Daten für die verflixte letzte Meile

Auf einen Klick im Smartphone den kompletten Weg vom Heimatort bis ans Urlaubsziel oder zu einer Sehenswürdigkeit finden: Das ist das Ziel von "AlpInfoNet".  Foto LKZ
+
Auf einen Klick im Smartphone den kompletten Weg vom Heimatort bis ans Urlaubsziel oder zu einer Sehenswürdigkeit finden: Das ist das Ziel von "AlpInfoNet". Foto LKZ

Nicht einmal jeder zehnte Gast kommt mit der Bahn in die Urlaubsregion rund um den Chiemsee. Eine Hürde für die Anreise mit der Bahn ist das, was Fachleute die "letzte Meile" nennen.

Im Internet finden Urlauber zwar die Verbindungen vom Heimatort bis zu einem Bahnhof in der Region - aber dann keine Informationen, wie sie von dort in ihr Hotel, ihre Ferienwohnung oder zu einer Sehenswürdigkeit kommen. "AlpInfoNet" soll das ändern.

Prien/Chiemsee - Den Touristen, aber auch Tagesausflüglern aus dem Umland nachhaltige Anreiseinformationen als Alternative zum eigenen Auto, Informationen zur sanften Mobilität vor Ort und zu den Sehenswürdigkeiten aus einer Hand bieten - das ist die Zielsetzung des Projekts, das zu drei Vierteln aus einem Fördertopf der EU finanziert wird. Gelingen soll das durch die Vernetzung aller Mobilitätsanbieter, von der Bahn über den Regionalverkehr Oberbayern (RVO) bis hin zu Taxifahrern und Fahrradverleihern.

13 Partner aus fünf Alpenländern arbeiten seit zwei Jahren an "AlpInfoNet", jetzt geht es um die schwierige technische Umsetzung in fünf Pilotregionen. Eine davon ist der Chiemsee samt Umland, also die Landkreise Rosenheim, Traunstein, Berchtesgadener Land und der österreichische Nachbar Salzburg.

Die Projektverantwortung für die Pilotregion Chiemsee liegt beim Priener Logistik-Kompetenz-Zentrum (LKZ). Dort diskutierten jetzt rund 40 Vertreter aus Politik, Tourismus und von Verkehrsbetrieben über die technische Umsetzung.

"Eigentlich gibt es hervorragende Möglichkeiten, aber keiner weiß es", brachte Harry Seybert vom bayerischen Innenministerium den Status quo auf den Punkt. Mobilitätsangebote sind zwar reichlich vorhanden, aber sie verteilen sich auf unzählige Seiten und Plattformen im Internet - und der "User" unter den Urlaubern gibt bald auf, weil ihm die Recherche zu mühsam wird.

"Wir brauchen Daten, Daten, Daten", gab deshalb LKZ-Geschäftsführer Karl Fischer als Losung für die nächsten Monate aus. 40 Personen werden in thematisch ausgerichteten Arbeitsgruppen die gemeinsame Datenbank mit Informationen füttern und darauf achten, dass diese auch stimmen. Denn auch falsche Daten sind Stolpersteine. Fischer nannte als Beispiele ein Hotel, dass nach Umbau einen neuen Namen bekam, aber im Netz noch unter dem alten geführt wurde und deshalb nicht zu finden war, und eine Internet-Plattform, in der der Fußweg von der Schiffsanlegestelle zum Schloss Herrenchiemsee mit 43 Minuten angegeben wird. Das dürfte manche vom Besuch abschrecken. Tatsächlich ist die Gehzeit nur etwa halb so lang.

Trotz der Fülle von Informationen muss "AlpInfoNet" einfach und klar sein, forderten im LKZ unter anderem Christina Pfaffinger, Geschäftsführerin der Chiemsee-Alpenland Tourismus GmbH, Peter Stocker, Inhaber des Seehotels "Wassermann" Seebruck und Traunsteiner Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands, sowie Veit Bodenschatz, Geschäftsführer der RVO GmbH. Gelingen soll dies auf der Grundlage des "DEFAS"- (Durchgängig Elektronische Fahrgastinformations- und Anschlusssicherungs-) Systems der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG). Nutzer können darauf unter www.BayernFahrplan.de zugreifen.

Peter Miller, von der Mentz-Datenverarbeitung, die "DEFAS" betreut, und Thomas Haberer von der BEG gaben im LKZ einen Einblick in die technische Umsetzung. Es soll bewusst keine neue Plattform aufgebaut werden, sondern "AlpInfoNet" soll bestehende und bekannte Netzwerke nutzen und verknüpfen. Nur so könne das System nachhaltig, auch über die Projektlaufzeit hinaus, funktionieren, sind alle Beteiligten überzeugt.

Die Verknüpfung soll mit Hilfe einer eigens entwickelten elektronischen Werkzeugkiste ("Toolbox") erfolgen, aus der sich die Pilotregionen bedienen. Mit den Werkzeugen können die existierenden Informationssysteme von Hotels, Verkehrsbetrieben oder Tourismusverbänden recht einfach erweitert werden, auch Verknüpfungen zwischen zwei oder mehreren Systemen sind möglich.

Im "AlpInfoNet" sollen die Routen, zum Beispiel zu Sehenswürdigkeiten, künftig unter anderem über OpenStreetMap (OSM) als Kartenlayer detailliert vom Ausgangspunkt bis zum Ziel auf einer Plattform mit allen Verkehrsmitteln, Umsteigemöglichkeiten und weiteren Infos dargestellt werden, sodass die verflixte letzte Meile sichtbar wird.

Es wird ein sogenanntes "Anreisewidget" (grafisches Oberflächenfenster für Computer) programmiert, das unter anderem auf "DEFAS" zugreift und kostenlos für alle Leistungsträger in der Hotellerie und Gastronomie zur Verfügung stehen wird. Die wiederum können dieses "Widget" in ihre Homepage einbinden, unter dem Motto "So kommen Sie zu uns ohne Auto".

Die Protagonisten glauben fest daran, dass dann mehr Urlauber den Pkw zuhause lassen und umweltschonender anreisen. "Der Radl- und Wander-Boom kommt erst noch, umso wichtiger sind alternative Reiseangebote", ist zum Beispiel Hotelier Stocker überzeugt.

Kommentare