Den Brenner-Nordzulauf in Stephanskirchen hautnah kennengelernt

Mit dem Drahtesel auf dem Brenner-Nordzulauf unterwegs wren 65 Frauen und Männer in Stephanskirchen. re

Das Wetter traumhaft, der Himmel blau. Fast könnte man meinen, die gut 65 Frauen und Männer aus Stephanskirchen, Riedering, Rohrdorf, Nußdorf und Vogtareuth, die sich an der Krottenhausmühle treffen, brechen auf zu einer Radltour ins Umland. Der Schein trügt: Sie radeln auf den Trassen des Brenner-Nordzulaufs.

Stephanskirchen – Der Anlass dieser Tour ist wenig erfreulich. Die Bürgerinitiative Brennerdialog Rosenheimer Land und die Parteifreien Bürger Stephanskirchen haben zu einer Radtour entlang der beiden geplanten Bahntrassen des Brenner-Nordzulaufs durch Stephanskirchen geladen. Sie soll den Teilnehmern bildlich vor Augen führen, was es für die Gemeinde bedeutet, sollte eine der beiden Trassen durch Stephanskirchen realisiert werden.

Auswirkungen eines Tunnels

Die Tour führt über Nebenstraßen und Feldwege so gut als möglich auf der geplanten Trasse entlang. An vier Stationen wird über bauliche Dimensionen, wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte informiert. Für die Informationen sorgt Dr. Ben Warkentin, ein Gründungsmitglied der BI Brennerdialog Rosenheimer Land und mittlerweile „Bahnexperte“.

An der ersten Station, der Krottenhausmühle, erklärt er den Teilnehmern, wie eine Hochgeschwindigkeitstrasse funktioniert und was es für Auswirkung hätte, wenn hier die Untertunnelung des Gemeindegebiets Stephanskirchen beginne. Alleine der Abraum bei einem sechs Kilometer langen Tunnel beträgt laut Warkentin 942 000 Kubikmeter. Das entspricht einem Kieshügel mit einem Böschungswinkel von 45 Grad von 50 Metern Höhe, 50 Metern Breite und 750 Metern Länge. Zum Vergleich: das Sparkassenhochhaus in Rosenheim ist 42 Meter hoch. Die für den Tunnelbau notwendig Fläche für die Baustelleneinrichtung (Lagerflächen für Material und Maschinen, Zementwerk, Wohncontainer für die Bauleute etc.) würde sich beidseitig der Strecke von Stephanskirchen bis Riedering erstrecken.

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Weiter geht die Tour durch Eitzing und Scheiberloh Richtung Schömering/Pusterhof. Dort, mitten in den Feldern, beschreibt Warkentin, was der Tunnelbau für Auswirkungen auf die Ökologie und das Grundwasser hat und was die Baumaßnahme für die Grundbesitzer bedeuten würde. Denjenigen unter den Teilnehmern, die bis dahin der Meinung waren, bei einem Tunnelbau bliebe die Oberfläche größtenteils unversehrt, erklärt Warkentin die Notwendigkeit von Rettungs- und Belüftungstunnel.

Gigantisches Bauwerk Richtung Schechen

Da in diesem Gebiet auch die zukünftige Wasserversorgung von Stephanskirchen geplant ist, schildert Warkentin die Problematik der Wasserhaltung beim Tunnelbau und die Gefahren, die sich auf das gesamte Grundwassersystem auswirken können.

Die Tour ging weiter über Fussen, Leonhardspfunzen runter zur Innleiten am Gillitzerschlössl. Dort, im Landschaftsschutz- und Naherholungsgebiet, wo die künftige Bahntrasse an der Hangkante wieder zutage treten und in einem gigantischen Brückenbauwerk über den Inn Richtung Schechen verlaufen soll, kommen direkt Betroffene zu Wort. Die Familien Thanner beschreiben mit teils drastischen Worten, wie der Bau der Bahntrasse ihre Heimat und Existenz vernichtete.

Die Teilnehmer waren durch die Tour beeindruckt. „Jetzt kann ich mir erst so richtig vorstellen, was das für mich bedeutet“ so eine etwas deprimierte Teilnehmerin. „Aber um so wichtiger ist es, gegen diesen Irrsinn zu kämpfen“, war der kämpferische Nachsatz. Eine Teilnehmerin aus Nußdorf meine, so eine Radtour entlang der geplanten Trassen sollte jede Gemeinde veranstalten. „Erst dann kann man sich wirklich ein Bild von dem Wahnsinn machen.„

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