Drogenbeauftragte der Bundesregierung

Hass und Hetze im Netz: Was die Rosenheimer Abgeordnete Daniela Ludwig aushalten muss

Immer mehr Politiker beklagen die Hetze gegen ihre Person im Internet.
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Immer mehr Politiker beklagen die Hetze gegen ihre Person im Internet.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Rosenheim - Im Internet über die sozialen Medien angepöbelt zu werden: Das kennt die Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU) als Drogenbeauftragte der Bundesregierung nur zu gut. Wie sie damit zurechtkommt, wie die Sitten verrohen: darüber sprach sie mit den Heimatzeitungen des OVB.

Kümmern Sie sich selbst um Ihr Facebook-Konto?

Daniela Ludwig: Man kann sagen: Es steckt viel Eigenleistung in meinen Social Media Accounts. Komplett selber mache ich Twitter, Instagram mache ich zu 90 Prozent selber. Facebook nicht zu hundert Prozent, sondern mit einer Mitarbeiterin, weil wir da öfter auch längere Texte rein stellen.

Woher nehmen Sie die Zeit?

Ludwig: Die muss man sich als Person des öffentlichen Lebens heute nehmen. Es haben sich die Möglichkeiten der Wahrnehmung geändert. Viele Menschen sind nicht mehr bereit, Zeit zu investieren, auf Präsenzveranstaltungen zu gehen, sie wollen aber was mitbekommen, Wer Leute erreichen will, muss sich mit Social Media auseinandersetzen. Entweder, man macht es selber – dann ist es authentischer -, oder man holt sich Hilfe von außen. Es ist kein Freizeitvergnügen, es gehört zu meinem Job.

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Lesen Sie dann auch alles, was da gepostet wird?

Ludwig: Ja, so ziemlich, auch wenn es nicht nur Freude macht. Ich wusste aber so ungefähr, was auf mich zukommt. Ein Grund, warum man mir den Job als Drogenbeauftrage der Bundesregierung angetragen hat, war, dass ich stabil genug bin, das auszuhalten. Ich weiß ja, wie es meinen Vorgängern ergangen ist. Ich bekomme auch viel Zuspruch, der ist aber nicht so laut wie die Meinungsäußerungen insbesondere der Legalisierungsbefürworter. Ich bin eher überrascht, wie stark das teilweise unter die Gürtellinie geht. Ich bemühe mich, das nicht persönlich zu nehmen.

Hat selbst viele Erfahrungen mit Hetz-Kommentaren gemacht: Daniela Ludwig aus Kolbermoor, Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

In den Tag mit Beleidigungen: Was macht das mit einem?

Ludwig: Der Kaffee schmeckt mir morgens trotzdem noch. Auch weil klar ist: Denen, die hauptsächlich stänkern, geht es nur um das Thema Cannabis. Und Drogenpolitik ist mehr als Cannabis. Mich trifft es persönlich immer sehr, wenn zum Beispiel Menschen mit Behinderungen beleidigt und diffamiert werden. Das erschüttert mich persönlich sehr, denn jeder von uns kann mal in so eine Lage kommen. Da muss ich mich beherrschen, dass ich nicht im selben Ton zurückschreibe. Das gehört dazu, Ruhe zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen. Gut, wenn sich jemand wünscht, mich aus den Sozialen Medien zu vertreiben: das hat bei Vorgängern geklappt, bei mir nicht.

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Welcher Kommentar hat Sie zuletzt richtig getroffen?

Ludwig: (denkt lange nach). Es gibt öfter mal Kommentare, die unmittelbare Verbindung zur Nazizeit herstellen wollen, so nach dem Motto, was wir in der Drogenpolitik machen, sei zu vergleichen mit Verfolgungen durch das NS-Regime. Damit kann ich schlecht umgehen. Da denke ich mir, wow, was geht in so einem Kopf vor?

Müsste man das Internet stärker regulieren?

Ludwig: Man kann selber was machen, indem man als Admin die gröbsten Dinge rausfiltert. Aber das Internet kontrollieren zu wollen – das wäre ein Widerspruch in sich. Twitter, Facebook und Instagram wiederum sind mittlerweile sensibler, auch weil man ihnen klargemacht hat, dass sie eine Verpflichtung haben. Wir schauen aber stärker drauf, ob die Kontrolle durch die Plattformen funktioniert. 

Wenn Sie wählen könnten: lieber eine Welt mit Internet oder ohne?

Ludwig: Eine Welt mit Internet, ganz klar. Wenn ich sehe, welche Möglichkeiten wir hatten, als die Kinder nun für lange Zeit nicht in die Schule konnten... Wir haben viele Vorteile davon. Wir müssen nicht für jedes einzelne Meeting anreisen, haben durch Social Media eine höhere Präsenz. Natürlich mit allen Risiken, etwa wenn Fehlmeldungen verbreitet werden. Aber das muss ich als Demokrat aushalten. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Aber man muss risikobewusst sein. Das Thema Medienkonsum und Medienabhängigkeit fällt in meinen Zuständigkeitsbereich als Drogenbeauftragte. Und ich wünsche mir persönlich, dass das auch unseren Kindern vermittelt wird. Im Herbst werde ich daher eine Kampagne starten.

Sind die Sitten in den vergangenen Jahren verroht?

Ludwig: Ja. Das können auch Kollegen bestätigen. Jeder kann sich mehrere Accounts zulegen, über Bots kann ich das steuern, da muss nicht mal ein Mensch dahinterstecken. Eine Pflicht zum Klarnamen haben wir nicht. Jemanden zu beleidigen, ohne belangt zu werden, enthemmt. Und wenn die Sprache enthemmt wird, dann wirkt sie sich enthemmend aufs reale Verhalten aus. Da besteht für mich ein klarer Zusammenhang. Mein Schwager ist Polizist. Und der kann einiges davon erzählen, wie er und seine Kollegen im Einsatz angespuckt und angepöbelt werden. Und das ist schlimmer geworden. Das beschäftigt mich sehr.

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