"Alle leiden unter der Perspektivlosigkeit"

"Nirgendwo habe ich jemals eine schönere Altstadt gesehen als die von Sana&#39a, mit den Wohntürmen aus Naturstein und Lehm", sagt DJG-Vorsitzende Gudrun Orth. Foto re
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"Nirgendwo habe ich jemals eine schönere Altstadt gesehen als die von Sana'a, mit den Wohntürmen aus Naturstein und Lehm", sagt DJG-Vorsitzende Gudrun Orth. Foto re

Die Deutsch-Jemenitische Gesellschaft (DJG) pflegt seit 45 Jahren intensive Beziehungen zu Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen im Jemen. Jetzt hat Vorsitzende Gudrun Orth eine Regionalgruppe mit Sitz in Prien gegründet.

Erste Veranstaltung: eine Filmmatinee mit Diskussion in Marias Kino in Bad Endorf. Für die Veranstaltung hat der deutsche Botschafter im Jemen, Andreas Kindl, die Schirmherrschaft übernommen. Im Interview erläutert DJG-Vorsitzende Orth, warum im Jemen ein "vergessener Krieg" tobt und wie es den Menschen geht.

∗ Der Jemen, ärmstes Land in der arabischen Welt, ist seit Anfang März Opfer eines erbitterten Krieges. Wie stellt sich die derzeitige Situation für Sie als Vorsitzende der Deutsch-Jemenitischen Gesellschaft dar?

Die meisten der rund 500 Mitglieder der DJG waren beruflich oder touristisch im Jemen unterwegs, oft über längere Zeit. Einige haben auch familiäre Bindungen in den Jemen. Der gewohnt intensive Austausch, auch durch Besuche, ist in Kriegszeiten nicht möglich. Die Situation für die Menschen ist regional sehr unterschiedlich, was die Zerstörung der Infrastruktur betrifft und die Versorgung mit Wasser, Treibstoff, Lebensmitteln und Medikamenten. Und wie in allen Konflikten: Die arme Bevölkerung leidet am meisten. Ich erlebe einerseits Menschen als sehr anpassungsfähig, stark und geduldig. Andererseits kommen auch Hilferufe von Menschen, die hungern, Angst um ihr Leben und das Überleben ihrer Familien haben. Alle leiden unter der Perspektivlosigkeit.

∗ Warum herrschen vier Jahre nach dem arabischen Frühling, der auch im Jemen Hoffnung auf eine Wende hin zu einer modernen Gesellschaft verbreitete, Krieg und Chaos?

Im arabischen Frühling forderte die Bevölkerung den Rücktritt des Langzeitpräsidenten und mehr Möglichkeiten der Teilhabe, politisch und wirtschaftlich. Die friedliche Revolution wurde von alten Konflikten überlagert: Mächtige Stämme rivalisieren um Einfluss und Macht, starke Kräfte im Süden wollen die Unabhängigkeit wieder erlangen, die Huthis aus dem Norden wollen mehr Einfluss und Mitsprache, ebenso wie die Partei der "Muslimbrüder". Der jemenitische Ableger von Al-Qaida destabilisiert mit Terrorakten. Alle Kräfte waren sich jedoch einig gegen Einmischungen von außen, insbesondere in der Ablehnung des US-amerikanischen Drohnenkriegs und gegen saudische Einflussnahme in innere Angelegenheiten.

Mit starker Unterstützung des Westens und des Golfrates kam es zum Wechsel in der politischen Führung - aber man setzte auf Stabilität statt auf Veränderung. Der folgende nationale Dialog, erarbeitete Grundlagen für den Umbau der Nation und der Gesellschaft, die jedoch sehr zögerlich umgesetzt wurden. Die Übergangsregierung verlor an Macht und in weiten Landesteilen an Kontrolle. Damit war der Weg frei für die neue alte Kraft, die Huthis aus dem Norden, die versprachen - vier Jahre nach der abgewürgten Revolution - Misswirtschaft und Korruption zu bekämpfen. Die Übergangsregierung im Exil schlug mit Hilfe der Saudis und ihrer Verbündeten zurück und will den Jemen so lange bombardieren, bis er "stabil" ist.

∗ Wie kommt es, dass der "vergessene Krieg" im Jemen nicht im Fokus der Öffentlichkeit steht? Auch in den Medien findet er nur selten Beachtung.

Vom ersten Tag des Krieges an gibt es Berichte über Menschenrechtsverletzungen aller Konfliktparteien und über die katastrophale humanitäre Situation im Jemen. Aber selbst Berichte von UN-Organisationen werden von den westlichen Regierungen und den Medien kaum wahrgenommen. Auch die Zerstörung von Weltkulturerbe im Jemen durch saudische Luftangriffe wird kaum medial verarbeitet. Saudi Arabien als Anführer der kriegsführenden Koalition ist ein geschätzter Partner der westlichen Welt, sowohl als Öllieferant als auch im Kampf gegen den Terror. Eine Kritik an der Kriegsführung von Saudi-Arabien von Regierungsseite erfolgt nicht. Schließlich liefert die ganze westliche Welt Waffen und Munition für diesen Krieg.

∗ Gibt es eine Chance auf baldigen Frieden? Welcher politische Weg müsste gegangen werden?

Die Analysten und Beobachter sehen keine schnelle Lösung. Delegationen der Huthis und der international anerkannten Übergangsregierung treffen sich regelmäßig mit Unterstützung der EU, auch der Bundesrepublik und der UN. Bisher kam es zu keinem Lösungsansatz. Aber es ist auch klar, diesen Krieg kann keine Seite militärisch gewinnen. Es muss eine Lösung auf dem Verhandlungsweg geben - und zwar mit echter Beteiligung aller Parteien und vor allem der Zivilgesellschaft.

∗ Auffällig ist, dass kaum Flüchtlinge das Land verlassen. Welche Erklärung gibt es dafür?

Seit dem Tag der ersten Luftangriffe hat die saudische Koalition die Flughäfen und Häfen des Landes gesperrt, die Nachbarländer verweigern Jemeniten die Einreise oder Weiterreise. Im ganzen Land sind Städte zerstört, die Menschen sind in ihre Heimatdörfer oder in sichere ländliche Regionen geflohen. Zehntausende sind aber auch über das Rote Meer nach Somalia und Djibouti geflohen. Inzwischen sind die ersten jemenitischen Flüchtlinge nach einer langen Flucht durch Afrika in Deutschland und Europa angekommen. Und es werden mehr. Der Weg von Sana'a nach Deutschland ist doppelt so weit wie der Weg von Damaskus hierher.

∗ Wie haben Sie persönlich das Land in den vergangenen über 20 Jahren erlebt - als "glückliches Arabien", wie es einst von den Römern genannt wurde, oder als Land, in dem das Chaos und bittere Armut regieren?

Ich hatte das große Glück, selber in Bildungsprojekten, vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit finanziert, an der Entwicklung des Landes mitwirken zu können. Jedes Kind, das in einer funktionierenden Schule mit Toiletten und einer Tafel an der Wand lernen konnte, wurde ein Botschafter für ein besseres Leben. Ich habe auch Armut gesehen - und gleichzeitig Menschen mit viel Potenzial erlebt, die sich engagiert und ihr Umfeld verändert haben. Wie in allen armen Ländern gibt es alles nebeneinander und gleichzeitig: die Frauenrechtlerin und die Analphabetin, die junge Mutter mit zehn Kindern und die junge Frau, die erst studiert und dann einen Mann sucht, das Mädchen, das bereits mit zehn Jahren drei Sprachen spricht und das Mädchen, das nie eine Schule besucht hat. Ja, auch im Chaos gibt es starke Kräfte, die positive Entwicklungen vorangetrieben haben. Dies alles wird seit acht Monaten Tag für Tag zerstört.

Interview: Heike Duczek

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