freundin gekommen. Die erste eigene Line war dann zum 18. Geburtstag fällig. Fielen ihm dabei die ersten Schritte noch schwer, steigerte sich Mittermaier stetig und bestieg immer längere Slacklines. Nach den ersten zehn begangenen Highlines in der Wolfsschlucht in Neubeuern war dann selbst bei großer Höhe keine Überwindung mehr nötig. Schließlich baut der Student seine Bänder selbst auf und sorgt auch selbst für seine Sicherung. "Beim Highlinen habe ich zwei Sicherungssysteme. Da kann nichts passieren."

Pläne für neue Rekordversuche hat Mittermaier noch keine. Erst einmal möchte er seine Knie-Verletzung, die ihm weiterhin Probleme bereitet, auskurieren.

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