PRIENER HELFEN IM SENEGAL

Babakars Pläne nehmen Gestalt an

Die Prienerin Helke Fussellhat Babakar Segnane in seiner Heimat mitten im Senegal besucht und unterstützt.

Die meisten Flüchtlinge wollen hierbleiben. Babakar Sadikh Segnane hat einen Plan B entwickelt, als er keine Bleibeperspektive für sich sah. Vor bald einem Jahr reiste er nach zwei Jahren in Prien in seine Heimat im Senegal, um sich eine Existenz aufzubauen. Ein Kreis von Freunden aus Prien unterstützt ihn. Inzwischen gibt es erste Erfolge, aber auch noch sehr viel zu tun.

Prien/Musa – Die wichtigste Straße im Senegal führt von der Hauptstadt Dakar 250 Kilometer nach Osten. Dort liegt Kaffrine, eine Art Bezirkshauptstadt mit 50 000 Einwohnern. Und in dessen Außenbereich wiederum liegt das winzige Dorf Musa, in dem fünf kinderreiche Großfamilien zu Hause sind. Dort ist Babakars Land, auf dem er seine Landwirtschaft und Hühnerzucht aufbaut.

Der 32-Jährige ist einer, der anpackt, ein Macher. Seine Priener Freunde waren davon überzeugt, als sie ihn damals mit Geld und Ratschlägen ausgestattet zurück nach Afrika verabschiedeten. Und Segnane tat, was von ihm erwartet wurde.

Er baute in den zurückliegenden zehn Monaten eine Hühnerzucht mit zeitweise über 1000 Tieren auf und begann rund um Musa, das Dorf, das einst sein Großvater gegründet hatte, Tomaten, Erdnüsse und in den letzten Wochen auch Chili anzupflanzen.

Zwei Wochen war die Prienerin Helke Fussell jetzt vor Ort, um sich selbst ein Bild von den Fortschritten Babakars zu machen. Unter seinem Vornamen wurde das Projekt hier in Prien bekannt, das neben Fussell insbesondere Uta Mewes, Anna Heuken und der Priener Verein Moja kwa Moja („Sei selbst das Projekt“) unterstützen.

„Er kniet sich rein“, berichtete Fussell beeindruckt nach ihrer Rückkehr von Segnanes ungebrochenem Ehrgeiz, sich und anderen Bewohnern Arbeit zu verschaffen und Existenzen aufzubauen.

Das trägt Früchte, im wörtlichen Sinn. 100 Kilo Chili Ernte pro Woche werfen Fussell zufolge inzwischen die Felder ab, die Erträge werden auf verschiedenen Wegen verkauft, zum Beispiel auf Großmärkten.

Segnanes Lokal, das er im Frühjahr dieses Jahres baute, liegt an der Nationalstraße. Aus Dankbarkeit für die vielseitige Hilfe, die ihm in Prien zuteil wurde, hat er es „Prine am Kinze“ genannt, wie er seinen Heimatort auf Zeit in Deutschland akustisch in Erinnerung hat – zugegeben in eigenwilliger Schreibweise.

Es ist strategisch günstig positioniert, nebenan eine Tankstelle und ein großer Taxi-Sammelplatz. Auf engem Raum stehen Tische und Stühle für bis zu 30 Gäste. „Chili ist in jeder Soße“, berichtet Fussell von der Speisekarte, die offenbar den Geschmack der Einheimischen gut trifft. „Das Essen wird viel gelobt.“ Als die Prienerin zu Besuch war, durften Babakar und seine drei Köchinnen zum ersten Mal als „Caterer“ ein Fest für 50 Personen beliefern.

„Babakar ist ein Geschäftsmann“

Die Hühnerzucht ruht momentan, Babakar hat alle Tiere verkauft – aus gutem Grund: Im Senegal stand dieser Tage ein Festtag an, zu dem sich jede Familie ein Schaf kauft und sich von diesem Tier dann wochenlang ernährt. Es ist also gerade kein Markt für Hühner. „Babakar ist ein Geschäftsmann“, fasst Fussell das gute Gespür des 32-Jährigen zusammen. Mit seinen drei Projekten beschäftigt er inzwischen schon neun Mitarbeiter, die Kompetenzen und Verantwortlichkeiten sind auf mehrere Köpfe verteilt.

Gemeinsam mit seinen Schwestern hatte Babakar nach dem Tod des Vaters vor sieben Jahren Land geerbt, das er nun nutzt. Sein Großvater hatte mit der Landwirtschaft begonnen, sein Vater baute eine Wasserversorgung für die Felder. Als er starb, fehlte das Geld, um seine Visionen fortzusetzen. Deshalb hatte der Sohn das Land 2013 verlassen.

Inzwischen sieht Segnane wieder Perspektiven für sich in seinem Land und wittert Geschäftsmöglichkeiten, von denen er seine deutschen Freunde überzeugen möchte. In dem Dorf seiner Mutter in der Peripherie von Kaffrine, nur zehn Gehminuten von Musa entfernt, hat Babakar inzwischen ein größeres Haus für seine Familie gebaut, in dem auch Platz für Besuch aus Deutschland ist. In Massivbauweise und mit (dort unüblichen) Badezimmern – ihm ist es wichtig, dass sich sein Besuch aus Deutschland wohlfühlt.

Der Senegalese geht fest davon aus, dass die Kontakte nicht abreißen und er immer wieder Besuch von Unterstützern und Freunden bekommen wird, die er in Prien gefunden hatte. Auch der Marktgemeinderat war angetan, als Fussell und Mewes das Projekt vor Monaten dort vorgestellt hatten. Ob sich aus der Verbindung eine offizielle Partnerschaft entwickelt, ist noch offen.

Wasserrechnung frisst Erträge auf

Bei allen Erfolgen stehen Segnane und seine Unterstützer freilich noch vor großen Herausforderungen. So haben zuletzt, vor der Regenzeit, die Wasserrechnungen zur Bewirtschaftung der Felder deren Erträge aufgefressen. Deshalb soll jetzt ein stillgelegter Brunnen mit Hilfe einer Solarpumpe wieder reaktiviert werden, erzählt Fussell. Und auch über den Bau einer Zisterne denkt der Senegalese nach. Einen Tag vor Fussells Rückreise begann die Regenzeit, das Wasser stand im Dorf über zehn Zentimeter hoch, versickerte aber schnell ungenutzt im Boden. Das soll sich ändern.

Die Prienerin nutzte ihren Besuch auch, um in dem westafrikanischen Land für Babakar Kontakte zu knüpfen, die ihm entscheidende Hilfe bei der Verwirklichung seiner weiteren Pläne leisten könnten. Zum Beispiel konnte sie den Finanzdirektor einer Erzdiözese für das beispielhafte Modell begeistern, sich im eigenen Land eine Existenz aufzubauen, statt aus Mangel an Perspektiven nach Europa auszuwandern. „Babakar reißt alle mit“, ist Fussell felsenfest überzeugt, dass es in Musa gelingen wird. Auch der Gouverneur hat seinen Besuch schon angekündigt.

Und hierzulande ist das Interesse nicht minder groß. Sogar in der Staatskanzlei durfte Helke Fussell das Projekt schon vorstellen. Inzwischen hat sie einen Antrag für das Förderprogramm „Engagement global“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung eingereicht. Babakar und seine bayerischen Freunde scheinen weiter auf dem Weg zu sein, ein Projekt zum Ziel zu führen, das weit über die Grenzen der Region hinaus beispielhaft sein kann.

In den nächsten Wochen werden wieder Vorträge zu dem Projekt angeboten, die genauen Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben.

Für finanzielle Unterstützung gegen Spendenquittung gibt es ein Spendenkonto: Moja kwa Moja – Sei selbst das Projekt e.V., Stichwort: Senegal, IBAN: DE50 4306 0967 8232 283800, BIC/SWIFT: GENODEM 1GLS, GLS Gemeinschaftsbank e.G.

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