Von der Skipiste in den Klassensaal

Olympiasiegerin Anna Schaffelhuber unterrichtet als Referendarin in Brannenburg

Eine angehende Lehrerin mit Vorbildfunktion: Anna Schaffelhuber hat im vergangenen Jahr die „Schaffelhuber Grenzenlos Camps“ gegründet. Ihr Ziel ist es, zu mehr Inklusion beizutragen.
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Eine angehende Lehrerin mit Vorbildfunktion: Anna Schaffelhuber hat im vergangenen Jahr die „Schaffelhuber Grenzenlos Camps“ gegründet. Ihr Ziel ist es, zu mehr Inklusion beizutragen.
  • vonBarbara Forster
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Rotstift statt Skiausrüstung: Seit Anfang September ist die ehemalige Paraskifahrerin Anna Schaffelhuber (27) an der Realschule Brannenburg als Referendarin im Einsatz. Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen erzählt sie, wie sie die neuen Schüler findet und warum Sport für sie zum Genuss wurde.

Brannenburg/Kolbermoor – Sieben Olympiasiege, elf WM-Titel und sechs Gesamt-Weltcupsiegen. Anna Schaffelhuber hat in ihrer zwölfjährigen Sportkarriere als Paraskifahrerin viel erreicht. „Es war eine sehr schöne, aber auch intensive Zeit“, sagt die 27-Jährige. 2019 hat sie das Ende ihrer Karriere erklärt und sich ein neues Ziel gesetzt: Lehrerin zu werden. Also hat sie ihre Ski-Ausrüstung gegen Aktentasche und Rotstifte getauscht und im vergangenen Jahr an der Anton-Heilingbrunner-Schule in Wasserburg mit ihrem Referendariat begonnen. Seit September ist sie nun an der Dientzenhofer-Realschule in Brannenburg im Einsatz.

Die Schüler bitten Schaffelhuber um Rat

Wenn man Anna Schaffelhuber danach fragt, wie es ihr an der neuen Schule gefällt, gerät sie regelrecht ins Schwärmen: „Mir gefällt es brutal gut. Ich bin einfach ein Bergkind. Und dass ich jetzt in der Nähe der Berge unterrichten kann, ist für mich gigantisch.“ Plötzlich sei der Berufswunsch Lehrerin nicht gekommen, schildert Schaffelhuber. „Ich wollte das schon immer werden.“ Trotzdem hat sie nach dem Abi erst einmal Jura studiert, nach sieben Semestern aber gemerkt: Das ist nicht das Richtige. Also schwenkte sie auf Lehramt um (Fächerkombi Mathe und Wirtschaft), konnte sich einiges vom Jurastudium anrechnen und hat ihre Entscheidung bislang nicht bereut.

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Was fasziniert am Lehrer-Dasein? „Werte weiterzugeben“, sagt Schaffelhuber. Früher, als Sportlerin, habe sie an sich gearbeitet. „Jetzt arbeite ich aber nicht mehr an mir, sondern der Fokus liegt auf meinen Schülern.“

Aktuell unterrichtet sie eine fünfte, zwei siebte und eine neunte Klasse. Mit den Schülern komme sie gut zurecht. Sie seien alle „freundlich und aufgeweckt“. Viele von ihnen würden die ehemalige Sportlerin auch um Rat bitten. „Mich fragen viele, wie ich mich organisiert und strukturiert habe.“ Die Realschule Brannenburg ist auch eine Partnerschule des Wintersports. Das Ziel dieses Konzepts: Schule und Sport in Einklang zu bringen. Dadurch wird das Talent von sportbegeisterten Schülern gefördert. „So kann ich mein Wissen aus eigener Erfahrung weitergeben“, sagt die 27-Jährige.

Der Schule fehlt ein Aufzug

Für sie bietet die neue Schule offenbar viele Vorteile. Das einzige Manko: Das Gebäude hat keinen Aufzug. Ein Problem für die angehende Lehrerin, die mit einer inkompletten Querschnittslähmung zur Welt kam und seit 2009 auf den Rollstuhl angewiesen ist. Aber die 27-Jährige nimmt es gelassen: „Ich unterrichte in Klassenzimmer, die im Erdgeschoss sind. Dann passt das schon ganz gut.“

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Inklusion ist für Schaffelhuber ein wichtiges Thema. Aus eigener Erfahrung weiß sie noch, dass Freizeitaktivitäten in den Ferien zum Beispiel immer getrennt für behinderte und nicht behinderte Kinder angeboten wurden. „Es hat keine Verzahnung gegeben.“ Das will Schaffelhuber ändern und hat 2019 die „Schaffelhuber Grenzenlos Camps“ gegründet. Das Angebot richtet sich an 14- bis 17-Jährige mit und ohne Behinderung, die fünf Tage lang miteinander verschiedene Sporarten ausprobieren und einfach miteinander Spaß haben.

„Dabei geht es nicht um Leistung, sondern um zu sehen: Was geht und was geht nicht“, erklärt die angehende Lehrerin. Die Jugendlichen nehmen an Workshops in den Schwerpunkten Sport, Medien und Persönlichkeit teil. Unter dem Punkt „Persönlichkeit“ sollen sie lernen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. All die sportlichen Aktivitäten werden medial begleitet. Auch drehen die Kinder ihre eigenen Filme. Die Bewerbungsfrist für das nächste Camp, welches in Burghausen stattfinden soll, beginnt ab Februar 2021.

Struktur hilft ihr, mit Stress umzugehen

Der Stress, den ein Referendariat mit sich bringt, störz die Ex-Sportlerin nah eigenen Angaben wenig: „Da hilft mir die Struktur, der ich von Kindesbeinen an treu geblieben bin.“ Der Sport war ihre Leidenschaft. Viele Jahre lang. Und ihr Handycap hat sie nie daran gehindert, im Monoskibobfahren erfolgreich zu sein. „Ein Glück, dass ich das hatte so erleben dürfen.“,

Früher machte sie Leistungssport, heute sieht sie Bewegung als Genuss: „Ich sehe jetzt die Natur viel mehr.“ Seit den Sommerferien wohnt sie zusammen mit ihrem Mann in Kolbermoor. Jede freie Minute verbringe sie draußen in der Natur. Ob im Sommer am See oder jetzt in den Bergen.

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