Nachhaltigkeit

Wer soll diese Mieten noch bezahlen? – Experte warnt vor immer mehr Obdachlosen in der Region

Die Wohnungsnot in der Region nimmt zu.
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Die Wohnungsnot in der Region nimmt zu.

Rosenheim – Bei der Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit gibt es Rat und Unterstützung für Menschen in Wohnungsnot. Im Interview berichtet Klaus Voss, der Leiter des Diakonischen Werkes Rosenheim, von den Herausforderungen dabei.

Was ist das größte Problem für einkommensschwache Menschen auf dem Wohnungsmarkt?

Klaus Voss: Die Notlagen der hilfesuchenden Menschen werden immer komplexer. Bei relativ stabilem Einkommensniveau haben sich die Mietpreise stetig erhöht. Die Faustregel, die Miete soll nicht mehr als 30 Prozent des Nettoeinkommens betragen, ist nicht mehr realisierbar. Wer höhere Fixkosten allein fürs Wohnen hat, kann die Wohnung auf Dauer nur schwer bezahlen. Gerade für einkommensschwache Haushalte ist dies nicht mehr zu bewältigen – insbesondere, wenn noch ein „Handicap“, etwa ein Bruch in der Biografie dazu kommt. Diese verzweifelten Menschen suchen uns dann auf, wenn sie wohnungslos werden, von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder in unzumutbaren Wohnverhältnissen wohnen. Die Anzahl der Hilfesuchenden steigt immer mehr an.

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Ist gefördertes Wohnen eine Lösung dafür?

Voss: Die alleinige Lösung wird das geförderte Wohnen nicht bieten können. Selbst bei den guten Rahmenbedingungen wird die Quantität des Wohnraums in unserer Region nicht ausreichen, selbst wenn die Programme gut sind. Man wird auch zukünftig Haushalte finden, die sich aus eigener Kraft nicht angemessen mit Wohnraum versorgen können. Die Zahl der Sozialwohnungen ist in den vergangenen Jahren massiv zurückgegangen. Derzeit fehlten nach aktuellen Schätzungen mehr als fünf Millionen Sozialwohnungen in Deutschland.

Aus diesem Grund haben wir mit der Stadt Rosenheim Konzepte entwickelt, um die steigende Zahl der Wohnungsnotfälle zu bewältigen. Sie reichen von Prävention bis ordnungsrechtlicher Unterbringung. Für unsere Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit ist der Erhalt des Wohnraums oberstes Ziel.

In der Region wird viel gebaut. Wird das die Spannung vom Wohnungsmarkt im günstigen Segment nehmen?

Voss: Der Mangel an Wohnraum ist in allen Segmenten zu erkennen. Die hochpreisigen Wohnungen können nur noch Wenige bezahlen, diese drängen auf das mittelpreisige Segment und diese auf das Niederpreissegment. Sie können sich nun sicher vorstellen, dass der Verdrängungskampf im Niedrigpreissegment am härtesten ist.

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Dies betrifft nicht nur den klassischen Obdachlosen, sondern auch die alleinerziehende Frau, die nur halbtags arbeiten kann. Bezahlbarer Wohnraum ist kein Unterschichtsproblem, sondern mitten in der Gesellschaft angekommen.

Was tun, wenn man keine Wohnung findet?

Voss: Ist die Wohnung gekündigt oder die Räumungsklage anberaumt, erfolgt in der Regel ein Kontakt mit dem Wohnungsamt. Auch wird vom Sozialamt oder vom Jobcenter geprüft, ob eine Mietschuldenübernahme möglich ist. Die Stadt als Obdachlosenbehörde ist verpflichtet, eine ordnungsrechtliche Unterbringung, etwa in Pensionen oder bei uns, zu veranlassen. Ohne Betreuung ist das fatal und sozial eine Sackgasse. In enger Absprache mit der Stadt betreiben wir vier Unterkünfte mit etwa 80 Plätzen. Dort werden in abgestuften Konzepten die Menschen nicht nur untergebracht, sondern auch psychosozial versorgt. Wir versuchen, die Betroffenen so rasch wie möglich wieder in normale Mietwohnungen zu vermitteln. khe

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