Einmalig: Schüler verkaufen ihre Kunst

Rohrdorfs Bürgermeister Christian Praxlhatte die Ehre, die erste Schachtel mit einem kleinen Kunstwerk ziehen zu dürfen. Er wählte natürlich den rechten Schacht, in dem sich die Kunstwerke der Montessori-Schüler befinden.

Rohrdorf – Ab wann ist Kunst Kunst? Und ab wann ist man ein Künstler?

Das sind Fragen, die man je nach Gemütslage entweder mit einem Achselzucken abtun oder denen man ganze Doktorarbeiten widmen kann. Für einige Schüler der achten, neunten, zehnten und zwölften Klasse der Montessori-Schule in Rohrdorf ist die Frage ganz pragmatisch beantwortet: Ihr Schaffen ist seit Freitag letzter Woche Teil eines deutschlandweiten Kunstprojektes und wird auch ganz offiziell als „Kunst“ verkauft.

Allerdings nicht in irgendeiner Galerie, sondern in einem sogenannten Kunstautomaten. Der hängt an der linken Ecke des Montessori-Hauses in Rohrdorf, wurde im Rahmen der Montessori-Adventsfeier enthüllt und ist mit seiner Bemalung selbst ein kleines Kunstwerk, wenn er auch von der äußeren Form her seine Vergangenheit als Zigarettenautomat nicht ganz verleugnen kann.

Um die Geschichte, die dahintersteckt, zu beschreiben, muss man ein klein bisschen weiter ausholen, genauer gesagt von Rohrdorf bis nach Potsdam. Dort lebt der Galerist Lars Kaiser, der im Lauf seiner Tätigkeit immer mehr zu der Überzeugung kam, dass Galerien Orte sind, an denen moderne zeitgenössische Kunst im Grunde eher versteckt, denn ausgestellt wird. Zu hoch sei die Hürde für den Normalsterblichen, dort einfach mal reinzugehen und sich nur umzusehen – darf man da tatsächlich einfach nur schauen? Ohne etwas zu kaufen?

Für Lars Kaiser deshalb die Konsequenz: Kunst muss raus aus den Galerien und hin zu den Menschen und am Ende dieser Überlegungen stand die Idee mit den Zigarettenautomaten. Kunst zu kaufen ist nicht schwieriger als Kippen zu ziehen – und günstiger ist es auch noch.

Was man dann in Händen hält, ist mit acht auf fünf Zentimetern zwar nur klein, aber dennoch ein echtes Original: Rund 200 junge Künstler aus Deutschland und den Niederlanden sind derzeit an dem Projekt beteiligt, das bei seinem Beginn vor rund zehn Jahren im Wesentlichen auf Berlin und sein Umland beschränkt war. Mittlerweile aber fangen die Automaten an, sich von dort aus auf ganz Deutschland auszudehnen. Die Montessori-Schule in Rohrdorf hat einen von insgesamt drei Kunstautomaten, die derzeit in Bayern stehen und darf deshalb für sich in Anspruch nehmen, hier ganz vorn mit dabei zu sein.

Der Montessori-Kunst-Automat ist aber auch sonst eine Besonderheit: Er ist der einzige in ganz Deutschland, bei dem Schüler ihre Kunst verkaufen können, was nicht ganz einfach zu bewerkstelligen war.

Aus Sicht der Schule wurde damit die Idee naturgemäß erst so richtig rund: Schüler kommen dadurch nicht nur als Käufer mit Kunst in Berührung, sondern auch als deren Hersteller, was ein ganzes Füllhorn an Themen und Fragen mit sich bringt, die weit über den eigentlichen Kunstunterricht hinausreichen. Das zeigte sich schon bei den Arbeiten für die „Erstbefüllung“ des Automaten. Da ist zunächst die Frage, ab wann Kunst eigentlich Kunst ist? Ist es schon Kunst, wenn man nur für sich selber malt oder ist es dabei wesentlich, dass sie anderen gezeigt wird? Und wenn sie anderen gezeigt werden muss, ist es dann ein Gradmesser für den Kunstgehalt, ob die anderen das Objekt so sehr haben wollen, dass sie dafür Geld ausgeben würden? Überhaupt: Ab wann traut man sich, von anderen Menschen Geld zu verlangen für etwas, das man zunächst nur selbst als gelungen oder schön empfindet? Und nicht zuletzt: Wenn man bei der Arbeit an seinem Kunstwerk schon die Idee im Hinterkopf hat, dass es im Automaten verkauft werden und möglichst vielen gefallen soll – ist das dann noch Kunst?

Dem Wunsch der Schule nach einer Schülerbeteiligung stand der Anspruch der Potsdamer entgegen, in ihren Automaten nur Dinge zu verkaufen, die wirklich einen künstlerischen Anspruch in sich tragen.

Der Kompromiss war, dass die Schüler bei ihrer Arbeit von einem „echten“ Künstler begleitet werden sollten. Den fand man in der Bad Aiblingerin Gretl Gartmaier, ein Glücksgriff, denn sie ist in ihrem künstlerischen Schaffen noch jung genug, um all die Zweifel und Fragen gut nachvollziehen zu können, mit denen junge Künstler zu kämpfen hatten.

Vor allem aber: Sie hat schon seit einiger Zeit die Automaten als Mittel auch für die Verbreitung ihrer eigenen Kunst entdeckt. Von daher war sie, die sonst durchaus gerne großformatig arbeitet, die ideale Frau, um den Kindern aus eigener Erfahrung versichern zu können, dass der Transport von Emotionen und sonstigen Inhalten nicht erst bei Formaten ab DIN-A2 gelingen kann. Die Ergebnisse jedenfalls müssen auch den Potsdamer Urhebern der Automatenidee gefallen haben, denn man behielt sich die Verpackung der Kunstwerke und damit eine gewisse „Endkontrolle“ vor.

Eine eigene Kunstbetrachtung kann man vornehmen, wenn man am Rohrdorfer Automaten bereit ist, zwei Euro zu investieren und hat dabei die Gelegenheit, die Rohrdorfer Schulkunstwerke unmittelbar mit denen der erwachsenen Künstler vergleichen zu können, denn jede Urhebergruppe hat ihren eigenen Schacht im Automaten.

Dass man zum Schluss kommt, dass sich die Schüler dabei nicht verstecken müssen, ist wahrscheinlich, wenn man folgende kleine Begebenheit zum Maßstab nimmt:

Zwei Schüler, so Monika Reischl, die als Kunstlehrerin das Vorhaben maßgeblich mitbetreute, stiegen aus dem Projekt kurz vor Schluss wieder aus. Sie mochten sich von ihrem Kunstwerk einfach nicht mehr trennen. Womit sie zumindest in diesem Punkt in eine Reihe zu stellen wären mit einem ganz Großen der Kunst, nämlich mit Leonardo da Vinci.

Der hat, wie man weiß, seine Mona Lisa auch erst ganz kurz vor seinem Tod an seinen letzten Gönner, den französischen König verkauft, nachdem er sie über Jahrzehnte hinweg auf all seinen Lebensstationen mitgeschleppt hatte.

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