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Ein Spaziergang durch die Werkstatt in Brannenburg

Der Daniel Düsentrieb des Inntals: Wie der 89-jährige Tüftler Eduard Schicke alte Autos wieder fit macht

Mit seiner DKW stiehlt Eduard Schicke am Sudelfeld allen Motorradfahrern die Schau.
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Mit seiner DKW stiehlt Eduard Schicke am Sudelfeld allen Motorradfahrern die Schau.
  • VonKarin Sönmez
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„Warum wollen Sie denn so alte Autos in die Zeitung bringen?“, fragt Eduard Schicke aus Brannenburg (89). Das Argument, dass so viel Kreativität und Erfindergeist eine Geschichte ist, lässt er zählen und beginnt mit der Führung.

Brannenburg – Eduard Schicke zeigt auf eine Dampfwalz. Gestern sei sie fertig geworden. Das Modell habe es in dieser Form nie gegeben. Es sei eine „Fantasieproduktion“ in Anlehnung an Dampfwalzen um das Jahr 1830. Eigentlich wollte er keine Dampfwalze bauen. Doch sein Kompressor sei kaputt gegangen und der Kessel zu schade zum Wegwerfen gewesen. Und schon war die Idee mit der Dampfwalze geboren.

Die Räder hat Schicke aus einem alten Heizkessel geschnitten, das Lenkrad aus der Waschmaschinentrommel und der Schornstein war einmal ein Ofenrohr. „Die Walze ist zwar kein Originalnachbau, aber dafür hat sie was Besonderes: Sie ist ganz modern, denn sie wird elektrisch betrieben“, sagt der Tüftler.

Ein Tag fahren und zwei Tage reparieren

Neben der Walze steht ein weiteres Prachtstück: Ein BMW 319 Baujahr 1937 – angemeldet und mit frischem TÜV. Bei einer kürzlichen Ausfahrt sei die Wasserpumpe jedoch undicht geworden. „Ein Tag fahren, zwei Tage reparieren“, gibt der Autobauer zu. Am Anfang habe er mit einem Jahr Konstrukteur-Arbeit gerechnet. Am Ende seien zwei Jahre daraus geworden.

Stolz nennt der Automechaniker die technischen Daten: „Mit 6 Zylindern und zwei Litern Hubraum kam der mit seinen 60 PS auf 160 km/h Spitzengeschwindigkeit – und das bei den Straßen damals!“ Vorkriegsoldtimer sind aufgrund des Alters und der geringen Stückzahl eher Mangelware, deshalb gibt es auch keine Ersatzteile mehr. Das stört Eduard Schicke wenig. Aufgebaut hat er den seltenen Wagen auf dem Originalfahrgestell und mit dem Originalmotor.

Mit Hilfe eines Blechrohlings werden die eleganten Kotflügel geformt.

Nur das Holzlenkrad habe er auf eBay erstanden. Blechteile, Fenster und Verdeck seien Handarbeit. Auch die Kühlergrill-Doppelniere sei handgemacht: mit dünnen Blechstäben. Um die großen Blechteile in die richtige Form zu bekommen, habe er ein eigenes Verfahren entwickelt: Nach Fotos und Originalmaßen fertigte er einen Prototyp aus Styropor. Dann goss er ein Negativ aus Beton, womit er einen Blechrohling anfertigte. Darauf entstand der Kotflügel und andere Teile.

Er führt durch seine „schöpferische Unordnung“

Um den Blechrohling vorzuführen steigt der 89-Jährige die Treppe in den Keller hinab. Er verweist auf seine „schöpferische Unordnung“ und erklärt, dass einige der Teile als Reserve für seinen „Bulli“ aufbewahre werden würden. Wie etwa eine Vorderachse, denn die würde bei den alten VW-Bussen öfter mal durchrosten.

Postwendend turnt er wieder nach oben, um seinen „Dienstwagen“ zu präsentieren: Ein topgepflegter VW-Bus T1, Jahrgang 1957, der TÜV-Stempel ist vom April dieses Jahres. Den Bus benutze er, wenn er größere Teile transportieren muss. Der Mann beim TÜV freue sich jedes mal, wenn er mit seinem historischen Auto vorbeikommt. Ebenso wie bei seinen anderen Sammleobjekten, seien auch hier einige Teile handgefertigt. Das Bodenblech sei eines Tages durchgerostet. Doch mit seiner Abkantmaschine und einem Blech habe schnell ein neues, mit vielen Stabilisierungswellen versehenes, Bodenblech zurechtgebogen. Das habe er dann fachgerecht eingeschweißt.

Herr Schicke mit seinem VW Bulli von 1957.

Neben dem VW-Bus steht das Motorrad des Bastlers: Eine DKW-RT mit drei PS und 125 Kubikzentimeter Hubraum. „Wenn ich damit auf der Motorradstrecke am Sudelfeld auftauche, schauen alle“, sagt Schicke. Am Parkplatz könnten die tollsten Maschinen stehen, aber alle kämen zu ihm, um seine „treue DKW“ zu bestaunen.

Dass sich der Sammler mit vielen Automarken auskennt, sieht jeder, der in seiner Werkstatt steht. Neben dem Bulli parkt ein Fiat Topolino Kombi, Jahrgang 56. Das Auto hat eine besondere Bedeutung für Eduard Schicke: Seine Tochter ist darin zur Welt gekommen. Seine Frau war früher Krankenschwester in einer Münchner Klinik, in der sie auch ihr Kind gebären wollte. Deshalb sei das Eherpaar bei Beginn der Wehen in Brannenburg losgefahren. Bis nach München habe es die Kleine aber nicht mehr ausgehalten. Die inzwischen längst erwachsene Tochter habe ihren Vater überredet, sie diesen Sommer bei einer Fahrt an den Bodensee zu begleiten – nicht mit einem Oldtimer, sondern mit einem Fahrrad ohne Motor, wie der 89-Jährige betont.

Nur im Fiat 850 Spider fährt seine Frau mit

Er schiebt das jüngste Mitglied der Oldtimerfamilie aus dem Carport: Einen Fiat 850 Spider, Baujahr 1970. „Der ist auch etwas ganz Besonderes, denn das ist der Einzige von meinen Schätzen, in den auch mal meine Frau einsteigt“, sagt Schicke. Der besondere Reiz, die schönen Fahrzeuge zu bauen, liege für den Allroundhandwerker vor allem darin, immer wieder neue Hürden zu überwinden. Er begründet seinen Hang zum Tüfteln damit, dass seine Familie nach dem Krieg aus Jugoslawien fliehen musste. Aufgrund der ärmlichen Verhältnisse sei bei vielen Dingen Improvisationstalent gefordert gewesen.

Die Heimat wertschätzen

Das habe seine ganze Lebenseinstellung beeinflusst. Denn neben dem Spaß am Basteln sei ihm wichtig, das wertzuschätzen, was er hat. „Wozu muss ich denn nach Hawaii fliegen, so wie mir einst ein Freund vorgeschlagen hat? Ich genieße es, dass es hier so schön ist. Man kann in die Berge gehen, Ski- oder Radfahren, wir haben so viele schöne Seen und eine wunderbare Landschaft. Dafür bin ich einfach dankbar.“

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