Was Kühe für ein gutes Leben brauchen

Kühe auf der Weide. Pixabay

Zwei Meinungen zum Thema Anbindehaltung

Tierquälerei oder notwendiges Übel und weniger schlimm, als gedacht? Planet Heimat stellt zwei Meinungen zur Anbindehaltung gegenüber.

Frigga Wirths, Tierärztin, Agrarwissenschaftlerin und Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund und der Akademie für Tierschutz in München-Neubiberg sagt:

„Anbindehaltung ist Tierquälerei!“

„Angebundene Rinder können ihr natürliches Verhalten nicht ausüben. Sie können nicht umherlaufen, sich nicht umdrehen, nur stehen und liegen. Sogar sich zu lecken oder kratzen ist kaum möglich. Der Kontakt zu Artgenossen beschränkt sich auf die direkt nebeneinander angebundenen Tiere. Je länger die Fixierung andauert – im Extremfall das ganze Jahr – desto schlimmer. Meist sind die Ställe alt, dunkel, die Luft schlecht. Die Plätze sind zu klein für die seit Jahren immer größer und schwerer gezüchteten Rinder, sodass die Tiere häufig mit den Hinterbeinen auf einem Gitterrost stehen müssen und nicht alle gleichzeitig in natürlicher Körperhaltung liegen können. Auf ungenügend eingestreuten, harten Liegeflächen kommt es außerdem zu Hautabschürfungen. Selbst wenn die Rinder im Sommer einige Wochen auf die Weide dürfen, leben sie in der restlichen Zeit nicht artgerecht. Darüber hilft auch der verharmlosende Begriff der ‚Kombinationshaltung‘ nicht hinweg.

Die Probleme sind seit Jahrzehnten bekannt. Trotzdem ist die Anbindehaltung noch weit verbreitet. 2016 forderte der Bundesrat ein Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung mit zwölfjähriger Übergangsfrist – die Bundesregierung gab jedoch zunächst nur eine Folgeabschätzung in Auftrag. Diese ergab: Ohne Verbot würde der Anteil der Betriebe mit ganzjähriger Anbindung erst 2050 weniger als ein Prozent betragen.

Die Politik muss endlich handeln! Mit einer gesetzlichen Regelung hätten Landwirte klare Bestimmungen an eine zeitgemäße Rinderhaltung, Umbauten müssten finanziell gefördert werden. Das Verwaltungsgericht Münster urteilte 2019, dass die Anbindehaltung nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar sei. So wurde einzelnen Landwirten die ganzjährige Anbindung inzwischen untersagt. Außerdem versuchen Molkereien mit eigener Preispolitik, die Bauern zum Ausstieg aus der Anbindehaltung zu bewegen.“

„Brauchen behutsame Weiterentwicklung!“

Man sollte nicht pauschal urteilen, findet dagegen Isabella Timm-Guri. Die Direktorin vom Fachbereich Erzeugung und Vermarktung des Bayerischen Bauernverbands in München verweist auf die besondere Struktur der Landwirtschaft in der Region:

„Die Milchviehhaltung in Bayern ist geprägt von kleinen und mittleren Familienbetrieben, von denen viele Anbindehaltung haben. Die Gesellschaft will gerade diese Betriebe erhalten. Und das mit gutem Grund: Sie bewirtschaften oft Grenzstandorte und kleinteilige, ökologisch wertvolle Grünlandflächen. Sie tragen zum Klima- und Bodenschutz und zur Artenvielfalt bei und prägen das Bild der ländlichen Räume.

Aus unserer Sicht muss es das Ziel sein, einen Strukturbruch in der bayerischen Milchviehhaltung zu vermeiden. Deshalb lehnen wir ein gesetzliches Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung wie auch eine einseitige Befristung durch den Lebensmitteleinzelhandel ab. Beides würde die Betriebe mit Anbindehaltung zum Aufgeben zwingen und die heimische Milcherzeugung schwächen.

Statt dessen brauchen wir eine behutsame Weiterentwicklung. Es gilt, die Betriebe auf ihrem Weg weg von der ganzjährigen Anbindehaltung zu unterstützen.

Fakt ist: Jeder neu gebaute Stall ist ein Laufstall. Die bestehenden Anbindebetriebe sind aufgeschlossen für Weiterentwicklungen, insbesondere wenn es um Verbesserungen des Tierwohls geht. Fakt ist aber auch: Oft stehen beengte Dorflage, finanzielle Ausstattung, geringe Aussicht auf die Genehmigungsfähigkeit oder fehlende Planungssicherheit durch unsichere Generationenfolge den Baumaßnahmen entgegen. Wir brauchen daher auch Alternativen zum Neubau eines Laufstalls.

Ein Weg kann hier die Kombinationshaltung sein. Sie bietet den Tieren Bewegung in Form von Auslauf, Weide oder Buchten. Dies können auch kleine Betriebe umsetzen. Damit die Weiterentwicklung der Betriebe gelingen kann, dürfen ihnen aber bei baurechtlichen Genehmigungen innerorts keine Steine in den Weg gelegt werden. Und wir müssen uns auch um Betriebe kümmern, denen Weiterentwicklungsmöglichkeiten verwehrt sind.“ khe

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