Planet Heimat: Gift im Boden

Bienen und andere Nützlinge fallen dem prophylaktischem Pestizideinsatz zum Opfer.
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Bienen und andere Nützlinge fallen dem prophylaktischem Pestizideinsatz zum Opfer.

Chemie soll die Erträge der Landwirtschaft steigern. Das schadet der Artenvielfalt. Doch es geht auch umweltfreundlich!

Große Konzerne versprechen mit Mittelchen gegen Unkraut, Schädlinge und Co. wahre Wunder auf den Feldern. Doch die Chemie bringt das natürliche Gleichgewicht durcheinander. Dabei ist Landwirtschaft und Artenschutz kein Widerspruch – wenn man der Natur erlaubt, sich selbst zu helfen.

Wie das geht, erzählen von der BUND Naturschutz-Kreisgruppe Rosenheim Ursula Fees, Geschäftsführerin, Peter Kasperczyk, Vorsitzender, und Dr. Gertrud Knopp, Sprecherin des Arbeitskreises Landwirtschaft und Gentechnik.

Hand aufs Herz – wie viel Chemie kommt auf die Felder in der Region?

Ursula Fees: Es gibt zum Verbrauch bislang nur bundesweite offizielle Zahlen. Das Herbizid Glyphosat ist in vielen Mitteln. Doch genaue Zahlen für die Regionen, gegliedert nach Insektiziden, also Insektenvernichtungsmitteln, Fungiziden zur Pilzbekämpfung und Herbiziden gegen Unkraut wären dringend nötig. Es existieren leider nicht mal Zahlen für Bayern. Meines Wissens gibt es hierzu aktuell eine Anfrage der Grünen an den Landtag.

Welche Pestizide und Co. sind bei uns zugelassen?

Fees: Bundesweit waren im Dezember 2018 insgesamt 872 Mittel unter 1690 Handelsnamen zugelassen. Alles über die Zulassung sowie die zugelassenen Mittel findet man auf einer Datenbank des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Landwirtschaft. Das Unkrautvernichtungsmittel Round up gibt es in einer Vielzahl von Varianten, alle enthalten den Wirkstoff Glyphosat, Amistar dagegen ist ein gängiges Fungizid.

Welche kommen im Landkreis Rosenheim konkret zum Einsatz?

Fees: Im Landkreis werden 70 Prozent der Flächen als Grünland, 30 Prozent für andere Kulturen bewirtschaftet. Hierbei sind Mais und Getreide die Hauptkulturen. Im Grünland kommen unter Umständen Herbizide wie Glyphosat zur Einzelpflanzenbekämpfung von Ampfer zum Einsatz. Es wird also nicht flächig gesprüht, sondern nur die jeweilige Pflanze bekämpft. Bei Mais und Getreide ist sowohl Herbizid-, Fungizid- als auch unter Umständen der Insektizid-Einsatz üblich.

In den Fokus geraten ist vor einigen Jahren das Beizen von Saatgut, damals mit Neonicotinoiden oder ihren Nachfolgeprodukten. Die Wirkstoffe sind extrem insektenschädlich und führten zum Beispiel bei Bienen zu Orientierungslosigkeit und zu großen Verlusten bei den Bienenvölkern.

Was hat es mit dem Beizen von Saatgut auf sich?

Dr. Gertrud Knopp: Viele Samen werden direkt mit Pestiziden gebeizt. Beizen ist ein Beispiel für einen prophylaktischen Pestizideinsatz unabhängig von einem tatsächlichen Befall. Es wird mit Pestiziden behandelt, damit Krankheiten nicht auftreten Dieser vorbeugende Pflanzenschutz bringt aber unnötigerweise Gifte in die Umwelt, bevor bekannt ist, ob Schaderreger vorhanden sind. Denn es ist gar nicht gesagt, dass diese auftreten würden. Meist wirken die Pestizide nicht nur spezifisch auf eine Art oder einen Schaderreger, sondern vernichten auch andere Insekten, etwa Nützlinge oder Gliedertiere, die als Nahrung für Vögel andere Tiere dienen würden. Somit wird einem natürlichen Gleichgewicht und Schädlingsreduzierung durch den prophylaktischen Pestizideinsatz der Garaus gemacht.

Welche Auswirkungen haben Pestizide auf die Natur?

Peter Kasperczyk: Das Umweltbundesamt (UBA) beschreibt die Gefahren und möglichen Auswirkungen meiner Meinung nach zutreffend, mit Ausnahme des Begriffes „Pflanzenschutzmittel“ statt Pestizide, der die Wirkungen verharmlost. Laut UBA werden Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft großflächig und in verhältnismäßig großen Mengen in die Umwelt ausgebracht, um Pflanzen vor Schadorganismen zu schützen.

Allerdings ist die Wirkung der meisten Mittel nicht auf diese beschränkt. Durch Spritznebel oder Abriebstäube können sie in umliegende Gebiete kommen. Durch Abschwemmung nach Regen sowie über Drainageleitungen fließen sie in Gewässer und das Grundwasser. Konkret kann das zu einem Rückgang der Artenvielfalt, zu Monokulturen, dem Verschwinden von Lebensräumen, der Gefährdung von Gewässern führen.

Haben Sie Beispiele?

Dr. Knopp: Durch den Einsatz von Glyphosat kommt es in Gewässern etwa zu einem Rückgang von Plankton und einem Anstieg von Cyanobakterien. Das führt zu einem gestörten Sauerstoffhaushalt und wirkt sich direkt auf die Fische im Wasser aus. Der Einsatz von Herbiziden kann Amphibien schädigen, weil deren Haut zum Beispiel empfindlicher wird gegenüber Pilzen und Krankheiten.

Gibt es alternative Lösungen des nachhaltigen Pflanzenschutzes?

Dr Knopp: Ja, die gibt es in der ökologischen Landwirtschaft, wo Pestizideinsatz generell verboten ist. Auch im konventionellen Landbau gibt es durchaus Wege, aus dem Herbizid-Einsatz auszusteigen: Langzeit-Freiland-Versuche haben gezeigt, dass eine Reduktion des Einsatzes von Pestiziden um zum Beispiel 50 Prozent den Getreideertrag nicht beeinträchtigt.

Beikräuter und vermeintliches Unkraut schaffen Lebensräume für Fressfeinde von Schädlingen – die natürliche Schädlingskontrolle kann sich entfalten. Im ökologischen Landbau gibt es für die jeweiligen Kulturen Verfahren, um ohne Pestizide auszukommen.

Zum Beispiel?

Fees: Ampfer auf dem Grünland kann man etwa mechanisch ausstechen oder man fördert den Ampferblattkäfer. Wird dann gemäht, wenn der Käfer verpuppt im Boden liegt, kann er sich optimal vermehren. Seine Gegenleistung: Er durchlöchert die Blätter des Ampfers und schwächt dadurch die Unkraut-Pflanze .

Wie schätzen Sie den Pestizideinsatz in Rosenheim im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands ein?

Kasperczyk: Aufgrund der landschaftlichen Gegebenheiten und Struktur der landwirtschaftlichen Betriebe gehört unsere Region wahrscheinlich nicht zu den extremen. Positiv ist: Im Landkreis Rosenheim werden zwölf Prozent der Flächen ökologisch bewirtschaftet, was im Vergleich zu anderen Regionen hoch ist und was wir sehr erfreulich finden und sehr begrüßen.

Eine weitere Ausweitung des ökologischen Landbaus ist unseres Erachtens dennoch dringend geboten. Hierzu können die Verbraucher durch ihr Einkaufsverhalten Einfluss nehmen.

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