Car-Sharing: Teilen macht glücklich

Julia Adler und Sohn Mirkosind begeisterte Autoteiler. Gerade, wenn etwas Schweres wie Mirkos Lieblings-Limo zu transportieren ist, steigen sie in das Sharing-Auto. Heinz

Eigentlich erledigt Julia Adler ihre Einkäufe mit dem Fahrrad. Doch der Getränkekasten mit Spezi, den Sohn Mirko so gerne trinkt, ist zu schwer für den Gepäckträger. Also nehmen die Mutter und ihr 16-Jähriger für manche Erledigungen doch das Auto. Oder besser gesagt: ein Auto. Denn einen eigenen Wagen besitzt die Familie aus Wasserburg nicht.

Julia Adler ist überzeugte Autoteilerin. „Ich habe schon lange den Traum gehabt, ohne eigenen Wagen auszukommen“, sagt sie, während Sohn Mirko die Leergut-Kiste in den Kofferraum eines Skoda Roomster stellt. Der ist eines von vier Autos, das sich die 25 Vereinsmitglieder in Wasserburg teilen – und die auch während Corona-Zeiten zur Verfügung stehen.

25 Wasserburgerteilen sich vier Autos

Praktisch für Familie Adler: der Skoda steht gleich bei ihnen ums Eck im Wasserburger Ortsteil Burgerfeld. Einsteigen und direkt losfahren – ganz so schnell geht es aber doch nicht.

Zunächst muss Adler den Wagen über die Buchungs-Software der Autoteiler reservieren. Mit ein paar Klicks ist das erledigt. Der Schlüssel liegt sicher in einem Wandtresor verwahrt, dessen Zahlencode nur die Autoteiler kennen. Im Auto dann heißt es: Spiegel und Fahrersitz einstellen, Kilometerzähler aktivieren, Tankanzeigen kontrollieren. Dann kann es losgehen: Auf zum Supermarkt, Spezi kaufen!

„Ich habe mir Wohnort und Arbeit mit der Zeit so arrangiert, dass ich kein Auto mehr brauche“, sagt Julia Adler. Anfangs war es noch ein E-Bike, heute legt die Physiotherapeutin ihre Hausbesuche mit dem Rad zurück. Nur weitere Fahrten oder größeres Gepäck sind nicht mit dem Drahtesel und oft auch nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen. Doch ein eigenes Auto? Das sei für sie immer Stress und ein nötiges Übel gewesen. Die Lösung: Car-Sharing.

In Bayern kommen auf 1000 Einwohner 770 Autos. Jeder vierte Haushalt in Deutschland hat zwei oder mehrere Autos. Völliger Irrsinn! Denn wenn man sich im Straßenverkehr einmal umsieht, sitzen in den meisten Wagen nur ein oder zwei Personen, viele Autos stehen nur ungenutzt herum.

Das Auto als reinesStatussymbol

„Das Auto ist in Deutschland ein Statussymbol“, findet Adler. Es sei einfach bequem, 24 Stunden am Tag ein eigenes Auto zur Verfügung zu haben. „Doch einen Gebrauchsgegenstand zu teilen sehe ich als eine Möglichkeit, die Probleme der Welt zu lösen“, sagt sie voller Überzeugung. Dabei schone man nicht nur die Umwelt und die Ressourcen, sondern lerne auch Solidarität in einer Gemeinschaft.

Die Wasserburger Autoteiler gibt es inzwischen seit über elf Jahren. Debatten über den Klimawandel spielten damals noch nicht so eine große Rolle wie heute. Die Idee hinter dem Teilen der Autos sei reiner Idealismus gewesen, berichtet Adler, die auch die Vorsitzende des Vereins ist. Doch für sie und die anderen Mitglieder sei es nicht nur der Umweltgedanke, der zählt.

Mit Car-SharingGeld sparen

Man spart mit Car-Sharing auch Geld. Abgerechnet wird nach Zeit und Kilometern, außerdem ist eine kleine Monatsgebühr sowie eine Kaution fällig. Bei einer Fahrtleistung von weniger als 20 000 Kilometer im Jahr sei das Autoteilen günstiger als ein eigenes Auto. Zudem habe man nicht den Stress, sich ständig um Werkstattfahrten kümmern zu müssen. Das wird in der Gemeinschaft erledigt.

Inzwischen sind die Einkäufe erledigt und das Mutter-Sohn-Gespann macht sich auf den Rückweg. Während sie sich am Burgerfelder Kreisel in den Verkehr einordnet, erklärt Adler: „Doch das Car-Sharing ist nicht für jeden etwas.“ Wenn jemand das Auto für tägliche Fahrten etwa in die Arbeit brauche, könne das der Verein nicht tragen. Viele der Auto-Teiler benutzen die Wagen zum Einkaufen oder wenn sie einmal ins Umland müssen. Auch einige Senioren und Menschen mit kleinem Geldbeutel sind dabei – für sie eine Möglichkeit, auch ohne Auto Fahrten erledigen zu können. Wer unsicher ist, kann in einer Probemitgliedschaft hineinschnuppern.

Es geht auchohne Mamataxi

Als Julia Adler den Wagen auf seinem reservierten Parkplatz im Burgerfeld abstellt, lädt Mirko den Kofferraum aus. „Mamataxi gab es bei uns nie viel“, berichtet er. Daher gehe er oft zu Fuß und habe sich auf die „Öffis“ umgestellt. Ob er später einmal ein eigenes Auto haben wird, oder ein weiterer Auto-Teiler wird – ungewiss. Klar ist aber, dass das Interesse am Car-Sharing in Wasserburg steigt. Rund 50 000 Kilometer haben die vier Kleinwagen in 2019 zurückgelegt, in 2018 waren es noch 32 000 Kilometer. Die Mitgliederzahl ist von 14 im Jahr 2016 auf 25 in 2019 gestiegen. Tendenz: zunehmend. „Seit Greta gibt es ein Umdenken auch in der älteren Generation“, sagt Julia Adler, während sie die gefahrenen Kilometer in das Fahrtenbuch einträgt. Jetzt muss sie nur noch absperren und den Schlüssel im Wandsafe verwahren, damit er für den nächsten Nutzer bereit liegt. Sie selbst hat ihre Entscheidung lange getroffen: Seit vier Jahren ist sie Autoteilerin und will es auch in Zukunft bleiben.

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