Beruf: Hausfrau und Mutter

Homeschooling: Ohne die Unterstützung eines Erwachsenen geht es nicht. Oft ist es die Frau, die ihre beruflichen Ambitionen zurücksteckt.
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Homeschooling: Ohne die Unterstützung eines Erwachsenen geht es nicht. Oft ist es die Frau, die ihre beruflichen Ambitionen zurücksteckt.

Homeoffice, Homeschooling und Co: Corona verstärkt das traditionelle Rollenbild. Denn in der Pandemie wird die Frau vermehrt für die Kinderbetreuung und die Hausarbeit gebraucht.

Bei Nadine Nübl daheim machen die Kinder brav Hausaufgaben, als sie für das OVB-Interview ans Telefon geht. Neben ihren eigenen beiden Söhnen ist auch noch die Tochter einer Freundin da, auf die die junge Mutter aus dem Landkreis Mühldorf heute Nachmittag mit aufpasst. „Meine Freundin arbeitet tagsüber, da war die Kinderbetreuung im ersten Lockdown natürlich ein riesen Problem“, erzählt Nübl. Sie selbst allerdings hat die Situation in der Corona-Pandemie gut im Griff – Dank einem flexiblen Job und toleranten Arbeitgebern.

„Ich bin Krankenschwester und habe bisher 20 Stunden die Woche in Tag- und Nachtschicht gearbeitet“, erzählt sie. Mit dem ersten Lockdown hat sie ihre Arbeitszeiten komplett auf die späten Dienste verlegt. Die Abend- und Nachtschicht dauert von 16.30 Uhr bis acht Uhr am nächsten Morgen. Damit bleibt tagsüber Zeit für die Kinder. Außerdem konnte sie ihre Arbeitsstunden auf 16 Stunden reduzieren. Ihr Mann, der als Maschinenbautechniker fest angestellt ist, arbeitet seit Ausbruch der Pandemie im Homeoffice. „Wir haben das Glück, zwei sehr tolerante Arbeitgeber zu haben“, sagt Nübl. „Sie tun viel dafür, dass wir die Kinder betreuen können“.

Betreuungsstruktur bricht weg

Manche andere Mütter leiden da deutlich mehr unter der Situation, wie Familienberaterin Katrin Abevi aus Wasserburg berichtet. „Die Betreuungsstruktur bricht bei Lockdown oder Schulschließungen völlig zusammen“, erklärt sie. Auch die Großeltern fallen als Angehörige der Risikogruppe bei der Kinderbetreuung aus. Dazu komme der Frust, hervorgerufen durch das Homeschooling. Denn oftmals klappe der Austausch mit der Schule nicht und die Eltern erfasse das Gefühl, die Kinder würden bei den schulischen Leistungen hinterherhinken.

„Die Frauen versuchen dennoch, das System zusammenzuhalten“, sagt die Erzieherin, die im September die Inn-Familienberatungsstelle gegründet hat. Ihre Beobachtung: Durch den ersten Lockdown seien die meisten noch gut gekommen, doch jetzt stehen erneut Schulschließungen und vereinzelte Quarantäne an. „Ich sehe, dass viele Mütter inzwischen ausgelaugt und erschöpft“, so Abevi.

Für viele bedeutet die Corona-Krise, dass sie vermehrt in die Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt werden. Die Rechnung ist in vielen Familien einfach: Der Mann hat den Job, der die Familie ernährt. „Mütter arbeiten oft Teilzeit und verdienen weniger“, so Abevi. Die logische Konsequenz: Wenn jemand seinen Beruf zurückstellen muss, um die Kinder zu betreuen, und das kein Loch in die Familienkasse reißen soll, trifft es die Frau. „Das Grundproblem dabei ist, das Frauen einfach immer noch zu wenig verdienen“, sagt die Familienberaterin.

Berufstätige sichtbar machen

Berufstätige Frauen mehr ins Blickfeld zu rücken und sie in ihrem Karriereweg unterstützen – das ist der Ansatz des IHK-Arbeitskreises „Frauen in der Wirtschaft“. „Unsere Forderungen bleiben vor und nach Corona dieselben: Wir setzen uns besonders dafür ein, dass Unternehmerinnen sichtbarer werden, durch ihr Vorbild wiederum andere Frauen ermutigen, Unternehmen zu führen und Führungspositionen zu erlangen“, sagt Ingrid Obermeier-Osl, Vorsitzende des Arbeitskreises und IHK-Vizepräsidentin. Sie berichtet zwar von einem positiven Trend, weil inzwischen rund 30 Prozent der Unternehmen in München und Oberbayern von Frauen geführt würden. „Dennoch sehen wir – ob mit oder ohne Corona – noch viel Luft nach oben“, erklärt sie.

Viele Frauen in Teilzeit

Denn immer noch arbeiteten deutlich mehr Frauen als Männer in Teilzeit und verzichteten auf eigene Karrieren. „Tatsächlich hat es bei Corona viele Soloselbstständige und oftmals auch berufstätige Frauen im Einzelhandel besonders hart getroffen“, so Obermeier-Osl. Sie ist überzeugt, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch die Pandemie einen neuen Stellenwert bekommt. Auch die Digitalisierung erhalte einen neuen Schub. Beides könne auch in der Nach-Corona-Zeit den Frauen zugutekommen. Je besser die Vereinbarkeit und je flächendeckender die Digitalisierung, umso höher auch die Chancen, dass Frauen in Zukunft weniger familienbedingt auf ihre eigenen Karrieren verzichten müssen. Von Politik und Gesellschaft fordert sie bessere Rahmenbedingungen für Frauen: Etwa die Möglichkeit einer Ganztagesbetreuung der Kinder bis zum 14. Lebensjahr.

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