Blinde Schwimmerin setzt beeindruckendes Zeichen: Ruf nach mehr Inklusion in Sportvereinen

Gebührender Empfang zum Abschluss: Die privat organisierte Schwimmer-Gruppe der Triathleten des TSV Endorf wurde nach der Schlussetappe von den Cheerleadern des TuS Prien am Prienavera empfangen.
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Gebührender Empfang zum Abschluss: Die privat organisierte Schwimmer-Gruppe der Triathleten des TSV Endorf wurde nach der Schlussetappe von den Cheerleadern des TuS Prien am Prienavera empfangen.
  • Tina Blum
    vonTina Blum
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Trotz Behinderung im Sportverein trainieren? Ja, das geht! Den Beweis dafür liefert Renate Hundsberger aus Bad Endorf. Die 51-Jährige ist blind. Jetzt nahm sie an der Aktion der Triathleten des TSV Bad Endorf teil, die für mehr Inklusion in Sportvereinen etappenweise den Chiemsee umschwommen haben.

Bad Endorf/Prien – 55 Kilometer legten die Sportler in 22 Abschnitten zurück. Für jeden geschwommenen Kilometer wollen sie einen Euro an den „Arbeitskreis Inklusion – Menschen mit Behinderung und Landkreis Rosenheim mittendrin“ und dessen Projekt „Inklusion in Freizeit und Sport“ spenden.

Durch ein Seil mit der Begleiterin verbunden

Renate Hundsberger ist Kapitänin der deutschen Torball-Nationalmannschaft – eine Ballsportart für blinde und sehbehinderte Menschen – und seit einigen Jahren begeisterte Schwimmerin. Ohne einen Begleiter hätte sie nicht mitschwimmen können. „Im Wasser kann ich mich über mein Gehör nicht so gut orientieren. Ich sehe ja nicht, wo ich hinschwimme“, berichtet sie. Über ein Seil um den Bauch war sie mit ihrer Partnerin verbunden. Ein kurzer Ruck am Seil gab die Richtung an. „Ziehen lassen wollte ich mich aber nicht“, sagt die 51-Jährige und lacht.

In orangenen Schwimmbojen transportierten die Sportler Wechselsachen.

Brustschwimmen konnte die Endorferin, „aber nicht kraulen“. Das wollte sie unbedingt lernen. Vor gut zehn Jahren fing sie mit einer Freundin an zu üben. „Normalerweise guckt man sich das ab“, erläutert Hundsberger. Sie sei auf die Erklärungen anderer angewiesen. Wie bewege ich mich im Wasser? Mit welcher Technik muss ich die Arme bewegen? Durch Handführung und detaillierte Beschreibungen lernte Hundsberger das Kraueln.

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Trainer anfangs scheu und unsicher

Später trat sie dem TSV Bad Andor bei und trainierte dort. „Ich würde gerne wissen, was mein Trainer damals gedacht hat, als ich dort ankam“, fragt sich die Sportlerin. Es sei ihr schon so vorgekommen, als sei der Trainer anfangs scheu gewesen, als habe er sich nicht getraut, ihr zu sagen, was sie falsch macht. „Das ließ er mir über meine Freundin ausrichten“, sagt sie und lacht. Besonders herausfordernd sei auch das Schwimmen im See gewesen. Denn normalerweise trainiert Hundsberger im Freibad. Dort falle ihr die Orientierung leichter. „Im Becken gibt es Wände, und der Raum ist begrenzt. Im See ist es ein anderes Gefühl, als wäre man verloren“, erläutert sie. Auch der teils kräftige Wellengang im Chiemsee sei eine ganz neue Erfahrung gewesen.

Renate Hundsberger (rechts) und ihre Schwimmbegleiterin Angela Huy. Kugler

Bei sieben Etappen im Chiemsee sei sie dabei gewesen. „Die längste Etappe, die ich geschwommen bin, waren knapp drei Kilometer“, sagt sie. Eine weitere Strecke habe sie sich nicht zugetraut. Dennoch will sie schneller werden und ihre Technik weiter verbessern und an einem größeren Triathlon teilnehmen.

Für Behinderte schwieriger in Vereine zu kommen

An der Aktion der Endorfer Triathleten wollte Hundsberger teilnehmen, weil sie findet, dass Kinder gefördert werden müssen. „Deutschland liegt in vielen Bereichen beim Thema Inklusion sehr weit vorne. Trotzdem ist es schwierig, in Sportvereine zu kommen“, erläutert sie. Auch die Trainer in den Vereinen müssten besser auf den Umgang mit behinderten Sportlern vorbereitet werden, beziehungsweise Hilfe bekommen, damit sie sich bei Fragen an jemanden wenden könnten.

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Besserer Zugang zu Sportvereinen

Das weiß auch Irene Oberst, eine der zwei Behindertenbeauftragten des Landkreises. „Über den Arbeitskreis Inklusion wollen wir ehrenamtliche Begleiter suchen, damit Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung am Sport in Vereinen teilnehmen können“, erklärt Oberst. Mit dem Erlös aus der Spendenaktion soll Sportvereinen und den Trainern die nötige Unterstützung bieten, damit künftig Menschen mit Behinderung teilnehmen können.

Auch Dr. Gerhard Kluger aus Höslwang, Sportmediziner und Kinderarzt mit Schwerpunkt Neurologie an der Schönklinik in Vogtareuth, war zusammen mit Frau und Tochter in der Schwimmgruppe dabei. „Es war ein tolles Abenteuer mit gutem Zweck“, berichtet er. Aufgrund seines Berufs liege auch ihm das Thema Inklusion in Sport und Freizeit sehr am Herzen.

Gruppe erschwimmt 500 Euro

Am Donnerstag, 10 September, schwammen die Sportler ihre letzte Etappe und beendeten die Runde an ihrem Ausgangspunkt am Prienavera. Dort wurden sie von den Cheerleadern des TuS Prien, Bad Endorfs Bürgermeister Alois Loferer, stellvertretender Landrätin Andrea Rosner sowie dem Prienavera-Geschäftsführer, Dirk Schröder. „Wir haben einen Check im Wert von 500 Euro erschwommen“, freut sich Kluger.

Schwimmgruppe setzt sich für Menschen mit Behinderung ein

Unter dem Motto „Nicht immer neue Herausforderungen in der Ferne suchen, sondern gemeinsam Vertrautes mit anderen Sinnen erleben“ gelang der privat organisierten Freiwasser-Neigungs-Gruppe mit Schwimmern des TSV Bad Endorf (Abteilung Berglauf &Triathlon) in mehreren Etappen die komplette Umrundung des Chiemsees. Mit der Aktion möchten die Schwimmer Spenden für die Inklusion in Sportvereinen vom „Arbeitskreis Inklusion – Menschen mit Behinderungen in Stadt und Landkreis Rosenheim mittendrin“ sammeln.

Den Startschuss gab Schwimmtrainer Andreas Freier des TSV Bad Endorf am Prienvera. In 22 Etappen zwischen zwei und 4,5 Kilometern legten die Schwimmer insgesamt 55 Kilometer zurück und sind zum jeweiligen Ausgangspunkt zurückgelaufen. Wechselkleidung und Laufschuhe zogen sie in aufblasbaren Schwimmbojen in Leuchtfarbe hinter sich her. Geschwommen wurde in Ufernähe unter strenger Berücksichtigung der Naturschutzzonen. Die Gruppe bestand aus Susanne Götz, Tina Gröne, Renate Hundsberger, Lorenz Kiwull, Evelyn Kluger, Felicitas Kluger, Andreas Maiwald, Lucy Maiwald, Tom Maiwald, Jürgen Pöpperl, Gabi Schmid, Tom, Herbert Wunder und Günter Zipprich. Die Gesamtstrecke geschafft haben Angela Huy, Konrad Berger, Holger Jenet und Gerhard Kluger. Spenden für das Projekt „Inklusion in Sportvereinen“ des „Arbeitskreises Inklusion – Menschen mit Behinderungen in Stadt und Landkreis Rosenheim mittendrin“sind möglich an: AK Inklusion; IBAN: DE02 7115 0000 0000 0573 98 bei der Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling; Verwendungszweck: „Inklusion in Freizeit und Sport“.

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