Schechener fühlen sich in Sachen Brenner-Nordzulauf als Bauernopfer der Bahn

Beim Info-Markt zum Brennernordzulauf in Schechen wurden die fünf Grobtrassen intensiv diskutiert. khe

Zwei Farben kommen in Schechen derzeit nicht so gut an: Blau und Violett. So gekennzeichnet sind zwei der fünf Planungsvarianten der Bahn für den Brennernordzulauf, die sich besonders auf den Ortsteil Pfaffenhofen auswirken würden. Bahner, Kritiker und Befürworter trafen nun bei einer Infoveranstaltung zusammen.

Schechen – Der Info-Markt im Pfleger Theaterstadl in Lohen war der letzte der insgesamt 16 Termine in der Region, zu denen die Bahn eingeladen hatte. Dabei sollten die Bürger Informationen aus erster Hand bekommen und mit den Planern ins Gespräch kommen. Zwar war der Info-Markt in Schechen mit nur rund 80 Gästen im Vergleich zu den Veranstaltungen in anderen Orten relativ wenig besucht. Denjenigen, die gekommen waren, schien das Thema aber sehr unter den Nägeln zu brennen.

Enttäuschung und Schock sitzen tief

„Die Enttäuschung und der Schock sitzen tief“, meinte Bürgermeister Hans Holzmeier. Ihn wurmte vor allem, dass die Variante Violett in Inntal und Rosenheim so stark befürwortet werde – diese die Gemeinde Schechen aber massiv beeinträchtige. Denn während diese Grobtrasse sonst weitestgehend untertunnelt laufe, komme sie direkt vor Pfaffenhofen an die Oberfläche.

Der Bürgermeister befürchtet Lärm, eine optische Beeinträchtigung sowie eine Zerschneidung des Gemeindegebiets – und das, wo Schechen ja nicht einmal einen Halt an der Strecke habe. „Ich habe das Gefühl, dass hier eine Gemeinde für das Inntal und Rosenheim geopfert wird“, so Holzmeier. Außerdem kritisierte der Bürgermeister, dass man das Augenmerk auf eine Ertüchtigung der Bestandsstrecke zu schnell aufgegeben habe.

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Auch einen echten Dialog, etwa in den Regionalforen, hat Holzmeier vermisst. „Wir wurden informiert, aber die Entscheidungen sind woanders gefallen“, meinte er. Nun wartet man in der Gemeinde auf den Beginn des Raumordnungsverfahrens Anfang 2020, im Rahmen dessen sich die Kommunen in einem Beteiligungsverfahren äußern können. Hierbei will man sich in Schechen dann anwaltlich vertreten lassen.

Varianten über den Inn „nicht tragbar“

Auch Ludwig Lindinger aus Pfaffenhofen sieht die Variante Violett skeptisch. „Jetzt haben wir so lange für die Umgehungsstraße gekämpft, damit südlich von Pfaffenhofen Platz frei wird für die Siedlungsentwicklung, und dann kommt da eine Variante so nah an der Wohnbebauung“, kritisierte er. Die Grobtrassen Violett und Blau – also die Varianten über den Inn – sind für ihn nicht tragbar. Doch nicht nur Pfaffenhofen sei massiv betroffen. Auch Dörfer wie Deutelhausen und Mintsberg würden zerschnitten. Dort führten die Trasse zudem durch Moorgebiete und Wasserreservate.

Varianten ohne regionalen Halt sinnlos

Armin Gleis, der die Gemeinde im Gemeindeforum Rosenheim-Nord vertritt, thematisierte noch einen ganz anderen Punkt. „Diese Trassenvarianten ohne Halt in der Region machen doch keinen Sinn“, meinte er. Denn so nutze eine Neubaustrecke weder dem Nahverkehr, noch dem Güterverkehr aus der Region.

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Den Kritikpunkten stellten sich die Vertreter der Deutschen Bahn, die Infotafeln über das Projekt allgemein sowie über die einzelnen Grobtrassen dabeihatten. So erklärte etwa Christian Tradler, Projektleiter erweiterter Planungsraum der DB Netze, wie man überhaupt auf einen Brenner-Nordzulauf über das Inntal kam. Demnach haben Italien, Österreich und Deutschland Anfang der 90er Jahre in einer Machbarkeitsstudie verschiedene Großraumvarianten geprüft. Neben geologischen Kriterien war ein Faktor, dass man den Verkehr nicht an Ballungsräumen wie Rosenheim und Kufstein vorbeiführen wollte. „Wir möchten die Region anbinden, das funktioniert über die Verknüpfungsstellen“, erklärte er. Mögliche solcher Verknüpfungsstellen sind in Großkarolinenfeld oder Aubenhausen sowie bei Raubling und/oder Niederaudorf. An diesen Punkten soll die Neubaustrecke an die Bestandsstrecke anknüpfen. Der nächste Verladebahnhof für Güter ist in München-Riem.

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Torsten Gruber, DB-Gesamtprojektleiter, gab offen zu, dass alle fünf Varianten noch kritische Punkte haben. Gerade im Bereich Pfaffenhofen und Deutelhausen befinde man sich nah an der Wohnbebauung und habe es mit vielen Querungen zu tun.

Lösungen, wie man die Auswirkungen auf die Region gering halten könne, sollen nun in der vertieften Planung gefunden werden. Dabei werde auch geprüft, ob man die Untertunnelung in Schechen fortführen könne.

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Für die Region insgesamt sieht Gruber einen deutlichen Nutzen im Nahverkehr durch eine Neubaustrecke, da der Bestand schon sehr dicht belegt sei.

Den Kritikpunkt, dass es keinen Nachweis für den Bedarf einer neuen Strecke gebe, ließ der Planer nicht gelten. „Der Bedarf ist sehr gut dargelegt“, betonte er. So erwarteten Gutachter des Bundesverkehrsministeriums einen deutschlandweiten Anstieg des Güterverkehrs auf der Schiene von 43 Prozent bis 2030. Ein Ausbau des Bestands soll aber trotzdem stattfinden. Denn der Brennerbasistunnel wird in den Jahren 2027/2028 fertig – der Nordzulauf geht wohl frühestens 2038 in Betrieb. Überbrückt werden soll dieser Zeitraum durch eine Modernisierung der bestehenden Strecke durch Schallschutz und Digitalisierung.

Minderheitsmeinung: Hoffnung auf dritte Innbrücke

Gegen das Vorhaben waren durchaus nicht alle Schechener. Georg Ganslmaier zum Beispiel würde sich über Variante Violett oder Blau sogar freuen. „Dann bekommen wir schneller eine dritte Innbrücke“, sagte er. Die wäre zwar zunächst einmal nur für den Zug. Sollten sich die Gemeinde Stephanskirchen und die Stadt Rosenheim an dem Bau beteiligen, könnten sie aber eine Inn-Überquerung auch für Fußgänger und Autofahrer schaffen. Dann, so hofft Ganslmaier, gäbe es weniger Stau nördlich von Rosenheim.

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