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„Echte Sammler spinnen nur manchmal“ - Zwei Sammler beim Salongespräch in Rohrdorf

Die Leidenschaft kennt kaum eine Grenze: Der Büchersammler Simon Hausstetter sitzt vor einem Fenster, das einst in der Villa von Ludwig Thoma am Tegernsee verbaut war. Der Postkartensammler Christian Poitsch wiederum blickt versonnen auf einen alten Belichtungsapparat sowie einen Lithostein – von denen beiden er, wie er gesteht, durchaus mehrere hat.
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Die Leidenschaft kennt kaum eine Grenze: Der Büchersammler Simon Hausstetter sitzt vor einem Fenster, das einst in der Villa von Ludwig Thoma am Tegernsee verbaut war. Der Postkartensammler Christian Poitsch wiederum blickt versonnen auf einen alten Belichtungsapparat sowie einen Lithostein – von denen beiden er, wie er gesteht, durchaus mehrere hat.
  • VonJohannes Thomae
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30.000 Ansichtskarten hat Christian Poitsch, im Hauptberuf Stadtmarketingchef von Kolbermoor. 20.000 Bücher Simon Hausstetter, Rohrdorfs Bürgermeister. Ist das noch normal? Und was macht eigentlich einen echten Sammler aus?

Rohrdorf – Genau um diese Frage, ob nämlich Sammler spinnen, ging es bei einer Art Salongespräch, das die beiden Herren im Achentaler Heimathaus in Rohrdorf führten.

Und sie waren sich eigentlich einig: Wenn Sammler spinnen, dann nur manchmal und nur ein ganz klein wenig. Denn beim Sammeln ginge es, so ihre Überzeugung, beileibe nicht nur um schnödes „Auch noch haben wollen“. Sondern vor allem um das fortwährende Streben nach immer mehr Erkenntnisgewinn.

Ansichtskarten sind Zeitgeschichte

Ansichtskarten zum Beispiel sind ein Stück Zeitgeschichte, sie verraten eine Menge über die Epoche, in der sie geschrieben wurden. Der Antrieb, sie zu sammeln, sei deshalb immer auch mit dem Wunsch verbunden, mehr darüber wissen zu wollen, erklärte Christian Poitsch.

„Die Karten waren in der Zeit vor und auch noch ein gutes Stück nach dem Krieg das damalige WhatsApp und sie waren fast genau so schnell“, erzählt er weiter. Er habe zum Beispiel eine, da bitte ein junger Mann den Vater seiner Angebeteten, diese am Abend zum Tanz ausführen zu dürfen. Er musste also sicher sein können, dass die Karte noch am selben Tag ihren Adressaten erreichte – bei der damaligen Praxis, die Post mehrmals am Tag zuzustellen, kein großes Risiko.

Manchmal lockt nur die Farbe

Manche Karten verlocken auch einfach wegen ihrer Farben zum Besitz. Zum Beispiel die Karten aus den frühen 50er Jahren, schon farbig, aber noch nicht farbig fotografiert, denn Farbfilm war damals noch unanständig teuer und Schwarzweiß-Karten noch jede Menge in den Lagerbeständen der Händler. Also wurden sie nachträglich koloriert, in Farben, die heute gerade wegen ihrer Bonbon-Ästhetik einen ganz eigenen Reiz entwickeln.

Sammeln bleibt selten eindimensional. Wer Postarten und Druckgrafiken des Künstlers Horst Janssen sammelt, kann an Büchern von und über dieses Genie nicht vorübergehen, meint Christian Poitsch. .

Oder jene Karten, auf denen der Wendelstein zu sehen ist. Hier, so Christian Poitsch, gibt es wohl fast ebenso viele „gefakte“ wie echte, also Karten, auf denen das Wahrzeichen der Region nachträglich hinein retuschiert wurde, um ein bisschen mehr Sommerfrischenambiente zu schaffen. Wer einmal auf eine solche Karte gestoßen ist, meint Christian Poitsch, egal ob falscher Wendelstein oder falsche Farben, hält unbewusst weiter Ausschau, wird in aller Regel auch fündig und ist, ehe er sich’s selbst versieht, zum Sammler geworden.

Mit neuem Sammelgebiet nach Hause gekommen

Ähnlich sieht das Simon Hausstetter. Der berichtete, dass er für einen anderen VHS-Vortrag unlängst in Triest gewesen wäre und dort natürlich Ausschau hielt nach Informationen über die Stadt und ihre Geschichte. Auch hier fügt sich schnell eins zum anderen. Wer nach zeitgenössischen Schilderungen der Stadt sucht, kommt an Ernst Moritz Arndt nicht vorüber, auch nicht an Johann Joachim Winckelmann. Wer dann mitbekommt, dass sich der französische Schriftsteller Marie-Henri Beyle aus Verehrung für J. J. Winckelmann „Stendhal“ nannte, nach dessen Geburtsstadt Stendal, will auch mehr über diesen wissen.

Und schon ist aus einem einfachen Triest-Besuch eine Kette des Wissen-Wollens entstanden, die zudem vielfältige Verzweigungen hat, denn an Schriftstellern und Künstlern, die sich dort aufgehalten haben und über die man mehr wissen wollen kann, gibt es in Triest keinen Mangel. Kurz: Simon Hausstetter beschloss bei seinem Stadtbesuch, in Zukunft sein sammlerisches Augenmerk auch noch auf diese Stadt zu richten.

Seltsame Erwerbungen der Sammler

Dass es dabei manchmal auch zu Erwerbungen kommt, die auf den ersten Blick eher seltsam anmuten, mussten beide allerdings eingestehen. Simon Hausstetter etwa hatte zu dem Abend ein Fenster mitgebracht. Natürlich nicht ein x-beliebiges, sondern eines, das in Ludwig Thomas Villa am Tegernsee verbaut gewesen war. Wer in seiner Büchersammlung jede Menge Literatur über dieses schriftstellerische Multitalent habe, so meinte Hausstetter, könne an so einer Gelegenheit einfach nicht vorübergehen.

Eine altertümliche Klistierspritze hat Simon Hausstetter in seiner Sammlung. Dazu kam er über in Theaterprojekt, bei dem „Der eingebildete Kranke“ von Molière aufgeführt werden sollte. .

Christian Poitsch wiederum schleppte schwer an einem Lithostein, von denen er, wie er gestand, eine ganze Reihe habe, denn auch Ansichtskarten wurden früher in diesem Steindruckverfahren hergestellt.

Nur nicht den Überblick verlieren

Allerdings, so fanden beide, gäbe es für echte Sammler auch eine natürliche Bremse: Den Wunsch nämlich, über die Sammlung auch den Überblick behalten zu können. Viel Zeit und Energie müsse deshalb fürs Archivieren und Katalogisieren verwendet werden. Eine Sammlung habe nur dann wirklich Sinn, wenn man das, was man gerade suche, auch schnell finden könne. Zum Beispiel weil man es herzeigen, ausleihen, oder für eine Ausstellung verwenden wolle.

Die Krönung jeder Sammelleidenschaft, da waren sich beide einig, ist nämlich genau das: Andere an dem Wundersamen und Wissenswerten, das in der eigenen Sammlung aufgehäuft ist, teilhaben zu lassen.

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