Nachhaltig Wohnen mit Strategie

Funktionale Räume sparen Platz und sind trotzdem gemütlich.
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Funktionale Räume sparen Platz und sind trotzdem gemütlich.

Warum muss ein Raum mit nur einer Funktion „blockiert“ sein, wird das Schlafzimmer zum Beispiel nur zum Schlafen genutzt? Wie kann eine Hausgemeinschaft zusammen etwas zum Wohle aller auf die Beine stellen? Und was sagt das Muster des eigenen Alltags über den idealen Wohnort aus? All diese Fragen lassen sich durch die Brille der „Permakultur“ beantworten.

Das Konzept der Permakultur ist einige Jahrzehnte alt. Geprägt haben es die Australier Bruce Charles Mollison und David Holmgren ab dem Jahr 1970 nach einem Aufenthalt bei den australischen Ureinwohnern. Dort lernten sie, wie die naturverbundenen Menschen nachhaltig mit ihrer Umwelt umgingen.

Die Basis ihres Konzepts ist die Erhaltung der Ressourcen und die Orientierung an natürlichen Kreisläufen. Nach der Wortbedeutung „permanent“ im Sinne von „nachhaltig“ und dem englischen agriculture kamen ihre Erfahrungen zunächst in der Landwirtschaft zum Einsatz. Doch inzwischen wird die Idee auch in anderen Bereichen angewendet, unter anderem in der Wohnkultur. Das Ziel: vernetzte, nachhaltige und multifunktionale Ökosysteme, die den Mustern und den Ressourcen der Natur nachempfunden sind.

Wohnen nach Mustern der Natur

So wie ein Architekt eine bestimmte Methode anwendet, um ein Bauwerk zu erschaffen, kann man Permakultur-Design anwenden, um ein nachhaltiges Wohnumfeld zu planen und umzusetzen. Michael Strauß aus Rosenheim hat es ausprobiert. Der Diplomingenieur und Permakultur-Designer hat dabei erlebt, wie man auch als Mieter die eigene Nachhaltigkeit optimieren kann.

So kam es dazu: „Mir und meiner Frau stand ein Umzug bevor. Der Vermieter unserer Wohnung in Brannenburg hatte uns wegen Eigenbedarf gekündigt.“ Die Voraussetzung für die beiden war: „Wir wollten vom neuen Wohnort aus umweltfreundlich an unsere Arbeitsstätten nach Kolbermoor und München gelangen.“ Außerdem sollte die Wohnlage ruhig sein und die Miete innerhalb des vorgesehenen Budgets liegen.

Für den idealen Wohnort nach der Prämisse der Permakultur sind einige Überlegungen zu treffen, bevor man sich auf die Wohnungssuche macht. „Für eine gute Standort-Entscheidung sollte man zum Beispiel die eigenen Bewegungsmuster und die allgemeinen Verkehrsströme in der Nähe einer potentiellen Wohnung verstehen“, empfiehlt Strauß.

Fünf Wohnungen hat sich das Ehepaar angesehen. Nur wenige Monate dauerte die Suche. Die neue Bleibe haben sie im Rosenheimer Stadtteil Fürstätt gefunden. Praktisch: Sie liegt zentrumsnah, an der Kreuzung zweier Bahnlinien. „Wegen der Bahnübergänge fließt der Autoverkehr in größerem Abstand vorbei, was für Ruhe sorgt“, sagt Strauß. Beide Arbeitsorte sind mit dem Fahrrad und den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. „Nach dem Umzug konnten wir sogar eines unserer zwei Autos einsparen“, erklärt er.

Multifunktions-Räume

Ein weiterer Ansatz der Permakultur ist, dass ein Element möglichst mehrere Funktionen erfüllen soll. Das betrifft auch die einzelnen Zimmer. „Die klassische Einteilung in Wohnzimmer, Schlafzimmer und so weiter ignoriert die Tatsache, dass zwei Personen zur gleichen Zeit maximal zwei Räume nutzen können“, sagt Strauß. Mit Permakultur lasse sich jede Menge Platz sparen. So entstanden in der neuen Wohnung der Strauß‘ viele Multifunktions-Zimmer.

„Eine wichtige Investition waren zwei Schlaf-Sofas ohne Abstriche im Schlafkomfort. Damit wurden die Funktionen Wohn-, Schlaf- und Gästezimmer unabhängig vom Raum“, betont er.

Die Vorteile durch die Reduzierung der Wohnfläche auf den tatsächlichen Bedarf sind niedrigere Kosten bei der Kalt-Miete und bei den Heizkosten. Auch gesamtgesellschaftlich wirkt sich die Sparsamkeit beim Platzbedarf positiv aus: Etwa durch einen geringeren CO2-Ausstoß, durch weniger Flächenversiegelung und über die Nachfrage am Mietmarkt auf das Niveau der Mieten.

Experiment hat sich gelohnt

Der dritte Aspekt von Permakultur-Wohnen bezieht sich auf das soziale Umfeld. Man könne laut Strauß jede Menge gemeinsam erreichen, wenn man eine aktive, offene und konstruktive Kommunikation mit den Nachbarn pflegt.

In seinem Fall hatten mehrere Mietparteien der Hausverwaltung angeboten, eine Energie-Sanierung der Fenster finanziell mitzutragen. Die Intention lautete: „Lieber künftig eine etwas höhere Miete als eine höhere Heizkostenabrechnung.“

Außerdem ist die neue Wohnung der Strauß´ von individuell genutzten Gemeinschaftsflächen umgeben. Eine ungenutzte Nische unter der Kellertreppe wird als Vorratslager für Kartoffeln und Äpfel genutzt. Im Gemeinschaftsgarten wird hauseigenes Obst- und Gemüse angebaut. Die Bäume und Sträucher sorgen für Bio-Lebensmittel, für Schatten, Wind- und Sichtschutz sowie Artenvielfalt.

Klar ist: Als Mieter hat man weniger Gestaltungsspielraum, als wenn man etwa ein neues Eigenheim plant. Für Michael Strauß hat sich das Experiment dennoch gelohnt. „Es hat gezeigt, dass auch Mieter einen beachtlichen Einfluss auf ihre Nachhaltigkeit haben“, sagt er. Denn mit Kreativität und etwas Verhandlungsgeschick lasse sich schon einiges verbessern.

Michael Strauß in seinem Permakultur-Garten.

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