Polizeipräsident Robert Kopp sagt die Corona-Pandemie verändert die Arbeit der Polizei

Polizeipräsident Robert Kopp
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Polizeipräsident Robert Kopp
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Rosenheim - Die Pandemie ist auch für die Polizei eine neue Erfahrung. Was Beamte in der Krise erleben, was sie riskieren und welche Folgen Corona für kriminelle Geschäftsmodelle hat, darüber sprachen wir mit Robert Kopp (60), Präsident des Polizeipräsidiums Süd in Rosenheim.

In der vergangenen Woche, bis zum Sonntag, mehr als 22000 Kontrollen im Präsidialbereich, insgesamt 993 Verstöße – was haben die Beamten in der Region besonders häufig zu ahnden?

Robert Kopp: Seit zwei Wochen, früher als in den meisten anderen Regionen, gibt es in Stadt und Landkreis Rosenheim die Pflicht, sogenannte Schutzmasken in Geschäften und im Öffentlichen Personennahverkehr zu tragen. Daran hat sich der Großteil der Menschen gehalten. Nachdem wir eine „Hotspot-Region“ sind, ist es mehr als sinnvoll, wenn wir hier mehr tun als anderenorts. In erster Linie ist es uns aber ein besonderes Anliegen, mit den Menschen zu sprechen und sie zu sensibilisieren.

Noch sind die Menschen offenbar einigermaßen disziplinert. Wie lange lässt sich das durchhalten?

Kopp: Im Moment kann man das nicht sagen. Wir sind an einer spannenden Weichenstellung. Die Lockerungen beginnen zu greifen. Wir haben bislang tatsächlich positive Erfahrungen gesammelt. Ein Großteil der Menschen hat sich an die Beschränkungen gehalten, Abweichungen und Verstöße gab es natürlich auch und wird es auch künfig geben. Die Erlaubnis, die Wohnung aus triftigem Grund zu verlassen, legen manche etwas zu weit aus. Wenn jemand mit dem Motorrad umherfährt und behauptet, er arbeite im Homeoffice, weil er gerade einen Anruf über die Freisprechanlage entgegengenommen habe, dann weiß man sehr schnell, dass da etwas nicht passt.

Wenn das ein dermaßen passionierter Motorradfahrer wie Sie sagt, das heißt was...

Kopp (lacht): Ich bin heuer überhaupt noch nicht gefahren. Doch, Moment – ich war beim TÜV.

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Was genau wird denn angezeigt?

Kopp: Wir zeigen nicht jeden festgestellten Verstoß an. Bei etwa einem Drittel der Verstöße reicht eine mündliche Belehrung oder Sensibilisierung. Mittlerweile weiß jeder, dass ein Abstand von mindestens eineinhalb Metern einzuhalten ist. Gut, ab und zu muss man die Menschen daran erinnern. Wenn zum Beispiel eine Gruppe zusammen steht und man sich da zuprostet - dann geht das natürlich nicht! Unsere Maxime ist es Infektionsketten zu unterbinden, ob man sich verabredet hat oder spontan zusammensteht, sei dahingestellt. Solche Zusammenkünfte gehen jedenfalls nicht.

So gehen sie hin, die Traditionen...

Kopp: In dem Moment, da Sie jemanden einladen, ist es derzeit einfach nicht in Ordnung. Mit einem Spezl unterwegs zu sein, ist ja grundsätzlich wieder möglich, aber diese Lockerung gilt für Bewegung und Sport und eben nicht fürs gesellige Feierabendbier.

Anderes wurde gelockert. Zu früh?

Kopp: Das ist nicht das Thema der Polizei. Das haben andere zu entscheiden. Meine Meinung als Robert Kopp und nicht als Polizeipräsident ist, dass man versucht, langsam, in kleinen Schritten, in die Normalität zurückzukehren. Das Ergebnis der kleinen Schritte muss man abwarten.

Familien sind nicht zu beneiden. Verzeichnen Sie eine Zunahme der häuslichen Gewalt?

Kopp: Nein. Es gibt viele Fachleute, die sich hierzu artikuliert haben, aber nein: Wir verzeichnen diese Zunahme nicht, keine Tendenz bis zum heutigen Tag. Ich weiß natürlich nicht, wie es in vier Wochen aussieht, aber bis jetzt verzeichnen wir keinen Ausschlag nach oben.

Und wie sieht es mit Betrügern aus? Nach der Masche: „Oma, ich bin’s, dein vergessener Enkel. Ich habe Covid-19 und brauche dringend 10.000 Euro“?

Kopp: Dieses Phänomen ist bei uns im Präsidialbereich bislang kein Thema gewesen, aber natürlich werden wir auch so etwas im Auge behalten.

Und die sonstigen Zahlen?

Kopp: Wir stellen seit März weniger Kriminalität fest. Die Zahlen gehen seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen teilweise um die Hälfte runter. Wohnungseinbruch zum Beispiel: Da waren wir schon in den Jahren zuvor ganz gut, weil wir hier einen Schwerpunkt gesetzt haben - präventiv und repressiv. Aber jetzt sind die Einbrüche nochmal deutlich rückläufig. Es ist eben schwerer einzubrechen, wenn jemand in der Wohnung ist. Einbrecher sind ja eher scheu und bevorzugen es, ihre „Arbeit“ unbeobachtet zu verrichten. Es sind nahezu alle Kriminalitätsbereiche rückläufig. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Eine Serie von Straftaten kann eine gute Statistik ganz schnell kaputt machen. Deshalb müssen wir abwarten, wie sich das Jahr weiter entwickelt.

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Corona-Sperre lässt auch auch kriminelle Branchen schwächeln...

Kopp: Manche Straftat gibt es schlichtweg nicht mehr. Zechbetrüger zum Beispiel. Diese Straftaten können in Zeiten geschlossener Lokale nicht geschehen, ebenso die klassische Wirtshausrauferei. Solche Delikte gehen gegen Null. Über diese Entwicklung sind wir natürlich nicht traurig. Jede Straftat ist schließlich eine zu viel. Im Straßenverkehr das gleiche: Wir verzeichnen einen deutlichen Rückgang von Unfällen. Mit einer Ausnahme: Die Radlfahrer sind häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt als sonst. Es sind momentan aber auch mehr Radler unterwegs, ist doch klar. Was habe ich zum Beispiel an den beiden letzten Wochenenden gemacht? Eben, Radlfahren!

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Was meldet denn die „Alpine Einsatzgruppe“?

Kopp: Die Kollegen waren an den Wochenenden immer unterwegs. Es geht um zwei Dinge: Sie prüfen zum Beispiel, ob Hütten geschlossen sind. Und es waren alle geschlossen, unser Fazit ist also diesbezüglich positiv. Dann der Mindestabenstand, der ist natürlich auch in den Bergen ein Thema. Gerade am Gipfel. Dort wird es schnell eng, wenn sich Wanderer ums Gipfelkreuz herum niederlassen. Das sind Situationen, die wir zu verhindern versuchen. Das hat bislang sehr gut funktioniert, die Menschen beachten das in der Regel von selber. Leider Gottes hat es aber auch einzelne Bergunfälle gegeben. Das beschert den Beamten der Alpinen Einsatzgruppe der Polizei ebenso wie den Bergrettern ein zusätzliches Infektionsrisiko, was uns sicher nicht gefällt!

Verboten ist der Bergausflug also nicht?

Kopp: Verboten ist er nicht. Aber: Wenn ich sehe, dass jemand aus Ingolstadt kommt, Hunderte von Kilometern hierherfährt.... Und überhaupt: Ist das sinnvoll? In Anbetracht der Regeln, die vor allem auch auf Eigenverantwortung und solidarischem Verhalten beruhen, sollte man sich selber kritisch fragen.

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Wie viele Polizisten sind in Quarantäne?

Kopp: Das waren im Laufe des bis zu 100 unserer Beschäftigen im gesamten Präsidialbereich. Darunter waren Kolleginnen und Kollegen nach Kontakt mit positiv getesteten Personen, selbst Infizierte oder auch Reiserückkehrer. Derzeit sind es Gott sei Dank nur noch 14.

Wie viele Überstunden bauen Sie gerade auf?

Kopp: Es relativiert sich einiges. Die Alltagsbelastung ist in einigen Bereichen geringer geworden. Es gibt keine Fußballspiele, keine Feste – da ist vieles weggefallen. Auf der anderen Seite sind wir jetzt natürlich verstärkt mit Corona-Kontrollen beschäftigt. Aber die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen ist, denke ich, sehr gut. Damit das so bleibt, müssen auch wir so gut es nur geht, auch selbst die Schutzregeln beachten. Im Polizeidienst ist das natürlich nicht immer hundertprozentig möglich, etwa, wenn ich eine Person festnehmen muss. Da muss man ganz dicht ran. Das ist nicht angenehm, insbesondere, wenn das Gegenüber behauptet, es sei infiziert. Gewalt gegen Polizei, auch Anspucken - das ist nie schön. Wenn das jetzt passiert, hat das noch mal eine ganz andere Wirkung, psychisch auf jeden Fall. Was die juristische Ahndung betrifft: Anspucken kann sogar zur gefährlichen Körperverletzung werden.

Für vergangenes Jahr der zweitniedrigste Stand an Straftaten seit Gründung des Polizeipräsidiums, zwei Drittel aufgeklärt, etwas mehr als im bayerischen Durchschnitt. Alles bestens? 

Kopp: Gehen wir mal weg von Corona. Der Sicherheitszustand ist sicher sehr gut. Allgemein ist aber nach wie vor die Gewaltkriminalität ein großes Problem. Jetzt gerade nimmt sie ab, weil das öffentliche Leben, einschließlich des Konsums von Alkohol, derzeit nicht mehr so das Thema sind. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen auch nach Corona mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Das könnte doch als positives Ergebnis am Ende von Corona stehen. Vielleicht müssen die Menschen im übertragenen Sinne ein bisschen mehr zusammenrücken. Dann hätte die Krise zumindest auch ein Gutes.

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