Lämmchen voller Lebensfreude

Lämmchen vomWeißen Bergschaf und alpinen Steinschaf auf der Bergwiese von Dr. Christian Mendel bei Neubeuern khe

Gelebter Artenschutz: Ein Schafhalter im Inntal züchtet seltene Schafrassen

Was für ein Gewusel! Auf der Bergwiese von Schafhalter Dr. Christian Mendel bei Neubeuern tummeln sich rund 25 Muttertiere und eine ganze Schar Lämmchen. Viele davon sind erst wenige Tage alt. Sie zupfen an den Grashalmen und hüpfen frech über die Wiese. Einige sind schneeweiß, andere getupft, braun, schwarz oder grau. Es sind keine normalen Schafe, die Dr. Mendel da hält. Es sind zwei seltene und vom Aussterben bedrohte Rassen: Das Alpine Steinschaf und das Weiße Bergschaf.

„Beides sind alpine Urrassen“, erklärt der Schafhalter. Sie wurden einst in kleinen Herden gehalten, sind zutraulich, sehr robust und zäh. Doch mit den modernen und viel leistungsfähigeren Fleischschafrassen konnten die Tiere nicht mithalten, so dass die Bestände stark zurück gingen. Erst mit der Zeit wurde der Wert dieser alten Rassen erkannt. Sie sind nicht nur ein typisches Kulturgut für den Alpenraum, sondern auch wichtig für die Landschaftspflege. „Man kann sie auf ganz magerem Grund halten“, erklärt Dr. Mendel, dem sieben Hektar Grünland gehören, ein Großteil davon Steilhang.

Trittsicher am Steilhang

Karge Wiesen genügen den Schafen und selbst in steilem Gelände treten die kleinen Tiere die Grasnarbe nicht kaputt. Daher werden sie gerne zur Landschaftspflege in Naturschutzgebieten und Biotopen eingesetzt, deren Wiesen verwalden würden, wenn sie nicht abgegrast werden. Dieser Dienst ist dem bayerischen Freistaat bare Geld wert, so dass er die Haltung der seltenen Rassen fördert.

Die meisten männlichen Lämmer werden geschlachtet. Doch bevor deren zartes Fleisch auf einem Teller landet, verbrachten sie einen glücklichen Sommer auf Bergwiesen.

Auch die Wolle der Tiere verwertet Dr. Mendel, der hauptberuflich als Zuchtleiter im Bereich Schaf an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Grub arbeitet. Die Schafe werden zweimal im Jahr geschoren. Die Wolle wird in handwerklichen Partnerbetrieben gewaschen, zu Garn und Filz verarbeitet und daraus etwa Janker, Hausschuhe oder Decken produziert. Über das Wollprojekt der Arbeitsgemeinschaft der Alpinen Steinschafzüchter – zum Beispiel „Kollektion der Vielfalt“ – werden die Produkte vermarktet.

Am wichtigsten ist dem Schafhalter aber das Fortbestehen der Rasse und das Tier an sich. „Mit 15 Jahren habe ich angefangen, Schafe zu züchten“, erinnert sich Dr. Mendel. Seit 1995 hat er Alpine Steinschafe. Damals habe es nur noch rund 50 Zuchttiere in Deutschland gegeben. Inzwischen sind es etwa 1000. Für Dr. Mendel zählen bei seinen Schafen ganz besondere Werte. Statt Leistung geht es ihm um eine natürliche Haltung. „Ich finde es nicht richtig, dass aus den Tieren das Letzte rausgeholt wird“, sagt er.

Liebenswerte Geschöpfe

Sie hätten auch Wertschätzung verdient, für das, was sie dem Menschen geben. „Es sind Geschöpfe, die ein schönes Leben verdient haben“, meint Dr. Mendel, der immer wieder einen Blick in den angrenzenden Stall wirft. Dort lammt gerade eines der jungen Mutterschafe das erste Mal. Nach rund 20 Minuten hört man ein lautes Schnarren: dieses Geräusch gibt die Schaf-Mama von sich, während sie ihr Neugeborenes trocken schleckt. Damit animiert sie das Kleine, aufzustehen und zu trinken. Ein schwarzes und kerngesundes Steinschaf-Lämmchen hat die Welt erblickt.

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