Die große Unsicherheit

Milchkuh vom Betrieb Hans Mayerhofer aus Unterwindering bei Vogtareuth am Melkroboter. re

Milch, Käse oder Sahne: Die Nachfrage nach Milchprodukten in Corona-Zeiten boomt. Dafür ist das Geschäft mit Großabnehmern wie Gaststätten und Kantinen zum Erliegen gekommen und auch der Exportmarkt ist massiv eingebrochen. Was bedeuten diese Entwicklungen für Molkereien und Milcherzeuger in der Region?

Es ist leer geworden auf den Straßen. Zu den wenigen, die noch regelmäßig und zuverlässig unterwegs sind, gehören die Milchfahrer, die die Milch von den Bauern zu den Molkereien bringen. Dort herrscht vielerorts Hochbetrieb, unter anderem beim Milchwerk Jäger in Haag: „Wir erleben derzeit sehr bewegte Zeiten. Planung ist nicht mehr möglich. Wir müssen uns täglich auf eine veränderte Situation einstellen. Die Discounter bestellen viel mehr als die üblichen Mengen. Dazu reicht unsere Kapazität nicht. Wir müssen Bestellungen kürzen“, sagte Geschäftsführer Hermann Jäger junior noch Anfang April.

Durch die Corona-Krise kam es erst zu Hamsterkäufen in den Supermärkten. Mittlerweile hat das Horten nachgelassen. Dafür hat das Osterfest die Nachfrage noch einmal hochgeschraubt. Doch der gesamte Bereich Gastronomie und Großverbraucherpackungen ist für die Molkerei weggefallen, und das europaweit. Die Mitarbeiter in diesem Bereich werden bei Jäger in der Abteilung für Kleingebinde eingesetzt, die für Supermärkte bestimmt sind.

Ob und wie lange das so sein wird, ist unklar. Sollte es etwa zu starken Verkaufsrückgängen kommen, weil eingefrorene und gehortete Waren erst einmal verbraucht werden, kann auch die Nachfrage aus dem Lebensmitteleinzelhandel sinken.

Dass trotz hoher Auslastung die weitere Entwicklung am Markt unsicher ist, bestätigt auch die Molkerei Bergader. Der Absatz in Deutschland sei zwar konstant. Es gebe aber Anzeichen, dass die Lager des Handels und auch die Kühlschränke der Verbraucher gut gefüllt seien. Daher könne man nicht ausschließen, dass sich die Absatzlage hierzulande in den nächsten Wochen verändern werde: „Im Export, insbesondere in Italien, Spanien und USA, bleiben Bestellungen zunehmend aus. Wir beobachten die Situation tagesaktuell, um auf mögliche Veränderungen und Herausforderungen gut vorbereitet zu sein“, so eine Unternehmenssprecherin.

Mit den Milcherzeugern stehe man in engem telefonischen Kontakt: „Für die Milchabholung gelten strenge Hygienemaßnahmen sowie ein Kontaktverbot. Dank dieser Maßnahmen können wir die Milchabholung bei unseren Landwirten weiterhin sicherstellen“, heißt es aus dem Haus Bergader.

Viele Fragen fürdie Milchbauern

Das stellt die leidgeplagten Milcherzeuger vor viele Fragen: Kann meine Molkerei die Milch mit den vorhandenen Kapazitäten verarbeiten, gibt es ausreichend Absatz? Und wohin entwickelt sich der Milchpreis? Dabei ist die Stimmung unter den Bauern ohnehin nicht rosig, werden sie doch als Mitverursacher von Artensterben und Insektenschwund hingestellt, von der Düngeverordnung und den fehlenden Erntehelfern ganz zu schweigen.

Konnte in den vergangenen Monaten der Milchpreis konstant gehalten werden, ist nun wieder ungewiss, in welche Richtung er sich entwickeln wird. Viele Faktoren sind im Spiel, die eine zuverlässige Prognose erschweren. Sicher ist: „Exporte sind für die bayerische Milchwirtschaft von entscheidender Bedeutung, da mehr Milch produziert wird, als der heimische Markt braucht“, sagt Katharina Zuckriegl, Geschäftsführerin der Milcherzeugergemeinschaft (MeG) Rosenheim-Bad Aibling.

Bundesweit gehen laut Milchindustrie-Verband knapp 50 Prozent der Milch in die EU, nach China, in den Nahen Osten oder USA. Auch aus Bayern wird laut Zuckriegl nahezu jedes zweite Kilo Milch in angrenzende Regionen geliefert. Zusätzlich zu den ausbleibenden Bestellungen kommen Lieferketten, die nur zum Teil funktionieren.

Leidet das Exportgeschäft, wirke sich das nicht nur auf die Molkereien aus, die ohnehin einen hohen Exportanteil haben. „Auch wer vornehmlich für den heimischen Markt produziert, ist betroffen“, so Zuckriegl. Beispiel Käseproduktion: Bei der Herstellung fällt Molke an, aus der weitere Produkte gefertigt werden. Dazu gehört auch Molkenpulver, das unter anderem nach China exportiert wird.

Wohin gehtder Milchpreis?

Erschwerend kommt hinzu, dass die Milchproduktion in diesem Frühjahr über der des Vorjahres liegt. In Österreich haben erste Unternehmen Mengenreduktionsprogramme beschlossen. Das stellt die Milcherzeuger vor Probleme, denn Stellschrauben wie etwa eine Regulierung über das Kraftfutter sind begrenzt. Auch wer seinen Milchviehbestand reduzieren will, kann die Tiere in Corona-Zeiten nicht auf Auktionen verkaufen, weil die ausgesetzt sind.

„Dabei geht es nicht nur um die Milch. Mit dem Wegfall der Gastronomie ist auch der Rindfleischmarkt zusammengebrochen“, so Karl Schult von der MeG Altötting-Mühldorf, deren Mitglieder etwa die Hälfte der Milch an die Molkerei Weiding liefern. Für Schult und alle anderen Vorsitzenden der MeGs, die die Interessen ihrer Milcherzeuger vertreten, werden künftige Preisverhandlungen keine leichte Aufgabe sein.

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