Müll ist nicht gleich Müll im Landkreis Rosenheim

Voller Einsatz: Schüler der Wasserburger Mittelschule kreieren aus alten Stühlen und Abfall farbenfrohe Kunstwerke.

Weg mit dem Müll! Dieses Motto wird in der Region von jungen Leuten auf vielfältige Weise umgesetzt. Die einen sammeln Müll, der achtlos in der Natur entsorgt wurde. Die anderen gestalten Nützliches und Schönes aus altem Abfall.

„Ist das Kunst, oder kann das weg?“ – dieser Satz bekommt an derMittelschule Wasserburg eine ganz neue Bedeutung. Denn alte Dinge, die eigentlich zum Wegwerfen gedacht waren, haben dort ein zweites Leben bekommen. So wurde nicht aus Kunst Müll – wie im prominenten Fall an der Kunstakademie Düsseldorf, wo eine Reinigungskraft die Kunstinstallation „Fettecke“ von Joseph Beuys im Mülleimer entsorgte – sondern aus Müll Kunst.

Wasserburger Schüler peppen Stühle auf

In einem Praxisprojekt haben Schüler aus alten Stühlen künstlerische Ausstellungsstücke geschaffen. Für die Jugendlichen aus der 8. und 9. Klasse hat sich das gleich in mehrerlei Hinsicht ausgezahlt. Sie haben ihre handwerklichen Fertigkeiten und kreativen Kompetenzen ausgebaut, Umweltbewusstsein und nachhaltiges Denken entwickelt und dabei echte Hingucker geschaffen.

Im Unterricht wurden die theoretischen Grundlagen geschaffen. Die Schüler haben erschreckende Zahlen zum Thema „Müll“ gesammelt. Zum Beispiel, dass sich am Meeresboden inzwischen rund 80 Millionen Tonnen Müll angesammelt haben.

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Die Jugendlichen haben auch ein neues Wort gelernt, das eine Lösung beschreiben kann: Upcycling. Dabei werden Abfallprodukte und nutzlose Stoffe in neuwertige Gegenstände umgewandelt. Gesagt, getan!

Los ging es mit aktivem Stöbern. Alte Stühle und Haushaltsgegenstände, die keiner mehr brauchte, wurden zusammengetragen. „Außer Farben, Kleber und Nägel haben wir nur gebrauchtes Material verwendet“, erklärt Künstlerin Andrea Ernst, die das Projekt zusammen mit Klassenlehrerin Regina Brandl leitete. Über mehrere Wochen hieß es für die Jugendlichen dann: Werkeln. Die Stühle und Gegenstände wurden geschliffen, gesäubert, gestrichen und neu gestaltet. Das Ergebnis: 24 kreative Stühle, stolze Schüler und zufriedene Lehrer.

Schulkinder beim Ramadama in Vogtareuth.

Bei Kind und Werk ist Müll ein wertvoller Rohstoff

Ein zentraler Rohstoff ist Müll beim Verein „Kind und Werk“ in Rosenheim. In den rund 20 Kursen für verschiedene Altersgruppe gehe es immer um das ressourcenschonende Arbeiten, wie Mitarbeiterin Irmgard van Berlekom erklärt. Aus Papprollen werden Raketen, aus alten Büchern Lampenfüße und aus CDs Windspiele. „Wir betreiben Recycling auf schöpferische Art“, so van Berlekom.

Der Abfall werde zu Kunst, alte Dinge ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet und dadurch das Material wertgeschätzt. Schon im Satzungszweck des Vereins stehe verankert, Kinder und Jugendliche sensibel zu machen für eine harmonische und existenzfähige Umwelt.

Das Material wird von Privatleuten und Unternehmen gespendet. So stammen etwa aus dem OVB-Druckzentrum große Papprollen oder von Schattdecor Decorpapier.

Ein Lager voller Bastelmaterialien

Gesammelt wird alles in einem Raum, der auf Mitarbeiter wie Kursteilnehmer eine besondere Faszination ausstrahlt: Das Lager voller Müll. Oder, wenn man es mit den Worten der umweltbewussten Künstler sagt: Bastelmaterialien, Rohstoffe für Kunstwerke. „Vor jedem Projekt gehen die Kinder in den Fundus und lassen sich dort inspirieren“, so van Berlekom.

Gebastelt wird mit dem, was da ist – das ist in allen Kursen so. Doch es gibt auch spezielle Kurse, die sich rein ums Upcycling drehen. Wenn es Corona zulässt, soll ab Herbst wieder ein solcher Kurs starten und jeden ersten Dienstag im Monat stattfinden.

In regelmäßigen Ausstellungen werden die Exponate präsentiert. Was nicht gerade aussgestellt wird, können die Kursteilnehmer mit nach Hause nehmen oder verschenken.

Die Wasserburger Mittelschüler haben aus den Stühlen kleine Schätze gemacht.

Auf zum Ramadama!

Doch es gibt auch Müll, den wirklich keiner mehr haben will. Verdrecktes Plastik, Zigarettenstummel und gebrauchte Taschentücher sind klassische Hinterlassenschaften an Gehwegen oder Parks. Da hilft nur eins: Handschuhe anziehen und den Müll einsammeln.

Hier sind die Schulkinder der Region besonders fleißig. An der Grundschule Vogtareuth findet jeden Herbst die große Ramadama-Aktion statt. Die ersten bis dritten Klassen sammeln einen Vormittag Müll im Umkreis der Schule. „Dabei lernen die Kinder, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Schulleiterin Claudia Decker. Seit acht Jahren findet die Aktion statt. Im Durchschnitt sammeln die Schulkinder jedes Jahr an einem Vormittag sechs Säcke voller Müll. Mittags spendiert die Gemeinde eine Brotzeit.

1500 Kinder sammeln drei Tonnen Müll

Rama-Dama-Aktionen gibt es aber nicht nur in Vogtareuth. Das Umwelt- und Grünflächenamtder Stadt Rosenheim führt zum Beispiel regelmäßig Müllsammlungen mit Schulen und Kindergärten durch. Im vergangenen Jahr gab es sogar eine Rekordbeteiligung. Mehr als 1500 Kinder aus zwölf Rosenheimer Schulen und Kindergärten beteiligten sich und sammelten rund drei Tonnen Müll entlang von Flusswegen oder Waldrändern.

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