Kriegsende vor 75 Jahren: Eine weiße Fahne als Mahnung in Rohrdorf

Mahnung am Fahnenmast: Bürgermeister Simon Hausstetter erinnert an das Kriegsende. Thomae

Rohrdorf – Aus heutiger Sicht ist der Entschluss Johann Wendlingers am 2. Mai 1945 nur vernünftig.

Die Amerikaner standen mit ihren Panzern bereits bei der Rohrdorfer Autobahnbrücke, hatten dort ein Nachtlager errichtet. Und Wendlinger entschied, den Ort zu übergeben.

Doch sich mit einer weißen Fahne auf den Weg zu machen, wie er es tat, war alles andere als ungefährlich. Viele, die ähnlich handelten wie er, erlitten damals ein tragisches Schicksal, wurden manchmal Stunden vor Kriegsende als „Volksverräter“ erschossen oder aufgehängt. Auch in Rohrdorf war die Situation brenzlig. Peter Reisner, Gründervater des Rohrdorfer Bauernhausmuseums, war damals 13 Jahre alt. Er erinnert sich, dass am Morgen dieses 2. Mai vom heutigen Betonwerk her zwei SS-Leute auf Motorrädern auftauchten. „Nehmen Sie sofort diesen dreckigen Fetzen weg“, habe einer von ihnen seinen Vater angeherrscht, auf das weiße Bettlaken deutend, das aus einem Fenster hing, „oder wir werden Sie erschießen“. Glücklicherweise seien eben in diesem Moment auf der Höhe des Hotels Post US- Panzer aufgetaucht, auf dem ersten Johann Wendlinger mit seiner weißen Fahne sitzend. „Da waren die SSler natürlich sofort weg“, sagt Peter Reisner. Die Amerikaner schossen ihnen hinterher. Es waren die einzigen Schüsse, die bei der Übergabe von Rohrdorf fielen.

Für Simon Hausstetter, den neu gewählten Rohrdorfer Bürgermeister, sind diese Ereignisse des 2. Mai vor 75 Jahren mehr als nur Anekdote. Er sieht darin die Warnung, wie ein Land aus vermeintlich harmlosen Anfängen heraus in eine Lage kommen kann, in der es buchstäblich mit Gewalt befreit werden muss. Eine Erinnerung, die wachgehalten werden müsse, weshalb er für den 75. Jahrestag der Befreiung am Rathaus eine weiße Fahne aufzog.

Eine Gedenktafel erinnert im Friedhof von Baierbach bei Stephanskirchen an die Opfer des Dritten Reiches, darunter Inhaftierte in der Außenstelle des KZ Dachau in Haidholzen. Auch in Stephanskirchen hatte die US-Armee den NS-Spuk am 2. Mai beendet. Daran erinnerten Dr. Thomas Nowotny, Initiator der „Initiative für Erinnerungskultur-Stolpersteine für Rosenheim“, und Ex-Bundestagsabgeordnete Angelika Graf mit einem Kranz.

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