Es werde Nacht! Wider die Lichtverschmutzung in der Region

Der Blick von der Ratzinger Höhe aus Richtung Chiemsee und Bernau zeigt, wie Licht den Sternenhimmel verblassen lässt. Links im Bild die von Salzburg erzeugte Lichtglocke. Lokal die Lichtglocke von Prien und Bernau. „Jeder Lichtpunkt, den man hier sehen kann, ist verschwendetes Licht. Denn man kann das Licht sehen. Würde es nur nach unten strahlen, würde man keinen Lichtpunkt direkt sehen können“, erklärt Manuel Philipp.
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Der Blick von der Ratzinger Höhe aus Richtung Chiemsee und Bernau zeigt, wie Licht den Sternenhimmel verblassen lässt. Links im Bild die von Salzburg erzeugte Lichtglocke. Lokal die Lichtglocke von Prien und Bernau. „Jeder Lichtpunkt, den man hier sehen kann, ist verschwendetes Licht. Denn man kann das Licht sehen. Würde es nur nach unten strahlen, würde man keinen Lichtpunkt direkt sehen können“, erklärt Manuel Philipp.

Dunkel war’s, der Mond schien helle: paradoxe Nächte wie von Ringelnatz beschrieben hat heutzutage nicht mehr nur der Mond zu verantworten. Vom Menschen gemachtes, künstliches Licht sorgt dafür, dass die Nacht verschwindet. Das hat Konsequenzen für Mensch und Natur, gegen die die Paten der Nacht kämpfen. Von Karin Zehentner

„Wir haben gemerkt, dass den meisten Menschen das Problem überhaupt nicht bewusst ist“, erklärt Manuel Philipp. Der Rimstinger Physiker ist Gründer der Initiative, die sich dafür einsetzt, dass die Nacht wieder das wird, was sie war: dunkel.

Mit der Erfindung des elektrischen Lichts am Anfang des 19. Jahrhunderts begannen die Menschen, den Nachthimmel systematisch zu erleuchten. Straßenlampen sorgen für Sicherheit, Flutlichtstrahler ermöglichen das Training auch nach 22 Uhr, Neonröhren posaunen Werbebotschaften in die Welt hinaus. Solarlampen oder Lichterketten ermöglichen es, den Garten oder das Haus in Szene zu setzen.

Das hat schlimme Folgen: Licht gibt den Rhythmus für das Leben auf der Erde vor, der alle lebenswichtigen Prozesse steuert. Nimmt das künstliche Licht zu, gerät das Leben von Mensch, Tier und Pflanze aus dem Takt.

Artensterben an der Straßenlampe

Mehr als 60 Prozent aller Lebewesen sind nachtaktiv. Künstliches Licht stört sie beim Bestäuben, Fortpflanzen und bei der Futtersuche. In der Konsequenz verändern sie ihr Verhalten. Damit verschieben sich Räuber-Beute-Beziehungen. Lebensräume werden dezimiert.

Für unzählige Insekten wird Licht zur tödlichen Falle. „Rettet die Schmetterlinge“, möchte Philipp seine Mitmenschen mahnen. 100 Milliarden Insekten verenden jährlich alleine an den Straßenlaternen in Deutschland. „Das ist ein großes Umweltproblem“, stellt Philipp klar. „Straßenbeleuchtung ist mit verantwortlich für das Artensterben.“

Kunstlicht verwirrt die Vegetation

Künstliches Licht wirkt sich auch auf Pflanzen negativ aus: der Produktionsrhythmus von Duft und Nektar wird gestört, der jahreszeitliche Vegetationsrhythmus kann sich verschieben. Bäume blühen früher oder werfen im Herbst das Laub zu spät ab – vor allem diejenigen, die direkt an oder unter Straßenlaternen stehen. Frostschäden sind die Folge.

Auch der Mensch leidet unter dem Licht, das er brennen lässt: Es stört ihn in seiner Nachtruhe, führt zu Schlafstörungen, Schlafmangel und Erschöpfungszuständen.

Sinnlose Energieverschwendung

Kurz: „Den Schaden, den Licht anrichtet, während wir schlafen, ist immens“, erklärt Philipp. Das Verstörendste daran: „Wir verschwenden eine Menge Energie, ohne dass wir etwas davon haben.“ Denn: 50 bis 80 Prozent des Lichts schießt in der Regel über das Ziel hinaus.

Zum einen brennt nachts das Licht sinnlos vor sich hin – zum Beispiel in Schaufenstern, an Verkehrskreiseln, in reinen Wohnstraßen oder an Bushaltestellen – die Menschen schlafen ja in dieser Zeit. Zum anderen sind die Lichtquellen häufig nicht gezielt eingesetzt.

Beispiel beleuchtete Kirchtürme: Sie werden von unten angestrahlt – und damit wird viel Licht am Turm vorbei in den Himmel vergeudet. Dabei gebe es Programme, die mit Hilfe einer Umriss-Schablone nur die Türme anstrahlen.

Beispiel Straßenlaternen: „Die Masten sind oft zu hoch und stehen zu weit auseinander. Außerdem sind sie mit viel zu hellen Lampen bestückt“, erklärt Philipp.

Die Folge ist nicht nur zuviel Helligkeit und Streuverlust des Lichts, sondern auch eine immense Energieverschwendung. „Die Gemeinden sollten sich die Verträge von den Stromanbietern zurückholen“, so die wichtigste Empfehlung des Physikers.

Licht ausschalten oder gezielt einsetzen

Zweitens sollten niedrigere Masten näher beieinander stehen und mit schwächeren, energiesparenden Lampen bestückt werden, die zudem wärmeres, gelbes Licht abgeben. „Der Vollmond scheint mit 0,3 Lux. Die Straßenlampen haben meist 10 Lux. Das ist zuviel“, so Philipp. Das Sicherheitsargument lässt er nicht gelten: Bei seiner Beleuchtungsvariante sei es immer noch hell genug, damit Fußgänger gut den Weg nach Hause finden. „Auto- und Radfahrer haben ja ihr Licht dabei.“

Bernau denkt über Musterstraße nach

Die Gemeinde Bernau verfolgt nun die Idee, nach den Empfehlungen Philipps eine Musterstraße einrichten. „Das ist ja noch dazu schön für das Ortsbild“, erklärt der Physiker.

Viele Tipps und Informationen, wie sich Licht sinnvoll und sparsam einsetzen lässt, gibt es unter www.paten-der-nacht.de. Zu bestellen ist hier auch ein Flyer über die Paten der Nacht.

Licht aus bei der Earth Night am 17. September

Bei der Earth Night am 17. September (Neumond) sollen Menschen spätestens ab 22 Uhr Licht reduzieren oder abschalten. Das hoffen die „Paten der Nacht“, die Initiatoren der bundesweiten Aktion, die sich für Eindämmung der Lichtverschmutzung einsetzen.

„Die Earth Night will auf die exzessive Nutzung von nächtlichem Kunstlicht und seinen Folgen für Mensch, Umwelt und Natur aufmerksam machen. Sinnlos leuchtendes sowie fehlgelenktes Licht ist Energieverschwendung und schadet dem Klima. Es lässt den Sternenhimmel verblassen, macht den Schlaf weniger erholsam, irritiert Pflanzen und lenkt Vögel auf ihrer Zugrouten fehl, tötet im Sommer milliardenfach Insekten, die dann als Bestäuber sowie den meisten Tieren als Nahrungsquelle fehlen“, erklärt Initiator und Sprecher Manuel Philipp.

Bewusster mit dem Licht umgehen

Die Earth Night sensibilisiert für einen bewussteren Umgang mit der Ressource Licht.

Unterstützt wird die Aktion unter anderem von der Vereinigung der Sternfreunde (VdS) e.V., vom Bund Naturschutz, dem DAV und LBV.

Mehr Infos unter: www.earth-night.info oder www.paten-der-nacht.de.

Manuel Philipp (links) erklärt den Sternenhimmel. In Reit im Winkl hat er zusammen mit der Gemeinde einen Sternenpark errichtet. „Besser wäre es zu sagen: Lichtschutzgebiet“, sagt Philipp. Die Zertifizierung zum Sternenpark ist ein Versuch, die Gebiete zu schützen, die noch dunkel sind.

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