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Demokratie fing mit freier Presse an

Interessiert hörten Gäste und Bewohner den Erzählungen um das Kriegsende 1945 in Bad Endorf zu. Foto re
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Interessiert hörten Gäste und Bewohner den Erzählungen um das Kriegsende 1945 in Bad Endorf zu. Foto re

"Die Amerikaner kamen am 3. Mai nach Endorf. Die Besetzung ging schnell, sie quartierten sich in der damaligen Gastwirtschaft 'Münchner Kindl' ein", so die übereinstimmenden Berichte von Besuchern des vierten Bad Endorfer Erzählcafés im Katharinenheim Bad Endorf. Die Organisatorin der monatlichen Veranstaltungsreihe, Marianne Willer, hatte diesmal zum Thema "Kriegsende 1945 - Beginn der Friedenszeit" eingeladen. Im gut besuchten "Café Nähstüberl" erzählten Besucher und Heimbewohner.

Bad Endorf - Anhand von Zeitungsberichten weckte Willer die Erinnerung der Besucher. Die letzte Ausgabe des "Rosenheimer Anzeiger", das der nationalsozialistischen Regierung gleichgeschaltete Presseorgan der Region, erschien am 1. Mai 1945. Von "Pflichterfüllung, Führertreue und Kameradschaft" handelt der damalige Leitartikel. Dann gab es keine Zeitung mehr, sondern nur Bekanntmachungen der amerikanischen Militärregierung. Die erste datiert in Rosenheim vom 2. Mai 1945. Darin werden Ausgangssperren sowie die Ablieferung von Waffen, Rundfunksendern und Brieftauben angeordnet. Auch die Meldepflicht aller Wehrmachtsangehörigen wird befohlen.

"An diese Plakate kann ich mich gut erinnern, sie hatten mindestens DinA2-Größe und hingen auch in Bad Endorf aus", erzählt Hans Schmid. Er berichtete, wie erschüttert er war, als er als zwölfjähriger Bub kurz vor Kriegsende einen bewachten Zug von "vielen zerlumpten und abgemagerten Gestalten" durch Endorf gehen sah. Es waren Häftlinge des Konzentrationslagers (KZ) Buchenwald, die auf dem sogenannten Todesmarsch von KZ-Wachmannschaften nach Süden getrieben wurden. Bei Surberg im Landkreis Traunstein wurden sie am 3. Mai ermordet. Ein Gedenkstein erinnert dort heute an die 66 Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. "Einen fanden wir tot mit einem Stück Brot in der Hand in Arxtham am Waldrand", so Hans Schmid. "Wahrscheinlich hat ihm jemand das Brot zugesteckt, woraufhin die Wachleute ihn an Ort und Stelle erschossen."

Johann Zeller erlebte das Kriegsende als Elfjähriger in Würzburg. Der Bewohner des Katharinenheims hatte seine Erlebnisse im Rahmen der "Erzähl- und Schreibwerkstatt", einem wöchentlichen Beschäftigungsangebot des Seniorenheims, zu Papier gebracht. Seine Geschichten handeln von der großen Wohnungsnot in der von Bomben zerstörten Stadt und wie es ihm einmal mit seinem Großvater gelang, ein Fass voller Schnaps zu "organisieren". Auf den verlassenen Schienen der Eisenbahn rollten sie es acht Kilometer weit, denn es fuhren keine Züge mehr. "Schnaps war kostbar, es war das Tauschmittel Nummer eins, genauso wie Tabak", so Zeller.

OVB erscheint am 26. Oktober 1945

Fast sechs Monate lang gab es keine Zeitung in der Region. Am 26. Oktober 1945 erschien die erste Ausgabe des "Oberbayerischen Volksblatts für den Inn,- Chiem-, Mangfall- und Isengau". Sie erschien damals zweimal wöchentlich. Als sechste Zeitung hatte das OVB die Lizenz von der "Nachrichtenkontrolle der Militärregierung Ost" erhalten, so Marianne Willer, die eine Kopie der Erstausgabe vorstellte. Mit Spannung hörten die Teilnehmer des Erzählcafés die geschriebenen Worte des damaligen Herausgebers und des Redakteurs, Leonhard Lang und Ernst Haenisch, zur Erstausgabe: "Als freie, unabhängige Zeitung stehen ihre Spalten allen Religionsgemeinschaften zur Verfügung. Obwohl an keine politische Partei gebunden, sehen es Redaktion und Verlag doch als ihre vornehmste Aufgabe an, die Leserschaft wieder mit demokratischen Grundsätzen vertraut zu machen."

Das nächste Bad Endorfer Erzählcafé findet am Samstag, 29. Mai, um 14 Uhr im Café Nähstüberl des Katharinenheims statt. Dann geht es um heitere Geschichten über Bad Endorf von Luise Rupprecht, die heute selbst im Katharinenheim wohnt. re

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