Droht das Ende nach über 100 Jahren?

So sah die Riesenhütte um das Jahr 1913 aus. Sie war ein beliebtes Ziel für die Münchner Skifans. Mit Hand- und Spanndiensten hatten sie ihre "Wintersporthütte" gebaut und feierlich geweiht.  Fotos Archiv Vögele
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So sah die Riesenhütte um das Jahr 1913 aus. Sie war ein beliebtes Ziel für die Münchner Skifans. Mit Hand- und Spanndiensten hatten sie ihre "Wintersporthütte" gebaut und feierlich geweiht. Fotos Archiv Vögele

Um es gleich zu sagen: Dieter Vögele ist ein Mann der klaren Worte. Der Rosenheimer, ein begeisterter Bergfex und engagiertes Vorstandsmitglied der DAV-Sektion Rosenheim, kann die Empörung vieler Wanderer über die Schließung der Riesenhütte nicht nachvollziehen.

Sein Standpunkt: "Wer fordert, muss auch zahlen." Als "Nachbar" der seit Herbst 2013 vom Deutschen Alpenverein (DAV), Sektion Oberland, geschlossenen Almhütte meldet er sich nun zu Wort.

Aschau/Rosenheim - Vögele ist ein überaus erfolgreicher "Finanzminister" der Rosenheimer DAV-Sektion, der das Hochrieshaus gehört. Dieses liegt gewissermaßen "in Marschweite" auf dem Gipfel der Hochries, dem Rosenheimer Hausberg. Vögele, ehemaliger Sparkassenvorstand, hat dort den Überblick über das Machbare und das Wünschenswerte. Deshalb sagt er: "Der Alpenverein hat nichts zu verschenken." Dessen Aufgabe liege ganz klar in der Errichtung und im Erhalt alpiner Stützpunkte, aber nicht in der "Bewirtschaftung von Almen, die Gasthof- und Hotelcharakter" haben.

Mit der Riesenhütte - einer ehemaligen Skihütte auf 1445 Metern Höhe - werde eine Art "Wander-Massentourismus" im Voralpenland bedient, gegen den grundsätzlich nichts einzuwenden sei, meint Vögele. "Die Riesenhütte war bis zu ihrer Schließung im Herbst 2013 ein beliebtes Ausflugsziel vor allem für Familien mit Kindern, Wanderer und Mountainbiker. Sie liegt ja schön auf einem Hochplateau, ist wegen der breiten Fahrwege sogar buggytauglich und nach einem relativ kurzen Anmarsch schnell erreichbar." Zudem sei immer eine gute Brotzeit serviert worden, was ja zum Almerlebnis dazu gehöre. Doch ist es wirklich die Aufgabe des Alpenvereins, mit seinen Geldern solche Almen zu retten? Das bezweifelt der DAVler.

Die Riesenhütte ist 1913 als "Wintersporthütte" von Münchner Skibegeisterten mit Hand- und Spanndiensten als kleine Behausung gegen Schnee und Kälte errichtet worden. "Davon sind wir heute weit entfernt", argumentiert Vögele. Die Ansprüche der Gäste seien im Lauf der Jahre gestiegen, aber auch die Vorschriften im Bereich Brandschutz und Hygiene. Ebenso seien die gewerblichen Auflagen enorm gewachsen. "Das Anspruchsdenken am Berg hat insgesamt deutlich zugenommen", erklärt Vögele.

Er sieht die Aufgabe des Deutschen Alpenvereins darin, Hochgebirgshütten zu erhalten. "Das steht eigentlich auch so in der Satzung." Denn die laufende Renovierung der Hütten müsse ja aus den Mitgliedsbeiträgen gestemmt werden, staatliche Zuschüsse fließen nur spärlich. "Und dann wirds eng", sagt er. Deshalb sieht er die Forderung der zahlreichen Riesenhüttenfans und des Aschauer Bürgermeisters nach einer Totalsanierung der Alm für rund 2,5 Millionen Euro kritisch. "Woher sollen die Gelder denn kommen?"

Einen neuen Weg zur Finanzierung beschreiten jetzt die Schweizer mit der Hörnlihütte am Matterhorn. "Das alte Gebäude wurde komplett abgerissen und ein neues, moderneres Haus, das den Wünschen der Alpinisten gerecht wird, neu aufgebaut", berichtet Vögele. Kostenpunkt: über fünf Millionen Franken. Anstelle von 170 Schlafplätzen im Matratzenlager gibt es nun nur noch 130. Eine Nacht im Mehrbettzimmer, das nur mit Abendessen, Frühstück und Marschtee zu buchen ist, kostet 150 Franken. "Nur wer einen Bergführer für schlappe 1500 Franken gebucht hat, kann auch nach dem Weckruf um 3.30 Uhr das Haus verlassen und sich zum Gipfelsturm aufmachen. Die anderen müssen warten", weiß der Alpinist, der den Schweizer Paradeberg mehrfach bezwungen hat. Fazit etlicher Bergsteiger-Kollegen, so Vögele: "Die Matterhorn-Preise sind der Gipfel."

Und dann rechnet der Rosenheimer vor: Sollte die Riesenhütte nach der Sanierung halbwegs im Plus bleiben, müssten für den Schweinsbraten etwa 50 Euro und für ein Bier 25 Euro hingelegt werden. "Sonst ist das ein Zuschussgeschäft - und welcher Wirt macht da mit", fragt er.

Vögele hat da einen ziemlich guten Überblick. Seit Jahrzehnten hütet er geschickt die Finanzen der Sektion Rosenheim. Seinem Einsatz und seinem Gespür ist es ganz wesentlich zu verdanken, dass Brünnsteinhaus und Hochrieshütte - beides im Besitz der Rosenheimer - trotz vieler Auflagen immer wieder modernisiert werden konnten und mit einer "satten schwarzen Null" dastehen, wie er sagt.

Er fürchtet, dass die heruntergekommene Riesenhütte trotz des DAV-Mitgliederbeschlusses im April aus finanziellen Gründen ihrem Ende entgegengeht. Zudem gibt er zu bedenken: "Eine Almhütte, die mehrere Jahre nicht bewohnt wird, verfällt unrettbar." Laut Auskunft der Sektion Oberland soll erst 2019 mit der Sanierung begonnen werden. "Dann kann man die Hütte nur noch wegschieben", meint Vögele.

Er glaubt auch, dass die bisher veranschlagten Sanierungskosten von rund 2,5 Millionen Euro am Ende nicht ausreichen werden. "Wie sieht es mit einer Stromtrasse aus?" Diese müsste über den Grund von Baron Rasso von Cramer- Klett geführt werden. "Wurde mit ihm überhaupt schon gesprochen?", fragt er. Und auch etliche Bauern hätten dort oben Grundbesitz.

Die plakativen Aktionen und das Engagement des Aschauer Bürgermeisters hält er für nachvollziehbar. "Ich freue mich, wenn die Riesenhütte weiterbesteht. Aber wer bezahlt das alles?", so seine nüchterne Beurteilung. Wer die Riesenhütte "zeitgemäß weiterentwickeln" will, der müsse richtig Geld in die Hand nehmen. Vollmundige Versprechungen der Tourismusverbände auf Hochglanzpapier helfen da nicht weiter.

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