Das Plastikproblem anpacken

Sieht nach Urlaub aus, ist aber harte Arbeit. Das engagierte Team um den Schweizer Marco Simeoni möchte die Weltmeere vom Plastik befreien. Neun Monate waren sie dafür auf diesem Katamaran unterwegs und haben geforscht. Peter Charaf

Jede Minute gelangt eine Lkw-Ladung an Kunststoffen in die Ozeane. Das sind 1440 Müllwägen pro Tag und insgesamt acht Milliarden Kilo Kunststoffabfälle pro Jahr. Zeit zu handeln! Engagierte Menschen aus aller Welt haben sich bereits dem Kampf gegen das Plastik verschrieben.

Selbst wenn das Recycling von Plastik in Zukunft besser funktionieren sollte, gelangen gegenwärtig noch immer gewaltige Mengen an Abfällen über große Mülldeponien in Flüsse und Ozeane.

Dort verursachen Kunststoffe jeder Größe schwere Schäden an Meerestieren. Vögel verschlucken die vermeintliche Nahrung, Schildkröten verwechseln Tüten mit Quallen und Fische verfangen sich in Plastik. Mikrokunststoffe und Giftstoffe stellen eine Gesundheitsgefährdung für alle Organismen dar. Und auch in der Region sind Gewässer und Böden bereits mit Plastik verunreinigt.

Die Politik zaudert

Dieses Problem ist zwar in Öffentlichkeit, Wirtschaft und Politik bekannt, aber in Deutschland lassen politische Entscheidungen auf sich warten.

Darüber hat sich jüngst Bundesentwicklungsminister Müller geärgert, als er feststellte, dass viele ärmere Länder in der Lage seien, der Kunststoffflut den Kampf anzusagen. Deutschland dagegen ruhe sich auf seiner scheinbar funktionierenden Recycling-Industrie aus und denke, es sei genügend getan. So erließ Bangladesch als erstes Land weltweit bereits im Jahr 2002 ein Verbot von Plastiktüten. Seither hat das Beispiel Schule gemacht: Inzwischen sind Plastiktüten in mehr als 30 Ländern nicht mehr erlaubt. Doch noch immer gelangen riesige Abfallmengen in Seen, Flüsse und Meere. Doch es gibt Menschen und Initiativen, die sich dem Plastikproblem global und regional entgegenstemmen.

Bürger und Initiativen handeln

So etwa Günther Bonin, der Gründer der Münchner Umweltorganisation „One Earth – One Ocean“. Er hat den Spezialkatamaran „Seekuh“ zum Sammeln von Plastikmüll in Gewässern entwickelt. Das Schiff ist zerlegbar und kann per Frachtcontainer zu Einsätzen an jeden Ort der Welt gebracht werden. Die „Seekuh“ ist für den Einsatz in küstennahen Regionen und Flussmündungen konzipiert und kann neben dem Müllsammeln auch Wasseranalysen vornehmen. www.oneearth-oneocean.de.

Einem anderen Ansatz verfolgt ein Team aus den Niederlanden. „Wir glauben, dass Kunststoffabfälle eingefangen werden müssen, bevor sie die Ozeane erreichen“, erklären die Gründer von „The great Bubblebarrier“. Aktuelle Lösungen, die den Plastikabfall in den Flüssen stoppen sollen, haben ihrer Meinung nach zwei große Nachteile: Sie blockieren den Schiffsverkehr und/oder behindern die Fischmigration. „Wir haben eine elegante Lösung entwickelt, die Abfälle im Fluss blockiert, aber trotzdem die Passage von Fischen und Schiffen ermöglicht: eine Barriere aus Blasen.“ Indem Luft durch ein perforiertes Rohr am Gewässergrund gepumpt wird, entsteht ein Blasengitter, das einen Aufwärtschub erzeugt. Dadurch wird das Plastik an in die Oberfläche befördert, Fische oder Schiffe können hingegen einfach durchfahren oder -schwimmen. www.thegreatbubblebarrier.com.

Race for Water

Auf Prävention setzt auch ein Abenteurer aus der Schweiz. Den Unternehmer Marco Simeoni machte seine Liebe zum Segeln zu einem Aktivisten in Sachen Meeresschutz. Mit einem Team von Wissenschaftlern begab er sich auf eine neun-monatige Reise über die Ozeane, um Müllproben zu sammeln und Plastikbelastungen zu kartieren. Als er zurückkam, wurde ihm klar, dass er nicht die Lösung gefunden hatte, die er suchte. „Plastik-Mikropartikel sind überall in den Ozeanen. Es ist völlig unmöglich, das aufzuräumen. Wir müssen das Plastik sammeln, bevor es als Abfall ins Wasser gelangt“, sagte er. Das führte zur Entwicklung einer Technologie, die für die Verwertung gemischter und verdreckter Kunststoffabfälle geeignet ist, denn sie bricht die Kunststoffpolymere auf und verwandelt sie in ein Gasgemisch, das über Verbrennung Strom produzieren kann. Die Einkünfte aus dem Stromverkauf sollen zum Sammeln anregen, bevor das Plastik in den Ozean gelangt. Mehr unter www.raceforwater.org.

Eine Börse für das Plastik

Auch Christian Schiller kam zur einfachen Erkenntnis: Was einen Wert hat, wird nicht weggeworfen. Sein Projekt: Die Plattform „cirplus“ mit Geschäftssitz in Hamburg. Sie soll recycelten Kunststoffen ökonomischen Wert geben und den Anreiz erhöhen, Kunststoffabfälle zu verwerten, statt sie zu verbrennen oder zu exportieren. Auf seiner Plattform können Käufer und Verkäufer nach Kunststoffarten und -mengen suchen und Angebote vergleichen. www.cirplus.de.

Informieren im Netz

Der Plastikatlas bietet Daten und Fakten über eine Welt voller Kunststoff und zeigt: Die Hauptursache für die Plastikkrise liegt nicht bei den Verbrauchern, sondern bei international agierenden Unternehmen. Mit zahlreichen Grafiken, Zahlen, Daten, Fakten und Aufsätzen. Kostenlos zum Download unter www.boell.de/de/plastikatlas.

Rund sechs Millionen Tonnen Kunststoffabfälle fallen jährlich in Deutschland an, die recycelt werden sollten. Aber wo landet Plastikmüll und welche Auswirkungen haben Kunststoffe auf Mensch und Umwelt? Informative Sendungen dazu gibt es in der ZDF Mediathek: Zum Beispiel der Beitrag „Gutes Plastik – schlechtes Plastik“ oder die Serie „Terra Xpress“, die über das Recycling-Märchen informiert.

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