Regionales Netzwerk: Sanieren ohne Mietexplosion

Bunte Hausgemeinschaft: Bewohner der Villa Kunterbunt in Niedertaufkirchen.
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Bunte Hausgemeinschaft: Bewohner der Villa Kunterbunt in Niedertaufkirchen.

Das SauRiassl Syndikat aus Altötting kauft bevorzugt alte Häuser, deren Erhalt sich auf den ersten Blick nicht lohnt. Das Ziel: energetische Sanierung und selbstbestimmtes Wohnen zu fairen Mieten. Zu den aktuellen Projekten gehört auch ein ehemaliges Wirtshaus in Niedertaufkirchen.

Beim SauRiassl Syndikat aus Altötting handelt es sich nicht um einen Wohltätigkeitsverein, sondern um ein regionales Netzwerk. „Wir wollen die Häuser dem Immobilienmarkt und damit der Spekulation entziehen. Die Kosten müssen aber natürlich gedeckt sein“, betont Geschäftsführer David Pietzka.

Wirtschaften nach Gemeinwohl-Prinzip

Doch die Finanzierung der Projekte – dies wird über Eigenmittel wie Direktkredite und Bankdarlehen gestemmt – ist auf einen viel längeren Tilgungszeitraum ausgerichtet und muss keine Renditeziele erfüllen. Dieses Gemeinwohl-Prinzip erlaubt eine moderate Entwicklung der Mieten. Zudem kümmern sich die Bewohner gemeinsam um alle Belange, die rund ums Haus anfallen, wie Gartenarbeit oder Schneeräumen. Dadurch können sie sich Kosten sparen. In den Wohnprojekten hat jeder dauerhaftes Wohnrecht. Entscheidungen trifft die Hausgemeinschaft gemeinsam.

Hausbewohner treffen autonom Entscheidungen

Aber Selbstverwaltung bedeutet noch viel mehr: „Unsere Hausbewohner sollen autonom alle Entscheidungen über ihr Haus treffen und ihre Ideen verwirklichen. Auch neue Mitbewohner sollen sie sich selber aussuchen“, sagt Pietzka. „Wir übernehmen bei Bedarf hauptsächlich Verwaltungsaufgaben und unterstützen beratend.“

Hohe Nachfrage

David Pietzka weiß, wovon er spricht: Er wohnt selbst in einem Wohnprojekt. Der Verein „Altöttinger Mieter Konvent“, kurz AMK, wurde 2009 gegründet. Damalige Mieter kauften zwei Gebäude in Altötting und sanierten die Häuser über die Jahre. Unterstützt wurden sie dabei vom Mietshäuser Syndikat, einem bundesweiten Netzwerk. Die damals gesammelten Erfahrungen bewegten ihn mit ein paar Mitstreitern 2018 zur Gründung des Vereins „SauRiassl Syndikat“, der weitere Wohnprojekte der Region unterstützt: „Wir wollen unser Wissen und Können, angefangen bei den rechtlichen Hürden über die Organisation bis hin zur Verwaltung, gezielt in die Region tragen.“

Gegengewicht zum explodierenden Wohnungsmarkt

Und somit der Kostenexplosion auf dem Wohnungsmarkt etwas entgegensetzen, von dem auch Menschen ohne Eigenheimkapital profitieren können. Die Nachfrage ist enorm: „Wir bekommen fast wöchentlich Anfragen von Menschen, die entweder bei uns einziehen möchten oder aber ein Objekt vorschlagen wollen, das wir als nächstes kaufen sollen“, sagt Pietzka.

Auch für Gina Schütt passt diese Art des Zusammenlebens. Die zweifache Mutter ist erst im September in die sogenannte „Villa Kunterbunt“ in Niedertaufkirchen gezogen: „Bis jetzt finde ich es sehr spannend. Das Haus ist eine große Gemeinschaft. Dass hier noch andere Kinder wohnen, ist super, jeder schaut aufeinander.“ Insgesamt wohnen derzeit neun Erwachsene, zwölf Kinder, zehn Katzen und vier Hunde in der Villa Kunterbunt.

Sanieren auf modernstem Niveau

Neben der alternativen Wohnidee steht der Erhalt der Häuser: Diese sollen nicht nur „bewohnbar“ gemacht werden, sondern fit für die nächsten Jahrzehnte. „Wir setzen auf ökologisch sinnvolle und energetisch notwendige Maßnahmen nach aktuellen Standards“, erläutert Pietzka. So auch bei dem über 100 Jahre alten Gebäude in Niedertaufkirchen, einem ehemaligen Wirtshaus. Hier wurden die Fenster getauscht, die Außenfassade sowie das Dach gedämmt und die alte Ölheizung durch ein neues System mit Pellets ersetzt. Der alte Öltank wurde zu einer Regenwasserzisterne umgewandelt.

Weniger Energieverbrauch

Das Ergebnis: Zwei Drittel weniger Primärenergieverbrauch im Vergleich zu vorher. Eine Mieterstromanlage auf dem neugedeckten Dach produziert Strom, der direkt von den Bewohnern genutzt werden kann. Dabei wurden alle Sanierungsmaßnahmen ohne öffentliche Förderung umgesetzt: „Wir haben Darlehen von der KfW bekommen, die wir zurückzahlen müssen, aber zum Beispiel keine Wohnbauförderung“, betont Pietzka. Denn die Auflagen für sozialen Wohnungsbau seien sehr hoch und im Altbau oft nicht umsetzbar, „zum Beispiel wegen mangelnder Barrierefreiheit“, so Pietzka.

Carola Glöckner, die bereits vor der Sanierung in der Villa Kunterbunt gewohnt hat, ist vom Umbau begeistert: „Ich habe viel an Wohnqualität gewonnen. Mich freut auch, dass wir uns bei der Fassadengestaltung einbringen konnten“, sagt sie mit einem Lächeln. Denn so hat jedes Fenster eine Umrahmung in einer anderen Farbe bekommen – Villa Kunterbunt eben.

Sauriassl – woher kommt der Name?

Der Name „Sauriassl“ – Schweineschnauze – bezieht sich auf eine gebräuchliche Bezeichnung für die Region zwischen Inn und Salzach. Wenn man sich auf der Karte anschaut, wie die zwei Flüsse zusammenfließen, dann sieht das so aus wie ein Saurüssel.

Die Bedeutung dahinter ist, dass die zwei Flüsse eine Wetterscheide bilden und sich dadurch im Landkreis Altötting weniger Unwetter ereignen als anderswo. Der „SauRiassl“- Verein wiederum hält in diesem Sinne die Unbilden des ungeschützten Immobilienmarktes von seinen Mietern fern.

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