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Apfel, Birne, Berge

260 Sorten vor dem Aussterben bewahrt: Wie in Rohrdorf eine besondere Arche Noah entstanden ist

Auf dem Bild sind vier Personen mit einem frisch gepflanzten Baum auf einer Obstwiese zu sehen
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(Von links) Landrat Otto Lederer, Projektmanagerin Eva Bichler-Öttl, Schorsch Loferer, der als Pomologe das Projekt von Anfang an begleitet hat, und Maria Haimmerer, Rohrdorfs zweite Bürgermeisterin.
  • VonJohannes Thomae
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Rohrdorf hat jetzt eine Arche Noah. Man findet sie im Ortsteil Höhenmoos, in der Nähe der Kirche, zum Ortsrand hin. Allerdings handelt es sich nicht um ein Holzschiff, das dort zu sehen ist.

Rohrdorf - Es machen sich auch nicht alle möglichen Tiere paarweise Richtung Höhenmoos auf. Die „Passagiere“ dort sind vielmehr Apfel- und Birnbäume, darunter Sorten, die so selten geworden sind, dass sie ohne diese Zufluchtsmöglichkeit wohl nicht überdauern könnten. 

Seinen Anfang hatte alles im Jahr 2015 genommen mit einem Projekt der Regierung von Oberbayern, das mittlerweile den schönen Namen „Apfel, Birne, Berge“ trägt. Man wollte wissen, welche verschiedenen Apfel- und Birnensorten es eigentlich entlang des Alpenrandes gibt, in den sechs Landkreisen von Weilheim bis Berchtesgaden.

Die erste Erkenntnis aus dem Projekt: Die Vielfalt ist überraschend groß. Überraschend, weil die Alpennähe den Obstanbau eigentlich nicht direkt fördert: Die Flächen sind oft zu hoch gelegen, meist auch zu exponiert, Wind und Frost ausgesetzt, vom häufigen Regen gar nicht zu reden.

Die zweite Erkenntnis, nicht weniger überraschend: Viele der Bäume waren gewissermaßen „Fremdlinge“, sprich: Sie ließen sich keiner der bekannten Sorten zuordnen. Und das lag nicht daran, dass derjenige, der sie kartierte - Schorsch Loferer aus Rohrdorf - zu Beginn des Projektes noch jung war, gerademal 26 Jahre alt. Pomologen, also Obstkundler, sind nämlich in der Regel meist ältere Herren jenseits der 60 oder 70. Ihr Wissen stammt in erster Linie aus praktischer, über Jahrzehnte hinweg gesammelter Erfahrung. Studieren lässt sich diese Disziplin bislang nicht.

Viele Sorten sind noch unbekannt

Natürlich hat Schorsch Loferer, examinierter Forst- und Holzwissenschaftler, im Lauf des Projekts all diese Koryphäen mit befragt, auch Gendatenbanken herangezogen, die allmählich im Aufbau befindlich sind. Trotzdem: bei vielen Sorten immer noch Fehlanzeige.

Eines immerhin kam man sich erklären: Warum sich entlang des Alpenrandes so viele verschiedene Variationen finden, obwohl die Rahmenbedingungen nicht optimal sind: Weil auch die Bauern vor 150 oder 200 Jahren auf Obst als Nahrungsmittel angewiesen waren und natürlich nach Bäumen suchten, die den Wetterbedingungen nicht nur standhalten, sondern auch reichlich Früchte tragen würden. Weil die Bedingungen aber fast von Ort zu Ort wechseln, war eben ursprünglich auch die Vielfalt groß. 

Ursprünglich deshalb, weil im vergangenen Jahrhundert diese Vielfalt stark „eingedampft“ worden ist: Es ging, wie Schorsch Loferer erklärt, auch bei Obst vom Alpenrand immer weniger um Produktion für den Eigenverbrauch, dafür immer mehr um den Verkauf. Und dann ergeben weniger Sorten mit insgesamt viel Ertrag mehr Sinn als viele verschiedene Sorten, von denen es jeweils nur eine Handvoll Äpfel gibt. Die Folge: Es gibt am Alpenrand zwar durchaus noch Vielfalt - aber in jeweils nur noch ganz wenigen und meist schon recht alten Exemplaren: Jeder neue Wintersturm kann hier für weitere Sorten das endgültige Verschwinden bedeuten.

Kleinere Gärten entlang des Alpenrandes

Die Idee, diese seltenen, dabei oft immer noch unbekannten Bäume in einem Obsterhaltungsgarten für die Zukunft zu bewahren, war deshalb naheliegend, die Umsetzung jedoch schwierig. „Dass am Ende nach insgesamt neun Jahren Projektarbeit daraus etwas so Tolles geworden ist, mit weiteren kleineren Gärten in allen sechs Landkreisen, ist vor allem der Bereitschaft des Landkreises Rosenheim zu verdanken, sich hier den Hut aufzusetzen, die Führung zu übernehmen und dann auch hartnäckig an dem Projekt dranzubleiben“, wie es Projektmanagerin Eva Bichler-Öttl formuliert. 

Schon die Standortsuche war nicht einfach:  Es sei ein wirklicher Glücksfall, sagt Landrat Otto Lederer dazu, dass die Gemeinde Rohrdorf nicht nur ein Grundstück zur Pacht angeboten habe, sondern darüber hinaus auch eine Kommune sei, die ein wirkliches Verhältnis zu Äpfeln und Birnen habe. Was den Erhaltungsgarten anbelange, sei er ein Gewinn, nicht nur für die Bäume, meint der Landrat, sondern auch für die Menschen: 260 Sorten, die sonst sicher über kurz oder lang verschwunden wären, haben hier Überlebenssicherheit. „Und mit ihnen wächst die Chance, dass in Zukunft unsere Obstvielfalt wieder steigt“, so Lederer. Denn nicht wenige Sorten, die derzeit kaum noch zu kaufen sind, hätten das Zeug zu einer neuen Karriere: Sie sind, wie etwa der Paradiesapfel, überaus schmackhaft, tragen dabei reichlich Früchte.

Landrat: Projekt von großer Bedeutung

Und ganz nebenbei trägt der Obsterhaltungsgarten, malerisch auf dem Höhenzug bei Höhenmoos gelegen, auch zur Verschönerung der Landschaft bei, ist deshalb, wie Lederer betont, auch ein Teil der Landschaftspflege im Landkreis. Die Rohrdorfer Arche Noah sei deshalb mehr als ein Inselrefugium, sei vielmehr eine Fläche mit mindestens landkreisweiter Ausstrahlung und Bedeutung. 

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