Alte Bräuche in Erinnerung rufen

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Vom "Oarscheim" über die "Ratschen", von Feuerspringen bis zu den Seelenweckerln - alte Bräuche wollte der Kolbermoorer Brauchtumshüter Walter Weinzierl in Wort und Bild festhalten: Und entstanden ist daraus das Buch "Wie's der Brauch ist - im Jahres- und Lebenslauf", herausgegeben vom Bayerischen Inngau-Trachtenverband. Kolbermoor/Landkreis - "Das Brauchtum brauchbar machen" - mit diesem Wunsch machte sich Weinzierl, Gauehrenvorstand im Bayerischen Inngau-Trachtenverband und auch dem Vorstand des Bayerischen Trachtenverbands angehörend, ans Werk: Er wollte sämtliche Bräuche und Gepflogenheiten, ob regional, jährlich wiederkehrend oder bestimmte Stationen im Lebenslauf von der Taufe bis zur Hochzeit, in einem Buch festhalten - bunt bebildert, zum Durchblättern und auch zum Schmökern.

"Eine Sammlung, was in den Orten unseres Gauverbandes der Brauch ist", fasst Weinzierl zusammen - und kann sich eine kritische Anmerkung nicht verkneifen: "Damit auch die Leute, die jedes Jahr ihre Urlaube nach den Brückentagen planen, mal sehen, was hinter den Feiertagen steckt."

Zusammengetragen haben Weinzierl und seine Mitstreiter eine ganze Menge - wenn es auch ein wenig gedauert hat von der ersten Idee im Jahr 2001 bis zur endgültigen Umsetzung 2013. Immer wieder waren die Pläne des Kolbermoorers durchkreuzt worden, bis er sie nun endlich in Angriff nehmen konnte.

Für die Vorarbeit gab sich Weinzierl ein Jahr Zeit: Sämtliche Orte im Bayerischen Inngau-Trachtenverband sollten Fotos und Berichte über ihr Brauchtum im Jahresverlauf liefern, angefangen vom Neujahrs-Anblasen der Musiker bis hin zum Klöpfeln in der Adventszeit. Es folgte die Sichtung des Materials. Bei Bedarf zog Weinzierl dann auch selbst noch einmal los, um Feste und Feiern festzuhalten.

Denn es sollten nicht nur kirchliche Bräuche Platz im Buch finden, sondern auch besondere Veranstaltungen in den Orten des Inngaus - von der Fahrzeugweihe in Steinhöring (zu Christophorus am 24. Juli) bis zu den Ritterspielen in Kiefersfelden und den Maibaumkraxlern in Rottenstuben-Hebertsfelden (Kreis Rottal/Inn). "Ohne Netz und Sicherung kraxeln die Burschen den Maibaum rauf, das ist ganz und gar nichts Alltägliches", zeigte sich Weinzierl beeindruckt.

Bräuche im Jahresverlauf

Angefangen mit dem Neujahrs-Anblasen der Musikkapellen, wird auch eine in Vergessenheit geratene Gepflogenheit festgehalten: das Räuchern in den Raunächten. Um die bösen Geister fernzuhalten, wurden in der Christnacht, zu Silvester und Heiligdreikönig Wohnräume und Stall "ausgeräuchert", indem geweihte Kräuterbuschen (von Mariä Himmelfahrt, 15. August) verbrannt und die Glut durch Haus und Hof getragen wurde.

Ein ganzes Kapitel ist dem Schäfflertanz gewidmet, der alle sieben Jahre stattfindet und in Kolbermoor seit 1886 eine lange Tradition hat.

Den Februar bestimmt "Mariä Lichtmess", eines der ältesten Feste der katholischen Kirche. März ist oftmals der Monat der Musikanten: ob beim Josefi-Hoagascht (19. März), Frühjahrssingen oder auch dem Grenzland-Sänger- und Musikantentreffen in Kiefersfelden mit Teilnehmern von Südtirol bis Nordbayern.

Palmweihe und Ostern bestimmen den April. Weinzierl hebt dabei unter anderem das Heilige Grab hervor, das alle zwei bis drei Jahre in der Pfarrkirche St. Vigilius in Kirchdorf am Haunpold (Bruckmühl) aufgebaut wird. Platz in seinem Buch räumt er auch zwei weiteren Bräuchen rund um Ostern ein: dem "Oar'fam" (Eierfärben) und dem "Oarscheim" - bei Letzterem wird aus zwei Holzrechen eine Bahn errichtet, auf der hart gekochte, gefärbte Eier hinabgerollt werden und möglichst die anderen treffen sollen.

Der Tradition rund ums Stehlen, Bewachen, Transportieren und Aufstellen des Maibaums widmet Weinzierl ein ganzes Kapitel und hebt mitunter Kurioses wie eben die "Maibaumkraxler" hervor. Bittgänge, Feldumgänge, Wallfahrten und Fronleichnam mit den Prozessionen folgen - und dazu entsprechende Bilder.

Die Sonnwend- und Petersfeuer rund um Sonnwend und Peter und Paul (29. Juni) stehen im Juni im Mittelpunkt - in Vergessenheit geraten ist indes längst das "Feuerspringen", ein Brauch der Dorfjugend, als junge Paare Hand in Hand übers Feuer hüpften, in der Hoffnung auf eine baldige gemeinsame Zukunft und eine gute Ernte auf dem Feld.

Patrozinien, das Magdalenenfest in Degerndorf (Brannenburg) und die Neubeurer Marktbeleuchtung haben im Juli ihre Tradition, bevor im August die Kiefersfeldener Ritterspiele, das Laurenzifest in Oberaudorf und die Kräuterweihe zu Mariä Himmelfahrt folgen. Ebenfalls erwähnt: das Flintsbacher Volkstheater, das regelmäßig viele Besucher anzieht.

Im September ist dann das Rosenheimer Herbstfest, aber auch an den Maxlrainer Kultursommer wird erinnert, insbesondere an das "Morgentanzl" um 6 Uhr morgens vor dem Bräustüberl. Mit Erntedank und Almabtrieb geht es in den Herbst hinein - und schon ist "Kirta" samt Kirtahutschn und den "Auszognen" (Schmalzgebäck).

Viele Besonderheiten entdeckte Weinzierl im November: In Großholzhausen und Brannenburg gibt es zu Allerheiligen "Gebildbrote", für Buben einen Hirsch, für Mädchen eine Henne, jeweils aus Weißbrotteig hergestellt. Und beim Leonhardifest im Rottal werden noch "Seelenweckerl" verteilt - basierend auf einem Brauch aus alten Zeiten, als in der Allerseelenwoche noch kleine Weckerl für die Bettler gebacken worden waren.

Mit Nikolaus, Krippenspiel, Klöpfeln und Adventsmusik klingt der Jahreslauf schließlich aus.

Erhältlich ist das Buch "Wie's der Brauch ist", aufgelegt im Rosenheimer Verlagshaus, im Buchhandel (ISBN 978-3-475-54223-7) oder bei Walter Weinzierl in Kolbermoor, Telefon 08031/ 91191.

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