Der Kun-Tai-Ko-Großmeisteraus Brannenburg

Das Durchtrennen der Ananas bei verbundenen Augen ist Show und erfasst dennoch den Kern des Kun-Tai-Ko: Geist und Körper sind zu einer Einheit geworden und das Schwert zu einem Teil davon.
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Das Durchtrennen der Ananas bei verbundenen Augen ist Show und erfasst dennoch den Kern des Kun-Tai-Ko: Geist und Körper sind zu einer Einheit geworden und das Schwert zu einem Teil davon.

Weil er sein Temperament zügeln und körperlicher fitter werden wollte, begann sich Norbert Punzet (72) aus Brannenburg, sich in den Siebzigern für Kampfsport zu interessieren. Damals lernte er seinen „Maitre“ und den Erfinder des Kun-Tai-Ko, Lucien Ott, kennen – und wurde selbst zum Großmeister.

Von Johannes Thomae

Brannenburg – Die Diskrepanz könnte größer nicht sein: Der Herr, der einem gegenübersitzt, wirkt nicht wie ein 72-Jähriger. Er sieht mindestens zehn Jahre jünger aus und ist bis in die allerletzte Faser seines Körpers gestählt und von lebhaftem Temperament. Dennoch strahlt er Ruhe, Freundlichkeit und Abgeklärtheit aus – und ist dabei derselbe Norbert Punzet, der als junger Mann „einfach durch die Tür brach“, wie er erzählt, als sich seine Freundin nach einem Streit im Bad eingeschlossen hatte.

In diesen jähzornigen Impulsen erkannte der junge Punzet seinen Vater wieder und wusste früh: So will ich nicht werden. Dennoch war es nicht die Suche nach Selbstbeherrschung, die ihn Anfang der Siebziger in Brannenburg mit einem Meister der asiatischen Kampfkunst zusammenführte. Es war schlicht das Bemühen um mehr körperliche Fitness nach einer längeren Phase beruflicher Schreibtischarbeit. Aber doch eine schicksalhafte Begegnung, die für Punzet ebenso viel geistigen Wandel wie körperliche Entwicklung mit sich brachte.

Vom Meister persönlich ausgebildet

„Maítre“ Lucien Ott, der sein Lehrer wurde, muss eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein: Fremdenlegionär, Bodyguard von de Gaulle, Stuntdouble beim Film, Sicherheitsbeauftragter bei den Olympischen Spielen in München. Und – vor allem – der Erfinder des Kun-Tai-Ko. Dabei handelt es sich um eine Verknüpfung verschiedener Kampfsportarten, wie zum Beispiel Judo, Jiu-Jitsu, Karate, Kickboxen zu einem harmonischen Ganzen. Im Kun-Tai-Ko führt der Sportler Bewegungen nicht aus, er ist die Bewegung selbst.

Vom Schüler zum Meister

Von alldem sei Norbert Punzet weit entfernt gewesen, als er die ersten Trainingsstunden bei Lucien Ott absolvierte. Er habe nur gesehen, was dieser vollbrachte, zum Beispiel beim sogenannten Bruchtest, dem Zerschlagen mehrere Bretter mit der bloßen Hand und folgte dem Versprechen seines Lehrers: „Ich werde auch Euch auf ein Niveau bringen, von dem ihr Euch heute gar nicht vorstellen könnt, es je zu erreichen.“ Knapp fünfzig Jahre später, hat Norbert Punzet so gut wie alles erreicht, was man in diesem Sport erreichen kann. Er ist Shihan, also Großmeister, trägt den Ehrentitel eines Soke und ist damit derjenige, der das Wissen des Gründervaters weiterträgt. Die Liste der Auszeichnungen füllt zwei eng beschriebene Schreibmaschinenseiten. Und was das Niveau des Könnens anbelangt, so wird das für den Laien vielleicht am ehesten sichtbar bei jener Vorführung, auf der er bei verbundenen Augen mit einem scharfen Schwert auf dem nackten Oberkörper eines Liegenden eine Ananas spaltet.

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Die Sinne schärfen durch hartes Training

Norbert Punzet hat dann kein Schwert in der Hand. Er ist das Schwert, spürt, wenn es die harte äußere Schale der Frucht durchtrennt, das weichere Fruchtfleisch und schließlich die untere Schale erreicht – knapp über dem Bauch des Liegenden. Dahinter steckt, sagt Norbert Punzet, unendlich viel Training. Aber die entscheidende Grenze zwischen Körper und Geist, fällt dann, wenn man das Üben nicht mehr als ein Übel auf dem Weg zu einem ersehnten Ergebnis sieht, sondern schon als Ziel an sich.

Deshalb, so sagt der 72-Jährige, sind die Schüler, die zu ihm kommen, eher selten diejenigen, „die schnell lernen wollen, wie man besser zuschlägt“. Die gibt es auch, und er berichtet von einer Motorrad-Gang, die sich einmal bei seinen Übungsstunden eingefunden hätte, von denen aber nach drei Terminen keiner mehr da war: „Denen war das zu viel Übung, die wollten den schnellen, unmittelbaren Erfolg.“

Mentale Grenzen überwinden

Die meisten, die zu ihm kommen, suchen nicht nur körperliche Fähigkeiten, sondern ahnen zumindest, dass da auch geistiges Entwicklungspotenzial besteht. Es gehe laut Punzet beim Kun-Tai-Ko immer darum, mentale Grenzen zu überwinden.

Frauen, so sagt Norbert Punzet die sich bei ihm in Selbstverteidigung ausbilden lassen, müssten oft zunächst lernen, die Faust zu ballen. Und dann damit notfalls zuzuschlagen. Andere wiederum, genau diesem Impuls zunächst einmal zu widerstehen. Auch Norbert Punzet hat für sich gelernt, sein Temperament zu zügeln. Wesentlich für ihn war dabei die Erkenntnis, dass es in diesem Sport kein „Jetzt ist das Ziel erreicht“ gibt, sondern nur Stufen, von denen aus sich neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen – und das in jedem Alter.

Gruppen- und Einzelunterricht in Brannenburg

Diese Art von Demut ist auch ein Kennzeichen der Samurai, und damit wesentlicher Inhalt des Shin-Ken-Ryu-Do, des klassischen Schwertkampfes als ein Teil des Kun-Tai-Ko, dem sich Norbert Punzet besonders verbunden fühlt. Das lehrt er auch in Brannenburg in Gruppen, aber auch in individuellem Einzelunterricht. Den Erfolg dieser Kurse – und auch die Persönlichkeit von Norbert Punzet – beschreibt ein Schüler dabei so: „Shihan Norbert kann gut erklären, müsste aber eigentlich gar nicht viel reden – er strahlt sein Wissen und sein Können aus.“

Was ist Kun-Tai-Ko?

Kun-Tai-Ko ist eine Verknüpfung verschiedener Kampfsportarten, wie zum Beispiel Judo, Jiu-Jitsu, Karate, Kickboxen zu einem harmonischen Ganzen und wurde von Lucien Ott erfunden. 1973 gab es den ersten Kurs in der Wendelsteinhalle in Brannenburg. Näher kommt man dem Wesen von Kun-Tai-Ko, wenn man das Wort übersetzt: „Kleiner mächtiger Körper“ heißt es, und meint, dass es hier nicht um schiere Kraft geht, auch nicht um in Fleisch und Blut übergegangene Bewegungsabfolgen, sondern dahinter steckt die Aufhebung der Trennungslinie zwischen Körper und Geist: Im Kun-Tai-Ko geht es nicht darum, dass der Sportler Bewegungen ausführt, er ist die Bewegung selbst.

Norbert Punzet ist Shihan (Großmeister) im Kun-Tai-Ko.

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